Der dickste Hintern – und warum die lange Oscar-Nacht sonst noch bitz lustig war

Die Oscars waren auch dieses Jahr wieder betörend bedeutungslos. Immerhin gabs zum Schluss ein spassiges Missverständnis.

An Oscar statue is covered in plastic Thursday, March 2, 2006, during red carpet preparations for the 78th annual Academy Awards outside the Kodak Theater in the Hollywood section of Los Angeles. The show will be broadcast live on ABC on March 5. (AP Photo/Nick Ut)

(Bild: Keystone/Nick Ut)

Präsidenten-Klamauk, Goldkleidchenrausch und ein Haufen Bustouristen zur Auflockerung: Die Oscars waren auch dieses Jahr wieder betörend bedeutungslos.

Jedes Jahr dasselbe Dilemma: Wollen wir uns das wirklich antun? Fünf Stunden lang Roben, Reden, rasende Langweile? Fünf Stunden «this is incredible», «what are you wearing» und «I thank my moms»? Viereinhalb Stunden Werbung?

Jedes Jahr dieselbe Antwort: Eigentlich wollen wir nicht, aber wir müssen. Schuld daran ist die elende Celebrity-Krux, bekannt aus Wartezimmern und Mittagspausen: Was kümmert es mich, ob Jude Law seine Gattin mit der Nann… ist das etwa Lindsay Lohan?! Wie fett sie geworden ist! 

Nichts ist so beruhigend, wie einem berühmten, schönen Menschen beim Scheitern zuzusehen. Schadenfreude ist eine Urfreude des Menschen, und am besten ist sie, wenn man den Menschen nicht kennt und er eklig reich, schön und berühmt ist. Die Oscars sind der perfekte Tummelplatz für diesen Ekel, und dank «ProSieben» können auch wir Normalos live dabei sein, wenn sich die Reichen und Schönen zusammenfinden, um sich gegenseitig Reichtum und Schönheit zu attestieren.

Also setzen wir uns um zwei Uhr morgens aufs Sofa, schmeissen die French Press an und hoffen wie jedes Jahr auf kleine Skandale und fette Hintern.

Hey Drumpf, u up?

Dieses Jahr waren zumindest die Sprüche schon vorgegart, schliesslich sitzt in Amerika eine Witzfigur auf dem Präsidentensessel, der man im Laufe des Abends sicher den einen oder anderen beschränkten Tweet entlocken konnte. Das wusste auch Comedian Jimmy Kimmel, der durch den Abend führte und noch vor der Show sein Wort an den Präsidenten richtete:

Mr. Drumpf blieb aber seltsam still. Nach seinem letzten Tweet («Big dinner with Governors tonight at White House. Much to be discussed, including healthcare.») sieben Stunden vor der Verleihung war nichts mehr von ihm zu hören.

Obwohl ihm Kimmel reichlich Futter hinwarf. Erst machte er sich über Drumpfs Meryl Streep-Diss lustig:

Und dann liess er auch noch den Pöbel in die Veranstaltung: Um dem echten Amerika auch mal einen Schimmer Hollywood zu verpassen, schleuste Kimmel nämlich kurzerhand eine Ladung ahnungsloser Bustouristen ins Dolby Theatre.

Star dieser Aktion: Gary aus Chicago. Niemand weiss, was er von Beruf ist, wie seine Kinder heissen oder seine Träume aussehen, aber er hat Nicole Kidmans Hand geküsst und den Goodie-Bag von Ryan Gosling in die Hand gedrückt gekriegt. Wer braucht da noch Träume?

It’s Denzel, so it’s legal!

Die Hampfele Echtleben im Glamourpalast sollte wohl Grosszügigkeit und Menschennähe suggerieren, sorgte aber zumindest bei den Stars für gehörig Unruhe. Panisch grinsend reichten sie den Eindringlingen ihre zarten Elfenbeinhände (Kidman) oder wimmelten sie mit Geschenken ab (Gosling). Einzig Denzel Washington (oder «der da», wie ihn Garys Verlobte Vicky nannte) zeigte Kreativität: Er stand auf und traute die beiden kurzerhand. Kimmel darauf: «It’s Denzel, so it’s legal!» Alle lachten nervös und schienen sehr erleichtert, als der Trupp wieder nach draussen chauffiert wurde.

Nach diesem gewagten Stunt wussten wir: Viel besser würde es nicht mehr kommen. Also bitz auf Vogue.com rumgesurft für diesjährige Robentrends. Gold und Transparenz standen dieses Jahr ganz oben, allen voran Schauspielerin Jessica Biel, in einem Traum aus Rettungsdecke, mit Gatte Justin Timberlake, der im grellen Glanz dieses Prachtstücks auf gutes altes Photobombing zurückgreifen musste, um wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit zu kriegen: 

Einmal Blut geleckt, und Emma Stone (ebenfalls in Gold) musste auch gleich dran glauben:

Der wiederum schien der übermütige Timberlake Glück zu bringen – Stone gewann kurz darauf den Oscar als beste Schauspielerin. Sehr zum Verdruss aller Huppert- und Portman-Fans, die es nicht ertrugen, dass das goldene Männchen an einen Film ging, in dem man nicht zwei Stunden lang einer Frau beim Leiden zuschauen musste. 

Immerhin eignet sich Büsi-Face Stone für gute Memes:

Die Sadness-Quote hob dafür der Oscar für die beste männliche Hauptrolle: Casey Affleck gewann ihn, für «Manchester by the sea», ein Film über «a crying Casey Affleck telling people he’s fine, for two hours».

Viel mehr Aufsehenerregendes schien es davor und danach nicht mehr zu geben. Die Schweizer Filme «Ma vie de courgette» und «La Femme et le TGV» gingen leer aus, die Nebenrollen-Oscars gingen an Mahershala Ali für «Moonlight» und Viola Davis für «Fences». Letztere hielt endlich wieder einmal eine Rede, bei der einem nicht das Gesicht einschlief, und irgendwann half auch der sechste french-gepresste Kaffee nichts mehr.

Und der Gewinner ist…äh

Bis Warren Beatty kam. Der nicht mehr ganz junge Schauspieler und mehrfache Oscar-Gewinner sollte zum krönenden Abschluss den Gewinner der Auszeichnung für den besten Film ausrufen – und verkündete euphorisch: «La La Land!» Die Gewinner kamen auf die Bühne, Emma Stone verdrückte ein paar Büsi-Tränen, die Regisseure dankten ihren «wonderful wives» – bis Beatty plötzlich von hinten rief: «Entschuldigung, aber ich glaube, da gabs ein Missverständnis.»

Gab es. 

Gewinner war nämlich nicht «La La Land», sondern «Moonlight». 

Beatty hatte den falschen Zettel in die Hand gedrückt bekommen, nämlich den der «Best Actress». Das «La La»-Team wurde also wieder von der Bühne geschickt, um Platz zu schaffen. Für ein paar andere glückliche, reiche, talentierte, schöne, berühmte Menschen.

Uns war das mittlerweile egal. Fette Hintern hatte es auch dieses Jahr nicht gegeben. 

 

Die Gewinner im Überblick

 

Bester Film: «Moonlight»

Bester Hauptdarsteller: Casey Affleck – «Manchester by the Sea»

Beste Hauptdarstellerin: Emma Stone – «La La Land»

Bester Nebendarsteller: Mahershala Ali – «Moonlight»

Beste Nebendarstellerin: Viola Davis – «Fences»

Bester fremdsprachiger Film: «The Salesman» – Iran

Beste Regie: Damien Chazelle – «La La Land»

Bestes Originaldrehbuch: Kenneth Lonergan – «Manchester by the Sea»

Bestes adaptiertes Drehbuch: Barry Jenkins – «Moonlight»

Bester Kurzfilm: Kristof Deák und Anna Udvardy – «Sing»

Bester Dokumentarfilm: Ezra Edelman und Caroline Waterlow – «O.J.: Made in America»

Bester Animationsfilm: «Zootopia»

Bester animinierter Kurzfilm: Alan Barillaro und Marc Sondheimer – «Piper»

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