Das Theater Basel lüftet den Vorhang

Bei der Saisonvorschau 2013/14 bestätigte das Theater Basel offiziell, was die TagesWoche bereits verkündet hatte: Das Schaupiel macht ohne Simon Solberg im Leitungsteam weiter, während Calixto Bieito neu als «Artist in Residence» ans Haus gebunden wird.

Co-Schauspielchef Simon Solberg ist gegangen, die anderen machen auch in der Saison 2013/14 weiter. (Bild: Dominique Spirgi)

Das Theater Basel präsentiert für 2013/14 einen Spielplan mit neuen und neuen alten Namen an den Regiepulten, einigen Klassikern der Schweizer Literatur sowie zwei Schneewittchen-Produktionen.

«Wir haben das Blut bereits bestellt», verkündete Tomas Schweigen, einer der beiden verbleibenden Co-Leiter des Schauspiels, an der Spielplanpräsentation (pdf-Dokument) des Theater Basel. Und zielte mit dieser Bemerkung auf Calixto Bieitos neuem Engagement als Schauspielregisseur am Theater Basel.

Bieito, der bislang in Basel mit seinen herausragenden, zum Teil aber auch nicht ganz jugendfreien Operninszenierungen für Aufmerksamkeit gesorgt hat, wird als neuer Hausregisseur neben einer «musikalischen Aktion» mit dem Arbeitstitel «De Rerum Natura» den alles andere als blutleeren Schauspielklassiker «Bluthochzeit» von Federico Garcia Lorca inszenieren.

Begrüssung eines radikalen Hausregisseurs

Die ironisch gemeinte Randnotiz dürfte bei konservativen Theaterbesucherinnen und Theaterbesuchern auch ein wenig Unruhe auslösen. Denn Bieito hat sich in Basel (und an anderen Bühnen) einen Namen als radikaler Regisseur gemacht, der nicht davor zurückscheut, auch klassische Opernstoffe mit zum Teil beunruhigenden (aber stets klug durchdachten) Bildwelten umzusetzen. Ihn in Basel neu auch Schauspielregisseur kennenlernen zu können, ist überaus erfreulich. Theaterdirektor Georges Delnon zeigt sich nach eigenen Worten «glücklich und stolz» über dieses Engagement. Und Bieito freut sich offensichtlich sehr auf seine Aufgabe in Basel: «I love this city», betonte er, und das Theater Basel bezeichnete der international begehrte Regisseur als «one of my favorite houses».

Trennung im gegenseitigen Einvernehmen

Diesem Gewinn steht aber auch ein Verlust gegenüber: Simon Solberg tritt, wie die TagesWoche bereits bekanntgab, aus der Schauspielleitung aus. Delnon betonte, dass die Trennung im nicht als Floskel zu verstehenden gegenseitigen Einverständnis erfolgte: Solberg sei als Leitungsperson am Theater Basel ebenso wenig glücklich geworden wie das Theater mit ihm in der Leitungsfunktion, sagte Delnon. Er betonte aber gleichzeitig, dass das Leitungstrio «mit einem freudig engagierten und aufmüpfigen» Theater «hervorragende Arbeit» geleistet habe.

Diese «hervorragende Arbeit» im Schauspiel wird künftig in den Händen des Duos Tomas Schweigen und Martin Wigger liegen. Sie müssen nicht zuletzt auch die Lücke füllen, die Solberg als Regisseur hinterlässt – er wird nicht mehr in Basel inszenieren. Ebenso wenig wie Thom Luz oder Bettina Oberli, die in der zu Ende gehenden Spielzeit Spuren hinterlassen haben, denen man gerne noch weiter gefolgt wäre.

Neue Köpfe an den Regiepulten

Dafür sind einige interessante Namen im Programm zu finden, die am Theater Basel selten bis nie gearbeitet haben. So etwa Barbara Weber und Sebastian Nübling, beides Ausnahme-Theaterleute, die man sich durchaus als neue Direktoren des Dreispartenhauses vorstellen könnte. Barbara Weber, die aktuell noch als Co-Leiterin des Zürcher Theaters am Neumarkt engagiert ist, wird sich mit einer Dramatisierung von Dürrenmatts Krimi «Der Richter und sein Henker» befassen. Und Sebastian Nübling kehrt mit einer vom jungen theater basel koproduzierten Dramatisierung von François Bégaudeaus Roman «Die Klasse» ans Theater Basel zurück, das ihm viele spannende und international gefeierte Produktionen verdankt.

Zu den neuen Köpfen gehören auch der Leiter der bekannten Avantgarde-Truppe «The New York City Players» Richard Maxwell und der ungarische Regisseur Victor Bodó, die beide im Spielplan unter dem Label «International Affairs» aufgeführt sind. In «Vorpremieren» werden Maxwell mit einer eigenen Produktion mit dem Titel «Isolde» und Bodó mit Tschechows «Die Möwe» im September die Schauspielsaison eröffnen. Was mit der Bezeichnung «Vorpremieren» genau gemeint ist, wurde an der Spielplanpräsentation nicht gesagt. Neu als Regisseur seine Spuren in Basel hinterlassen wird auch Markus Heinzelmann, der seine in der aktuellen Produktion «Vaudeville! Open Air» eingebette Handwerkerszene aus Shakespeares «Ein Sommernachtstraum» nun mit der Haupthandlung des Klassikers ergänzen wird. Als neue Regisseurin ist auch Barbara-David Brüesch aufgeführt, die Arthur Millers «Tod eines Handlungsreisenden» inszenieren wird.

Bewährte Personalien

Es gibt auch Regisseure, die weiterhin hier arbeiten werden. Allen voran Tomas Schweigen, der zusammen mit seiner Far A Day Cage-Truppe John Grays «The Beggar’s Opera» und ein weiteres, noch nicht näher spezifiziertes Schauspielprojekt inszenieren bzw. produzieren wird. Erneut dabeisein wird auch Volker Lösch, der nach seiner faszinierenden «Angst»-Produktion nun Frischs «Biedermann und die Brandstifter» durch die chorische Mangel drehen wird. Niklaus Helbling macht sich an Gottfried Kellers Roman «Das Fähnlein der sieben Aufrechten», während der junge Regisseur Patrick Gusset im Rahmen des Stück Labor Basel den ersten Theatertext der gefeierten und Buchpreise einheimsenden Romanautorin Melinda Nadj Abonji mit dem Arbeitstitel «Schildkrötensoldaten» inszenieren wird.

Mit «¡¿…?!» (das ist kein Tippfehler, sondern ein Arbeitstitel) wird auch Christoph Marthaler wieder mit von der Partie sein. Mit einem noch nicht genauer definierten Projekt, das aber, wie Tomas Schweigen nach eigenen Angaben in Erfahrung bringen konnte, «eher Schauspiel, vielleicht mehrsprachig» sein werde. Schauspiel-Ensemblemitglied Andrea Bettini wird schliesslich zusammen mit seinem Compagno Christian Vetsch von «I pelati delicati» als Familienproduktion Carlo Collodis «Pinocchio» auf die Bühne bringen.

Saisonbeginn mit «Tosca»

Der Opernspielplan ist erneut geprägt von Georges Delnons Vorliebe für Neue und französische Musik. So steht neben einer Uraufführung mit dem Titel «Der Anschlag» (zu einem Libretto von Lukas Bärfuss), das Gegenwartsmusiktheater «Votre Faust» von Henri Pousseur und Heinz Holligers einzige Oper «Schneewittchen» (Link mit Hörproben) auf dem Spielplan. Von bekannten französischen Komponisten stammen die beiden Produktionen «La Damnation de faust» (Hector Berlioz) und «L’enfant et les sortilèges» (Maurice Ravel).

Die Theatersaison beginnt aber am 11. September ganz klassisch bzw. melodramatisch mit Puccinis «Tosca», einer der beliebtesten Stücke der Opernliteratur, gefolgt von der ebenso bekannten romantischen Oper «Lohengrin» von Richard Wagner, der im späteren Verlauf der Spielzeit als dritte populäre Position Tschaikowskijs «Eugen Onegin» folgen wird.

Ergänzt wird der Musiktheaterspielplan, der sich mit «The Beggar’s Opera» ja auch mit dem Schauspiel überlappt, mit Calixto Bieitos «musikalischer Aktion» «De Rerum Natura» nach Lukrez (noch ohne Angaben von Kompositionen) und von Joachim Schlömers Inszenierung von Henry Purcells Halboper oder Masque «The Indian Queen». In diese Sparte hinein reicht auch die Produktion «Johanna von Orléans» (nach Schiller) des Jungen Schauspiels Basel. Und mit «Fame» wird Regisseur Tom Ryser einmal mehr die Freunde des Musicals beglücken.

Bewährtes beim Ballett

Wie ein Fels in der Brandung des zum Teil etwas durchgerüttelten Theater Basel steht Richard Wherlock mit seinem Ballett. Mit «Snow White» (Musik: Timothy Henty, Choreografie: Richard Wherlock) und «Blaubarts Geheimnis» (Musik: Giuliano Betta, Choreografie: Stephan Toss) stehen zwei Handlungsballette auf dem Programm. Dazu gibt es den Ballettabend «Absolut Dansa» mit Choreografien von Johan Inger und Alexander Ekman, ein Education-Projekt mit Richard Wherlock und Béatrice Goetz, ein Gastspiel der Compagnie Danza contemporánea de Cuba im Rahmen von Steps 2014 und das Dancelab 6, das wiederum von den Tänzerinnen und Tänzern des Ensembles choreografiert wird.

Auch bei der Präsentation des Spielplans griff die Leitungscrew des Theaters wieder auf ein bewährteres Muster zurück. Statt eines moderierten Gesprächs wie im letzten Jahr, ging man brav der Reihe nach von einer Spielplanproduktion zur nächsten. Ein braver Spielplan ist es aber nicht, der hier präsentiert wurde. Das Theater Basel versucht nach wie vor mit einer mutigen dramaturgischen Handschrift das Publikum (wieder) für sein Theater zu begeistern.

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