Buschi auf dem Laufsteg, stolze Eltern im Publikum

Im Hotel Euler fand eine Kindermodeschau mit Kleidern lokaler Boutiquen statt. Es war irgendwie herzig, aber irgendwie auch nicht.

Kuckuck! 

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Im Hotel Euler fand eine Kindermodeschau mit Kleidern lokaler Boutiquen statt. Es war irgendwie herzig, aber irgendwie auch nicht.

Ein Kind güggslet hinter samtroten Vorhängen hervor, dann ein zweites. Und dann, endlich, tönen hohe Männerstimmen aus den Boxen und singen vom schlafenden Löwenkönig: «Ah Wimoweh, ah wimoweh». Ein kleines Mädchen tritt heraus auf den roten Teppich, an der Hand seiner Mutter.

Als es die vielen Menschen im Publikum sieht, fängt es an zu weinen und will wegrennen, doch seine Mutter zieht es weiter, einen Schritt nach dem anderen. Der Hut fällt runter, die Mutter platziert ihn wieder auf dem Kopf ihres Kindes, er fällt wieder runter, die Mutter zieht ihn wieder rauf. Sie schleppt ihre Tochter die ganze lange Runde über den Laufteppich.

Im Hotel Euler findet eine Modeschau statt. Die Boutiquen «Sirup» und «Pandali» präsentieren eine Auswahl ihrer Designerkleider für Kinder zwischen null und elf Jahren. Die Models sind: Kinder zwischen null und elf Jahren. Draussen zaubert die Sonne Frühlingsgefühle in Parks und auf Spielplätze, hier drinnen, im Wienersaal, scheinen kristallene Deckenleuchten auf Wolkenfotografien an den Wänden und königsblaue Teppiche am Boden.

Tierchen und Blümchen für Bildungsbürger

Eigentlich ist das Ambiente fast zu gestopft. Auf weiss betuchten Tischen stehen Pizzahäppchen, Säfte und exklusive Gebäckteilchen fürs Publikum bereit. Die Kinderkleider dagegen sind so, wie sie Kinder tragen, deren links angehauchte Eltern einmal etwas Geistes- oder Sozialwissenschaftliches studiert haben und trotzdem zu Geld gekommen sind: pastellfarben bis bunt, mit viel fröhlichen Tieren und Streifen auf den Knabenpullis und Blümchen und aufgenähten Taschen auf den Mädchenkleidchen. Ja, da machen die Designer natürlich schon einen Unterschied, wäre ja noch schöner, wenn da jetzt plötzlich die Geschlechter gemischt würden.

Aber im Vergleich zu den billigen pink gerüschten Lillifee- und Walt-Disney-Fummeln vom Grossverteiler ist das Design hier natürlich viel distinguierter. Eben so, wie man es aus dem Norden kennt, viele der präsentierten Labels sind aus Dänemark, aber auch regional entworfene und genähte Kinderkleider orientieren sich an diesem Stil. Und der passt eben nicht so recht in den Wienersaal. «Die Kaserne oder die Markthalle wären besser gewesen», bemerkt ein Elternpaar aus dem Publikum. 

Tanten, Onkel und viele, viele Grossmütter

Das nächste «Lion King»-Lied ertönt, passend zu den Löwen auf dem Shirt eines Knaben auf dem Laufteppich. Eine Dreijährige saust auf den Laufsteg, sie lacht, reitet ihr Stecken-Einhorn wie eine Königin, und weil es so viel Spass macht, dreht sie gleich noch eine Ehrenrunde. Ach, wie schön ist Aufmerksamkeit. 

Die Kinder dürfen hüpfen, gehen und sich drehen, wie es gerade kommt. Die, die sich allein nicht trauen, nehmen ihre Mütter mit. Das macht offensichtlich Freude. Je kleiner die Kinder sind, desto ungenierter geniessen sie die Bühne, machen den Clown und rennen umher. Je grösser sie werden, desto verlegener wird das Lachen, fast schon arrogant, wie das auch uns Erwachsenen passiert, wenn wir versuchen, unsere Verlegenheit zu überspielen.

Das ist einfach nur herzig.  

Irgendwie rührend sind auch die Eltern im Publikum. Ach was, Eltern! Da sind Tanten, Onkel, Nonnos und Grandmas, Freunde der Familie – alle gekommen, um ihre kleinen Stars zu sehen. Ein paar sprechen Englisch, ein paar Italienisch. Sie halten ihre Handys hoch, wippen im Takt der Musik und sind dabei mucksmäuschenstill. Und sie strahlen, strahlen, strahlen.

Der Vater der Einhorn-Königin sagt überzeugt: «Ich interessiere mich nicht für Mode, aber ich bin hier, um meine Tochter zu unterstützen.» Da hat einer den Jargon von Star-Vätern schon drauf. Seine Tochter «liebt Kleider». Sie ist, wie gesagt, drei Jahre alt.

Eine Mutter hat gleich drei Kinder auf dem Laufsteg. «Ich habe den Anspruch, selber moderne Kleider zu tragen und gut auszusehen.» Das sollen auch ihre Kinder verkörpern. «Als Mami bin ich natürlich schon stolz, dass meine Kinder hier vorne Mode präsentieren.» Sie ist eine Bekannte der Organisatorinnen – wie die meisten Eltern hier. Es handelt sich vor allem um Stammkunden der Kinderläden.

Aber warum bloss?

Aber jetzt mal ehrlich: Wie zum Teufel kommen Eltern auf die Idee, die Kinder an eine Modeschau zu schleppen? Schon mal von Schönheitszwang und so gehört, der Kinder in Selbstzweifel, Essstörungen und andere Katastrophen stürzen kann? Und muss man die Kinder schon von klein auf aktiv zum Konsum erziehen?

Eine Designerin vom Modelabel «Aufgehübscht» sagt: «Man möchte seine Kinder anständig anziehen, ist doch klar.» Und je älter sie werden, desto schwieriger werde das, vor allem bei Mädchen. Wer nicht will, dass die Tochter rumläuft wie eine kleine Lolita, muss erst einmal kindgerechte Kleider suchen.

Und findet sie, eben, in Boutiquen, die viel Zeit und Geld ins Entwerfen oder Importieren stecken – und darauf angewiesen sind, dass auch Geld zurückfliesst: «Und das klappt natürlich nur, wenn wir Werbung machen, so wie zum Beispiel an dieser Modeschau.»

Am Schluss sind alle happy, nur drei Buschi weinen, ihnen war die Show zu laut und lang. Eine Zehnjährige im Publikum dagegen hat richtig angebissen: «Nächstes Mal möchte ich auch mitmachen.» Und das Fazit eines Sechsjährigen, der selbst Model war: «Es war schön, ich hatte ein T-Shirt mit einem Hai drauf an.»

Konversation

  1. Ein Fingerzeig mehr – neben all den 40-jährigen Müttern -, dass Kinder zum Modeaccessoire ihrer Eltern verkommen. Früher gabs auch – meist spontane – Modeschauen an Kinderfesten; heute stört so was nur im nordisch-asiatisch-minimalistisch eingerichteten Haus; man stelle sich nur vor, die Kinder verrücken etwas beim Spielen und man muss den Feng-Shui-Meister anfordern, damit die Schwingungen wieder ins Lot kommen.
    Da ist man schon froh, dass man die Kinder wenigstens unter der Woche in der Kita (neu-schweizerisch für Tagi…) abgeben kann, da sind sie wenigstens versorgt.

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