Bedrohte Idylle im Breisgau

Die «Fauststadt» Staufen strebt nach irdischer Schönheit – und wird doch immer wieder von der Unterwelt heimgesucht.

Der Wein vom Staufener Hausberg erhebt das Gemüt.

Staufen ist ein ausnehmend hübsches Städtchen. Idyllische mittelalterliche Gässchen, gepflegte Blumenarrangements, schmucke Boutiquen. Doch der Schein trügt, die Altstadt ist bedroht. Überall sind tiefe Risse in den Hausfassaden sichtbar. Quer darüber kleben grosse rote Pflaster mit der Aufschrift: «Staufen darf nicht zerbrechen!» Schuld ist – uns in Basel kommt es bekannt vor – die Geothermie.

Als in Basel vor knapp 15 Jahren gebohrt wurde, da bebte plötzlich die Erde. Im rund 50 Kilometer entfernten Staufen hingegen hob sich der Boden, nachdem man 2007 ein Loch gebohrt hatte, um das Rathaus mit Erdwärme zu heizen. Durch den Eingriff quoll eine unterirdische Gipsschicht auf. Die Folge: 268 beschädigte Gebäude. Zwei Häuser mussten wegen Einsturzgefahr abgerissen werden. Und die Erde hebt sich seither immer weiter an, bis zu zehn Zentimeter pro Jahr.

Qualität gepaart mit Eleganz

Staufen bleibt trotz Rissen in der Fassade ein kleines Juwel: eine süddeutsche Kleinstadt, die nach Schönheit strebt. Dutzende kleine Läden verkörpern diesen Geist. Sie bieten hochwertige Ware an, in badisch perfekter Qualität, gepaart mit weltläufiger Eleganz.

Bernd Herkenrath ist Herr über ein Reich von erstklassigen Schuhen aus zweiter Hand. Mit Schuhlöffel in der Hand und Tablier um die Hüfte erwartet er seine Kunden im «Classic Shoes». Herkenrath ersteigert Liebhaber-Modelle im Internet und verkauft sie. Meist klassische Schuhe aus Kalbsleder, desinfiziert, gewichst und neu besohlt vom lokalen Schuster. Da wäre zum Beispiel ein massgearbeiteter Wholecut-Schuh ohne Nähte, mit Monogramm. Neupreis 2300 Euro, hier kostet er 390 Euro.

Auch der kleine Laden «Götterwolle – Feines aus Alpaka & Edles aus Equador» verkauft nur Erlesenes, alles Einzelstücke aus Alpakawolle: Streicheleinheiten für die Haut, leuchtende Farben für die Augen und fairer Handel fürs Gewissen.

Die «Feine Kost-Manufaktur Schwarzwaldschön» schafft den Spagat zwischen bodenständigen Schwarzwälder Spezialitäten und kühler Moderne. Das Restaurant ist in Weiss gehalten, die Mittagsmenüs sind multikulturell. Das Klo aber heisst ganz badisch «Schisshisli» für «Maidle» und «Bueble». In den Regalen stehen hausgemachte Sirups und Marmeladen aus der Region.

Durch die Hauptstrasse fliessen zwei Bächle

Staufen wäre nicht Staufen ohne seinen Hausberg. Der makellos geformte Hügel thront einem Vulkan ähnlich über der Stadt, gekrönt von einer fast tausendjährigen Burg, die seit dem Dreissigjährigen Krieg nur noch eine Ruine ist. Aus ihren Fenstern hat man einen atemberaubenden Blick auf das Städtchen.

In Staufen ist die Geschichte omnipräsent. Jedes Jahr findet hier im September «Stages» statt, eine Zeitreise durch die Jahrhunderte. 800 Bürger und Bürgerinnen inszenieren die Geschichte ihrer Stadt, schlüpfen in Kostüme und spielen an allen Ecken Szenen aus der Vergangenheit. Sie demonstrieren vor Tausenden Schaulustigen bäuerliche Bräuche, mittelalterliches Handwerk und ritterliche Fechtkunst, bieten «historische» Waren feil und bereiten Speisen zu wie anno dazumal.

Zwei Bächle plätschern durch die gepflasterte Hauptstrasse, Kinder baden ihre Füsse darin. Staufen wirkt entspannend. Wenn da nur nicht immer wieder dunkle Kräfte aus der Unterwelt wären, die die Idylle empfindlich stören würden. Heute ist es die Geothermie. Früher war es der Teufel.

Im Gasthaus Löwen nämlich wollte der Alchemist Faust Gold herstellen. Und hier soll ihm Mephisto anno 1539 das Genick gebrochen und «seine arme Seele der ewigen Verdammnis überantwortet» haben. Doch Goethe hat ihn unsterblich gemacht – und damit auch Staufen. Wer in die Geschichte eintauchen will, kann eine Nacht in Zimmer Nummer 5 des «Löwen» buchen. Hier hat Dr. Faustus höchstpersönlich gehaust.

Anreise
Mit dem Regionalzug ab Basel SBB und Umsteigen in Bad Krozingen in gut einer Stunde nach Staufen.

Einkehren und Übernachten
Übernachten im Gasthaus Löwen. Schwarzwälder Spezialitäten, Sirup und Marmeladen im «Feine Kost-Manufaktur Schwarzwaldschön».  

Shopping
«Classic Shoes»: feinstes Schuhwerk aus zweiter Hand. «Götterwolle» streichelt die Haut und besänftigt das Gewissen.

Erleben
70. Staufener Musikwoche: 28. Juli bis 4. August 2018
«Stages»: Staufener Zeitreise, 21. bis 23. September 2018

Konversation

  1. Dieser Gips, dieser schöne Gips!
    Er quillt in eben diesem Staufen, er quillt im Bölchen-Autobahntunnel und er quillt im neuen Adlertunnel der SBB so, dass in Pratteln die Tunnelröhre nicht gedeckt werden kann.
    Die Hydraulik davon ist ungeheuer stark.

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