Crowdfunding gegen Oligarchen – wie Journalisten korrupte Medien bekämpfen

Auch im Osten Europas gründen immer mehr Journalisten eigene Zeitungen und Online-Portale. Crowdfunding-Projekte sind oft die einzige Alternative zu den korrupten Mainstream-Medien.

Auch im Osten Europas gründen immer mehr Journalisten eigene Zeitungen und Online-Portale. Crowdfunding-Projekte sind oft die einzige Alternative zu den korrupten Mainstream-Medien.

«Sehen Sie die ehemalige Parteizentrale der Bulgarischen Kommunistischen Partei?», fragt Kiril Bespalov und zeigt auf ein Gebäude auf dem König-Alexander-Platz in Sofia. Der junge, wortgewandte Journalist erzählt, wie er sich vor einem halben Jahr mit seinem Freund Ruslan hier traf, um über ihr geplantes Crowdfunding-Projekt zu sprechen. Plötzlich sei ein Polizist auf die beiden zugekommen und habe sie befragt. «Es stellte sich heraus, dass er mehr über uns wusste als unsere engsten Freunde», erzählt Bespalov.

Dieser Vorfall hat Bespalov in seinem Vorhaben bestätigt, ein unabhängiges Online-Magazin zu schaffen. Er kündigte seinen Job als Chef vom Dienst beim Nachrichtenportal «Expressnews» und gründete mit seinem Freund Ruslan Trad die Nachrichten-Plattform «KlinKlin». Seit Oktober ist die Website nun online.

Eigentumsverhältnisse in bulgarischen Medien sind unklar

Ähnlich dem Krautreporter-Projekt in Deutschland bietet «KlinKlin» seinen zahlenden Abonnenten Reportagen zu verschiedenen Themen an – unabhängig, frei, vor allem aber: Ohne Druck von Politikern oder den Einfluss von Wirtschaftsbossen, ohne Zensur und Selbstzensur. Der Name «KlinKlin» ist eine Kampfansage an das korrupte bulgarische Mediensystem. «Klin klin izbiva» heisst übersetzt «Feuer mit Feuer löschen», erklärt Bespalov. «Wir wollen mit unserer neuen Art der Berichterstattung das alte System sozusagen auslöschen.»

Und so sieht sie aus, die Website «KlinKlin».

Wenn dies gelingt, dann wäre «KlinKlin» eine Revolution in Bulgarien. Das Balkanland bildet auf der Liste der Medienfreiheit das Schlusslicht in der EU und liegt mit dem 106. Platz noch hinter Sierra Leone, Mosambik und Uganda. Eines der grössten Probleme in der Branche ist die mangelnde Transparenz über die Eigentumsverhältnisse. Oft bleibt der wahre Besitzer eines Medienhauses im Verborgenen. Zu beweisen, dass Politiker Eigentümer sind, ist schwer bis unmöglich. Delyan Peevski, Medienmogul und designierter Parlamentarier, sprach vor Kurzem gar öffentlich von «meinen Medien».

Peevskis Wahl zum Vorsitzenden der Staatlichen Agentur für Nationale Sicherheit (DANS) im Juni 2013 löste Massenproteste gegen die damalige Regierung und korrupte Elite aus. Doch seitdem habe sich nicht viel getan, bedauert Bespalov. «Die Medien sind abhängiger denn je, die politischen Absurditäten gehen weiter. Aber die Strassen sind menschenleer, es gibt keine Demos, keinen Aufstand mehr.»

Die Leser entscheiden über die Inhalte

Umso wichtiger sei es, die Gesellschaft wachzurütteln – und das sei eine Aufgabe des unabhängigen Journalismus, sagt Bespalov. Die allererste Veröffentlichung von «KlinKlin» ist eine Abrechnung mit den Mainstream-Medien.

Das Neue an «KlinKlin»: Hier entscheiden die Leser, worüber die Redaktion schreiben soll. Über ein Formular auf der Website können Abonnenten Vorschläge und Anregungen abgeben. Die Texte, die auf diese Weise entstehen, handeln von der Einmischung Russlands in Syrien und dem Westen als Zuschauer der Tragödie – oder aber auch von der bulgarischen Musikszene der achtziger Jahre, die sich schon damals gegen den Status Quo auflehnte.

Probleme macht den Journalisten die Finanzierung. Gerade einmal 2500 Euro haben sie bisher gesammelt. Das liegt nicht nur daran, dass Bulgarien das ärmste Land in der EU ist. Um die Plattform wirtschaftlich zu betreiben, bräuchten die Gründer 25’000 Euro. «Crowdfunding ist relativ unbekannt in Bulgarien», erklärt Bespalov. Mit einer neuen Werbekampagne wollen die beiden mehr Unterstützer finden.

Ähnliche Erfahrungen machen auch die Initiatoren von Crowdfunding-Projekten in anderen Ländern Osteuropas. Vor einem halben Jahr gründete der ungarische Journalist Andras Pethö mit zwei weiteren Kollegen das Investigativ-Portal «Direkt36», das Korruptionsfälle in Ungarn aufdecken soll.

Abgestumpfte Öffentlichkeit

Andras Pethö hatte vor einem Jahr für seinen damaligen Arbeitgeber, das Online-Portal Origo, einen Dienstreisen-Skandal von Viktor Orbans Kanzleramtschef Janos Lazar ans Licht gebracht. Wegen der Veröffentlichung war er bei Origo, das mittelbar zur Deutschen Telekom gehört, unter Druck geraten. Bei «Direkt36» machen er und seine Kollegen nun ohne Einmischung weiter: Sie decken weitere Details des Skandals auf. Derzeit beschäftigten sie sich ausserdem mit den Machenschaften der Elios GmbH, deren Leiter bis vor Kurzem noch Orbans Schwiegersohn, Istvan Tiborcz war.

Doch während das Projekt im Ausland viel Aufmerksamkeit erhält, finden die Enthüllungen in der ungarischen Öffentlichkeit oft kaum Widerhall. «Ich empfinde die Apathie der ungarischen Gesellschaft als äusserst problematisch», sagt Pethö: «Ein kleinerer Korruptionsskandal erntet kaum Beachtung oder stösst sogar auf Gleichgültigkeit.»

Dennoch ist Pethö stolz auf das, was sein Team seit Jahresanfang geleistet hat. Nicht zuletzt, weil das Interesse steigt. So fängt «Direkt36» gerade an, als Dienstleister für unabhängige Nachrichtensender Recherchen und Artikel zu liefern. Mit dem Online-Portal «444.hu» besteht seit Neuestem eine Kooperation.

Raum für öffentliche Diskussionen schaffen

Allein mit dem Geld der 1000 privaten Unterstützer könnte «Direkt36» allerdings nicht arbeiten. «Wir haben verschiedene Förderkreise», erklärt Chefredakteur Pethö. Dazu gehören grössere ausländische Institutionen und mittelständische Unternehmen, wie die Open Society Foundation oder der Rockefeller Brothers Fund.

Ganz ohne Spenden und Stiftungsgelder kommt dagegen ein drittes neues Medienprojekt im Osten Europas aus: Die seit Jahresanfang in der Slowakei erscheinende Tageszeitung «Dennik N». Mitgründer und Chefredakteur Matus Kostolny hatte zuvor mit einem grossen Teil seiner Kollegen die meinungsführende Zeitung «Sme» verlassen, als diese zur Hälfte vom umstrittenen Penta-Konzern übernommen wurde.

Die Gründer von «Direkt36»: Balazs Weyer (links), Gergö Saling (Mitte) und Andras Pethö (rechts).

Die Gründer von «Direkt36»: Balazs Weyer (links), Gergö Saling (Mitte) und Andras Pethö (rechts).

«Sme»-Redakteure hatten Ende 2011 die massiven Bestechungen slowakischer Politiker durch den Penta-Konzern aufgedeckt und dadurch die grössten Massenproteste in der Slowakei seit 1989 ausgelöst. Dass jetzt ausgerechnet «Sme» mehrheitlich in den Besitz von Penta übergeht, war für Kostolny untragbar.

«Sme»-Redakteure hatten Ende 2011 die massiven Bestechungen slowakischer Politiker durch den Penta-Konzern aufgedeckt und dadurch die grössten Massenproteste in der Slowakei seit 1989 ausgelöst.

Sein neues Blatt «Dennik N» versteht Kostolny nicht als eine weitere klassische Tageszeitung, die über das aktuelle Geschehen informiert. «Das erscheint uns im Internet-Zeitalter überflüssig.» Vielmehr wolle «Dennik N» eigene Themen setzen und vor allem auch als Plattform dienen: «In der Slowakei fehlt es an Raum für öffentliche Diskussion. Diesen Raum zu schaffen – das ist für mich der grösste Reiz an unserem Projekt.»

Mit der ersten Ausgabe im Februar schaltete sich «Dennik N» denn auch gleich in die erhitzte Debatte um das bevorstehende Referendum gegen die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen ein und brachte dazu Analysen, Interviews und Kommentare. Neben einer Diskussionsplattform ist «Dennik N» aber auch klar ein meinungsführendes Blatt.

Es kommt auf die Leserschaft an

In der jüngsten Flüchtlingsdebatte lobte das Blatt den Standpunkt von Präsident Kiska, der davor warnte, sich als Staat und Gesellschaft gegen die Aufnahme von Flüchtlingen zu verschliessen und damit eine Gegenposition zur slowakischen Regierung bezog. Und gemeinsam mit den Chefredakeuren von zwölf anderen führenden europäischen Blättern («Die Zeit», «El Pais», «Gazeta Wyborcza» u.a.) appellierte Matus Kostolny Anfang September an die führenden europäischen Politiker, konkrete Vorschläge zur Lösung der Flüchtlingskrise vorzulegen.

Anders als in Bulgarien oder Ungarn gibt es in der Slowakei genügend Leser, die sich für kritische und unabhängige Berichterstattung begeistern können: 12’000 Abonnenten hat das Blatt seit Jahresanfang gewonnen, rund 600’000 Leser besuchen monatlich die Website, Tendenz steigend.

«Wir betrachten es als ein kleines Wunder, dass es uns innerhalb eines halben Jahres gelungen ist, eine starke Redaktion aufzubauen und durch Qualitätsjournalismus neue Leser zu gewinnen», sagt Matus Kostolny. Mit Hilfe von Investitionen der Miteigentümer des Verlags sei «Dennik N» überlebensfähig. Kostolny glaubt, dass die Zeitung in absehbarer Zeit auch Gewinn erzielen kann: «Ich bin überzeugt, dass es in der Slowakei Raum für unabhängige Qualitätszeitungen gibt.»

Assen Jordanov von bivol.bg.

«Die Überlebenschancen eines unabhängigen Medienportals in Bulgarien sind gleich null»: Assen Jordanov von «bivol.bg». (Bild: privat)

Von seinen bitteren Erfahrungen mit kritischem Journalismus kann der Bulgare Assen Yordanov ein Lied singen. Seit fünf Jahren veröffentlicht er auf der Plattform «Bivol» mit Sitz in der Küstenstadt Burgas vertrauliche Dokumente und investigative Recherchen. Der Druck ist enorm: Die Seite ist Cyberattacken ausgesetzt, Unwahrheiten über die Personen hinter «Bivol» werden verbreitet, Assen Yordanov wurde mehrmals auf offener Strasse von Unbekannten angegriffen.

Etwas ändern oder weggehen

Das grösste Problem sei aber, sagt der Journalist, dass seine Enthüllungen von keinem anderen Medienhaus verbreitet werden. Es herrsche ein einvernehmliches Stillschweigen. «Ich habe Korruptionsfälle aufgedeckt, in denen öffentliche Gelder missbraucht wurden, ich habe Beweise vorgelegt, Beschwerden eingelegt, doch diese Fälle verstauben in den Akten. Keiner wird zur Rechenschaft gezogen», sagt Yordanov. Der Staat sei eins geworden mit den kriminellen Strukturen im Land.

Dank spärlicher Spenden können die Domain und die technische Pflege der Seite gewährleistet werden. Bivol hat keine Werbeeinnahmen, und das soll auch so bleiben. «Die Überlebenschancen eines unabhängigen Medienportals in Bulgarien sind gleich null. Bivol ist nur noch dank unseres Idealismus am Leben.»

Für die Gründer von «KlinKlin» ist das aber kein Grund aufzugeben. Sie sehen die Probleme als Herausforderung: «Wir hatten Möglichkeiten, Bulgarien zu verlassen. Aber wir wollen die Sache hier nicht so lassen, ohne etwas probiert zu haben. Erst wenn ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe, dass wir versagt haben, dann verlasse ich Bulgarien», sagt Ruslan Trad von «KlinKlin».

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