Claude Pierre Salmony: Ein antiautoritärer Hörspielmacher geht in Pension

Im April wird auf SRF 2 das letzte Hörstück von Claude Pierre Salmony ausgestrahlt. Für den Autor beginnt nach 40 Jahren Radio aber bereits am nächsten Donnerstag ein neuer Lebensabschnitt.

Claude Salmony

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Im April wird auf SRF 2 das letzte Hörstück von Claude Pierre Salmony ausgestrahlt. Für den Autor beginnt nach 40 Jahren Radio aber bereits am nächsten Donnerstag ein neuer Lebensabschnitt.

Sein letztes Werk trägt den Titel «Übung in Glück». Als persönliche Anleitung will Salmony den aber nicht verstanden wissen: «Ich-Symbolik endet meist als narzisstischer Krampf. Dem will ich nicht erliegen.» Süffisant lächelnd fügt er an: «Vielmehr habe ich dafür meine Rolle als Regisseur bereits aufgelöst.» Seine einzige Studioanweisung an die rund 40 Sprecher des Stückes war: «Hurra, wir leben. Lasst uns das feiern.»

Die Sprecher waren keine Profis, sondern Freunde und Bekannte Salmonys und seines Audiotechnikers Basil Kneubühler, die ins ehrwürdige Hörspielstudio hoch auf dem Bruderholz geladen wurden. Mit 30 Mikrofonen wurden die angeregten Gespräche in den verschiedenen Räumen abgehört, zwischendurch spielte eine Band.

Salmony erklärt: «Ich konnte aus einer quasi göttlichen Warte nachhören, was in allen Räumen gleichzeitig passierte.» Dabei interessierten ihn weniger die Gesprächsinhalte als der Klang. «Es wurde weniger narrativ, sondern dokumentarisch wie die Beobachtung eines Naturforschers: Wie klingt der Homo Sapiens Sapiens in seinen freien Momenten beim Festen?»

Früher wurden Hörspiele in Zeitungen besprochen wie Theaterstücke.

Ein schönes Abschlussfest im Habitat von Salmony. Er war 1978 der Erste, der in diesem Studio eine Produktion machte, der gut 100 weitere folgten. Am 16. Februar wird er pensioniert. «Ich muss aufpassen, nicht dauernd in Anekdoten zu verfallen», sagt Salmony beim Fototermin im Hörspielstudio. 

Es fällt ihm schwer, nicht ins Schwelgen zu kommen, wenn er in diesem wunderbaren Spielplatz für analoge Geräusche, der zeitlos futuristisch wirkt, über seine Arbeit spricht. Es sind nicht die technischen Details, die ihn leidenschaftlich erzählen lassen. Es sind die Begegnungen mit Menschen, das Erschaffen und Vermitteln von Kultur.

Eine Hörspielproduktion von 50 Minuten beschäftigte Salmony über Wochen. Früher wurden Hörspiele in Zeitungen besprochen wie Theaterstücke. Den heutigen Untersuchungsmethoden zur Erhebung der Zuhörerzahlen attestiert Salmony «einen Trefferbereich von Kaffeesatzlesen». Ist diese Medienform denn heute noch zeitgemäss? 

«Wer rastlos lebt und arbeitet, findet keine eigene Position.»

Salmony beginnt seine Antwort mit Ausführungen zu einem Hörspiel. Dieses spielt in der deutschen Kaiserzeit, in der der Nationalismus aufkam und die Menschen parallel dazu das Muskeltraining entdeckten. Patriotismus wie Krafttraining sollte die Menschen stärken, doch führte das zum Krieg. «Ich dachte beim Hören, da geht es um heute, und fragte mich: Was ist nun anachronistisch – die momentane Norm oder ich?» 

Heute gebe es wieder mehr junge Leute, die innovative Hörspiele machen. «Die Vielfalt ist dank den neuen, einfacheren Produktionstechniken grösser geworden. Mit dem Internet wurde auch die Verbreitung besser.»

Die mit dem Internet verbundene Temposteigerung passt ihm dagegen nicht. Es folgt ein Plädoyer für die subversive Langsamkeit als Kontrast zur schnellen, zackigen Spiessbürgerlichkeit. «Wer rastlos lebt und arbeitet, findet keine eigene Position.» Das gilt auch für die Medienbranche, in der er 40 Jahre arbeitete: «Knackig müssen bei mir zum Glück bald nur noch die Salatblätter sein!»

«Heute verlangen Betriebe von ihren Angestellten eine innerliche Bereitschaft, die sonst Religionen für ihre Gotteskonzepte einfordern.» 

Er selbst erlebte auf seiner Redaktion wenig Zeit-, Format- und Quotendruck, «weil das ‹SRF 2› aus schlechtem Gewissen gegenüber der sonst verdrängten Kultur von vielem verschont bleibt». Zudem hatte Salmony «das Glück einer Redaktionsleitung von hoher sozialer Kompetenz, die wusste: Ich reagiere allergisch auf Macht.» 

Systemzwängen konnte er sich zwar nicht ganz entziehen, doch ist er nun froh, sich mit der Pensionierung auch «den jetzt üblichen repressiven Liebenswürdigkeiten» entziehen zu können: «Heute verlangen Betriebe von ihren Angestellten eine innerliche Bereitschaft, die sonst Religionen für ihre Gotteskonzepte einfordern.»

Besonders empört den Kulturmenschen, wenn das an Orten geschieht, die Machtstrukturen anprangern. «Das Theater etwa übt Gesellschaftskritik, rüttelt an Autoritäten. Aber wie geht es dort hinter den Kulissen zu und her?»

Das klingt nun alles ein wenig nach Wutbürger. Doch Salmony echauffiert sich nicht aus Frust, sondern aus Lust an der Debatte. Einwürfe seines Gegenübers nimmt er als interessanten Input, will wissen, woher das kommt, und notiert sich Begriffe wie den «Neo-Biedermann». 

«Dank AHV und Pension habe ich ein Grundeinkommen und kann tun und lassen, was ich will.»

Die heutige Zeit empfindet er als sehr retro, vergleicht sie mit dem Historismus am Ende des 19. Jahrhunderts. «Meine Eltern und grosse Teile der Gesellschaft waren zukunftsfreundlich, hofften auf eine offene Moderne. Was die moderne klassische Musik zu Gehör brachte, als ich ein Halbwüchsiger war, war progressiver als die Postmoderne in der heutigen Generation.»  

Mit solchen Aussagen will er nicht schulmeisterlich wirken. Vielmehr diagnostiziert er bei sich einen «Alters-Anarchismus». Bald muss er auch gar nichts mehr: «Dank AHV und Pension habe ich ein Grundeinkommen und kann tun und lassen, was ich will.»

Entscheidungen wird er trotzdem treffen müssen, denn Salmony ist ein Mann der vielen Interessen. Dem Lesesüchtigen reicht «ein Menschenleben nicht» für alle Bücher, die er lesen will. Dann warten eigene Manuskripte und Vorschläge in der Schublade darauf verwertet zu werden. 

«Die Menschen in Ghana wunderten sich, dass wir Westler nie erwachsen werden.»

Damit auch der Körper gefordert wird, trainiert er mit seiner Frau das israelische Selbstverteidigungssystem Krav Maga, ein Salsa-Kurs ist geplant. Wie fände er es, wie andere Pensionäre, die Zeit für Reisen zu nutzen? «Mitmenschen als exotisches Erlebnis angucken gehen? Nein danke.»

Spannend war jedoch der Einblick in die ghanaische Kultur, als er Anfang der 1980er-Jahre einen afrikanischen Freund für ein Hörspiel begleitete. «Die Menschen dort wunderten sich, dass wir Westler nie erwachsen werden und in der frühkindlichen Oralphase stecken bleiben: Der Mund muss permanent beschäftigt sein, durch essen, trinken, rauchen oder sprechen.»

Ein ewig Adoleszenter bleibt Claude Salmony auch als Pensionär. In einer Gesellschaft, die Anpassung als Zeichen von Reife und Erwachsenwerden wertet, ist es nicht sein Mundwerk, das ihm diesen Nimbus verleiht, sondern seine nimmersatte Neugier und das Hinterfragen und Anprangern von Macht.

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Claude Pierre Salmonys letztes Hörspiel «Übung in Glück» läuft am Samstag, 8. April, um 20 Uhr auf Radio SRF 2.

Konversation

  1. Danke für diesen langen Einsatz für ein Medium, das leider immer weniger Gehör findet. Was mir bei Salmony gefällt, ist, dass seine Herangehensweise weniger studiert und weniger germanistisch wirkt, als dies bei der jüngeren Generation von Hörspielmachern der Fall ist. Zumindest eine Zeitlang hörte sich ein Hörspiel an wie die Vertonung eines Uni-Seminars über die Methodik der Dekonstruktion: Ineinandergeschobene und übereinandergestapelte Satzfetzen im Wechsel mit experimenteller Musik à la Heiner Goebbels. Bloss keine Narration, ja keine leicht verständliche Kost, Kunstform für Intellektuelle. Sinnliche und naturalistische auditive Elemente oder der (an Kino erinnernde) Einsatz von Musik sind (oder waren) verpönt. Ich glaube, dass das Hörspiel damit den Grossteil seiner Hörerinnen und Hörer mit Erfolg abgehängt hat. Vielleicht erfüllt sich ja die Hoffnung von Salmony und das Hörspiel findet wieder einen Weg zurück – möglicherweise aber über andere Kanäle als SRF 2.

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