Bauarbeiter in Basel-Stadt streiken, obwohl sie eigentlich gar nicht dürften

Etwa 250 Bauarbeiter aus Basel-Stadt protestierten am Dienstag gegen ein höheres Rentenalter. Baufirmen drohten ihnen deshalb den Job zu kündigen, sagen einige der Streikenden.

Am Bahnhof SBB treffen sich die Streikenden. Viele der politisch aktiven Bauarbeiter sind Unia-Mitglieder.

(Bild: Jeremias Schulthess)

Etwa 250 Bauarbeiter aus Basel-Stadt protestierten am Dienstag gegen ein höheres Rentenalter. Baufirmen drohten ihnen deshalb den Job zu kündigen, sagen einige der Streikenden.

Nur eine Abschirmwand trennte am Bahnhof SBB Streikende und Streikbrecher. Hier trafen sich am Dienstagmorgen etwa 250 Bauarbeiter, welche die Arbeit für einen Tag niederlegten. Andere, wie die Bauarbeiter hinter der Abschirmwand, arbeiteten hingegen weiter. Die Kreissäge der Arbeitenden war teilweise so laut, dass sie die Gespräche der Streikenden übertönte.

Die Gewerkschaften Unia und Syna hatten in der ganzen Deutschschweiz dazu aufgerufen, am Dienstag die Arbeit niederzulegen. Hintergrund dafür waren die Verhandlungen über den Landesmantelvertrag, die ins Stocken geraten sind.

Der harte Kern der Streikenden fuhr mit den Unia-Mitarbeitern nach Zürich, wo der Protestzug bis zum Gebäude des Baumeisterverbands ging.

Drohungen gegen Mitarbeiter

Ein anderer Teil der Bauarbeiter legte zwar die Arbeit nieder, protestierte jedoch nicht öffentlich. Einige Baufirmen drohten ihren Mitarbeitern, die Stellen zu kündigen, sollten sie auf die Strasse gehen, sagt Hansueli Scheidegger von der Unia. Auch zwei Bauarbeiter am Bahnhof SBB bestätigen, dass sie mit ihrer Protestaktion das Risiko eingehen, ihre Arbeit zu verlieren.

Denn zwischen Gewerkschaften und Baumeisterverband gibt es eine «Friedenspflicht», die im gemeinsam vereinbarten Landesmantelvertrag festgelegt ist. Die Gewerkschaften sprechen deshalb explizit nicht von «Streik», sondern von «Protesttag». Sie stellen sich auf den Standpunkt, der Baumeisterverband habe den Streit ausgelöst, indem er weitere Verhandlungen verweigerte.

Job in Gefahr

Die Arbeiter am Bahnhof SBB nehmen also das Risiko in Kauf, dass ihr Arbeitgeber das politische Engagement nicht goutiert und ihnen im schlimmsten Fall den Job kündigt. Es sei jedoch notwendig, auf die Strasse zu gehen, da ihre Rente mit 60 gefährdet sei, sagt einer von ihnen, der nicht mit Foto in den Medien erscheinen will. Auch Scheidegger warnt davor, die Bauarbeiter in den Medien abzubilden, da sonst deren Anstellung in Gefahr sei.

So trillern die anonymen Arbeiter mit ihren Pfeifen und machen sich auf den Weg nach Zürich, wo sie sich mit ihren Deutschschweizer Kollegen treffen – insgesamt 3000 Bauarbeiter laut Schätzung der Unia.




Fahnen schwenkend, Pfeiffe trillernd – die Streikenden erinnern am Bahnhof SBB an einen Fanumzug. (Bild: Jeremias Schulthess)

So stand beispielsweise die Grossbaustelle für das neue Biozentrum den ganzen Tag still. «Die haben es geschafft, dass alle Mitarbeiter gingen», sagt der Sicherheitschef der Baustelle und meint damit die Gewerkschafter, welche die Arbeiter mobilisierten.

Auch in Riehen und auf anderen Baustellen in der Stadt hätten etliche Bauarbeiter einen Protesttag eingelegt. «Mindestens auf 30 von 50 Baustellen in Basel-Stadt wurde nicht gearbeitet», sagt Scheidegger. Damit habe eine deutliche Mehrheit der basel-städtischen Bauarbeiter am Protest mitgewirkt. «Nicht alle davon kamen nach Zürich, einige machten den Tag einfach frei.»




Die Baustelle für das neue Bio-Zentrum stand am Dienstag still. (Bild: Jeremias Schulthess)

Die Baumaschinen blieben jedoch nicht überall stumm. Beispielsweise auf dem Erlenmattareal oder auf einer Grossbaustelle im Gellertquartier herrschte reges Treiben. Warum wollten sich die Arbeiter nicht den Streikenden anschliessen? Die Arbeiter auf beiden Baustellen gaben dazu keinen Kommentar.

Zum Protest aufgerufen haben Unia und Syna nur das Bauhauptgewerbe. Sanitär-Arbeiter oder Spengler waren beispielsweise nicht betroffen.

Landesmantelvertrag in Gefahr

Ausgangspunkt für den Protesttag waren die Verhandlungen um den Landesmantelvertrag und die Rente ab 60 für Bauarbeiter. Diese Frührente wird aus einem Fonds bezahlt, der nun eine Finanzierungslücke aufweist. Uneinig sind sich Gewerkschaften und Baumeisterverband, wer für die Lücke aufkommen soll.

Des Weiteren streiten die beiden Parteien über eine neue Schlechtwetter-Regelung und Massnahmen gegen Lohndumping. So wie es momentan aussieht, werden sie sich nicht in absehbarer Frist einigen. Somit ist auch der Landesmantelvertrag in Gefahr, der zum Jahresende ausläuft. Falls kein neuer Landesmantelvertrag zustande kommt, könnten Arbeitgeber beispielsweise Leute ohne Mindestlohn anstellen.




Nicht alle Bauarbeiter legten die Arbeit nieder: reges Treiben auf einer Grossbaustelle im Gellert-Quartier (Bild: Jeremias Schulthess)

Konversation

  1. „… könnten Arbeitnehmer beispielsweise Leute ohne Mindestlohn anstellen.“

    Schreibfehler oder wie muss ich das verstehen Herr Schulthess.

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  2. Ich finde es einfach arrogant wie die Baumeister sich verhalten diese Menschen leisten harte Arbeit und die werden durch diese korrupte Schmierekabinett in Bern im Stich gelassen.

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  3. Immerhin: Diese Leute nehmen persönliches Risiko auf sich (denn nachher werden sie im Regen stehen gelassen).

    Könnte ein Vorbild sein für unsere weichgespülte «Politik» und ihre «Kämpfe».

    Aber dafür fehtl das Personal: Oder kann sich heute einer noch vorstellen, dass ein Bauarbeiter «Co-Präsident» einer «linken» Partei ist?

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