Das «Opéra»-Haus war ein Bollwerk des Schönen – und dem Einsturz geweiht

Vor mehr als dreissig Jahren wurde vom Stimmvolk ein interessantes Gebäude gebodigt. Eine Würdigung.

Diese Postkarte zeigt das «Opéra»-Haus an der Heuwaage, das im Winter 1985 vom Basler Stimmvolk mit 59,7% gebodigt wurde.

Bis in die 1980er-Jahre hatte das «Opéra»-Haus die Heuwaage dominiert, bevor es dem Stimmvolk zum Opfer fiel.

Der vermögende Arzt Fritz Schuhmacher wollte an die Heuwaage. Zwischen dem Bahnhof und der Stadt schien ihm der ideale Platz für eine Privatklinik. 1902 kaufte er Land an jenem Ort, den man heute ein Entwicklungsgebiet nennen könnte, und liess zwei Jahre später vom Architekten E. Walzer eine der ersten Eisenbeton-Bauten Basels erstellen. Diese sollte auch Platz für geräumige 5-Zimmer-Wohnungen bieten, die mit dem Luxus von Badezimmern ausgestattet waren.

Sämtliche Brüstungen und Ziergiebel trugen Reliefs mit Darstellungen von medizinischen Symbolen, Pflanzen, Tieren und Fabelwesen, die in Beton gegossen waren.




Diese Figürchen und Ornamente waren alle in Beton gegossen. (Bild: Hans-Jörg Walter)

In seinen 82 Jahren erlebte das «Opéra»-Haus verschiedene Nutzungen. Als Wohn- und Gewerbehaus beherbergte es zuerst eine Privatklinik, ein Kino («Royal», 1911–1916), ein Wohnungseinrichtungsgeschäft, ab den 1950er-Jahren ein Restaurant, ein Automatenspielcasino, und in den 1980-ern gab es ein kurzes Intermezzo mit einem Schwulenclub.

Nach dem Bau des Cityrings (1966–1970) – einer der grössten und gigantischsten Fehlplanungen in Basel überhaupt – ging es mit dem «Opéra»-Haus bergab. Die Wohnungen waren durch den enormen Strassenlärm nicht mehr attraktiv und das Gebäude verwahrloste zusehends. 




Hier sieht man den Bau des Heuwaageparkhauses und des Cityrings, rechts am Bildrand das Opéra. Ca. 1968. Fotograf unbekannt.

Die Besitzer liessen es vergammeln, Obdachlose nutzten es als Absteige, Rockgruppen als Probelokal: Als Teenager spielte ich für kurze Zeit in einer Band, die ein grosses Wohnzimmer mit Cheminée, Balkon und üppiger Stuckatur für wenige Franken mietete. Das nüchterne Neubauprojekt (Diener & Diener Architekten) eines bis zur Markthalle reichenden Geschäftshauses rief Mitte der 1980er-Jahre die Gegner auf den Plan.

Der Basler Heimatschutz und die freiwillige Denkmalpflege lancierten eine Initiative zum Erhalt des Gebäudes, die Diskussion wurde sehr emotional im klassischen Bewahren-versus-Fortschritt-Schema geführt. Der Landesring argumentierte, das verspielte Haus sei einer der letzten Massstäbe an diesem grässlichen Platz. «Man soll die Bollwerke des Schönen verteidigen, wo sie eben stehen.»

Sie PdA konterte: «Wir wollen einen rentierenden Neubau, statt dass der Staat für dieses Zuckerbackwerk eventuell noch Entschädigungen zahlen muss.» Auch die CVP argumentierte, dass Basel nicht nur ein Museum sein dürfe, auch zeitgenössische Architektur könne bleibende Werte schaffen. Das «Opéra»-Haus hingegen sei «ein trauriges Relikt aus einer alten Zeit». Und die FDP verlautbarte, die Gegend um den Bahnhof sei kein Wohngebiet, sondern ein Geschäftsviertel, genauer: ein City-Entwicklungsgebiet.

Das «Opéra»-Haus fiel so verspätet der vom Gewerbe und der Betonmafia gepushten Verkehrspolitik der 1960er-Jahre zum Opfer. Das gegenwärtige Verkehrsregime mit seinen Pollern und Velostreifen kann die Wunden der Vergangenheit auch nicht heilen.

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