Der freche Spatz

Spätestens seit dem Ausbruch des «Arabischen Frühlings» hat sich Twitter zum Kultmedium unter den sozialen Medien gemausert. Zwar hat der Kurznachrichtendienst keine Revolutionen ausgelöst, wie das oft behauptet wird. Aber Twitter hat mit seinen Informationen über Revolutionen weltweit Menschen mobilisiert.

(Bild: Herbert Knosowski / AP / Keystone)

Spätestens seit dem Ausbruch des «Arabischen Frühlings» hat sich Twitter zum Kultmedium unter den sozialen Medien gemausert. Zwar hat der Kurznachrichtendienst keine Revolutionen ausgelöst, wie das oft behauptet wird. Aber Twitter hat mit seinen Informationen über Revolutionen weltweit Menschen mobilisiert.

Spätestens seit 2009 ist Twitter in aller Munde. Dieser 2006 erfundene Kurznachrichtendienst ist eine Art Mischung aus SMS und Weblog: Man hat 20 Zeichen weniger zur Verfügung und fast unbegrenzt viele Empfänger. Diese sucht man sich wie beim Weblog nicht aus, sie melden sich selbst an, um die Tweets aufs Handy zu bekommen oder im Internet zu lesen.

Für diese «Follower» ist es, als würden sie eine Zeitung abonnieren, die sehr, sehr kurz ist und alle paar Stunden oder Minuten erscheint. Und die jeden Leserbrief sofort abdruckt – denn man kann, wie beim Weblog, auch eigene Kommentare posten, an den «Zeitungsherausgeber» und an andere «Leserbriefschreiber».

Was hat es mit dieser neuen Kommunikationsform auf sich, deren Logo der Spatz ist? Und warum wurde ein Gezwitscher-Medium für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen?

Comeback des Aphorismus

Einer der schönsten Twittersprüche lautet: «Mit Flugangst befindet man sich ständig unter Zugzwang.» Ein ande­rer, der die Limitierung der Zeichen sportlich nimmt: «Schön von Weitem, aber weit von Schönem.»

Wer Tweets gesammelt liest, etwa im Buch «Twitter – das Leben in 140 Zeichen» (Pons, 2010), hat den Eindruck, mit diesem neuen Medium erfährt der gute alte Aphorismus sein Comeback. So viel Pointe bei so wenig Platz, so viel Sprachbewusstsein.

Liest man Tweets allerdings nicht im Buch, sondern auf Twitter, wird man lang auf gute Erträge warten. Man wird, folgt man einer Bekannten, mancherlei Frühstücksmeldungen aus­hal­ten müssen: «Heute mal Lachs und Pro­secco zum Aufstehen, obwohl ich mit Manfred am liebsten nie aufstehen würde!» Man wird bei Filmstars auf eben solche Meldungen vergebens ­warten und vor allem Selbstpromotion finden.

Der Alltag von Jennifer Lopez

Aber manchmal gibt es auch da mal ein persönliches Wort wie von Jennifer Lopez an ihre fünf Millionen Follower am 1. 3. 2012: «GoodNight #LOVE?RS! Been busy but you’re always in my thoughts!! Hope you’re enjoying @Ame­ricanIdol & #staytuned #new­music this month!!!» Für Uneingeweihte: @ bezeichnet eine konkrete Anrede, in diesem Falle an die TV-Show «American Idol», die also zu Lopez’ fünf Millionen Lesern gehört; # markiert den dann folgenden Begriff, was erlaubt, trendige Themen zu erkennen, denn solcherlei «tags» lassen sich in allen Tweets der Welt auswerten.

Wer lieber Politikern folgt, wird bei Barack Obama zumindest während der Wahlkampagne wieder viele Zitate aus und Hinweise auf Reden finden. Auch Deutschlandradio und NZZ nutzen Twitter vor allem als Anzeigemedium und Link-Sammler in eigener Sache. Dadurch hat sich das Medium zwar entfernt vom Image der Aphorismusschmiede, aber ebenso von den Frühstückstrivialitäten. Kein Wunder, dass auch die Wirtschaft Twitter inzwischen vehement nutzt für PR, Marktforschung und Kundenbindung.

Facebook ohne Freundschaftszwang

Am dankbarsten sind die unbekannten Twitterer, die sich einen Namen dadurch machen, dass sie kluge Kommentare zu aktuellen Ereignissen posten oder zu interessanten Artikeln linken, selbst wenn diese nicht von ihnen handeln oder geschrieben sind. Das macht Twitter zu einer Art persönlicher Zeitung, vergleichbar mit Facebook, aber ohne dessen Freundschaftszwang und Flut an Urlaubsbildern.

Seinen eigentlichen Ritterschlag aber erhielt Twitter durch den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinejad und durch einen 27-jährigen Mitarbeiter des Weissen Hauses. Als im Juni 2009 das Green Movement Ahmadinejad Wahlbetrug vorwarf, sah Jared Cohen in der damals noch jungen Technologie Twitter den Hauptorganisator der Proteste in Teheran und bat mit Absender des Weissen Hauses das Unternehmen, geplante Wartungsarbeiten, die zum kurzzeitigen Ausfall geführt hätten, zu verschieben.

Damit wurde Twitter von offizieller Seite eine zentrale Rolle für die Zukunft Irans zugesprochen, was die «Los An­geles Times» zum Titel «Tyranny’s New Nightmare: Twitter» ermunterte. Wenige Monate später titelte die «Washington Post» zum «Arabischen Frühling» mit der ganzen Wucht des Stabreims: «In Egypt, Twitter Trumps Torture.»

Liebling der Thinktanks

Bereits im Juli 2009 wurde Twitter für den Friedensnobelpreis ins Gespräch gebracht. Was für ein Karrieresprung in nicht einmal 140 Tagen! Das einstige Klatschmedium war zum Liebling politischer Thinktanks geworden.

Hinter dieser Euphorie verbargen sich die Hassliebe der alten zu den neuen Medien und eine gehörige Portion Techniknarzissmus. Evgeny Morozov nennt dies «digital orientalism»: Der Westen kompensiert seine völlige Ahnungslosigkeit, was die Situation in den arabischen Staaten betrifft, indem er die Rolle seiner Technologie als Demokratisierungsmittel in politisch rückständigen Ländern hochspielt.

Die Tatsache, dass es 2009 in Teheran nicht einmal 100 Twitter-Accounts gab und dass die meisten Tweets, die Iran betrafen, auf Englisch statt auf Farsi verfasst waren, stützt Morozovs These: Twitter diente nicht der Organisation der Demonstranten, sondern der Information unter den Exilanten.

Eine Twitterrevolution gibt es nicht

Gleichwohl schüttet Morozov das Kind mit dem Bade aus. Natürlich werden auch künftig nicht Medien Revolutionen oder Unruhen hervorrufen, sondern konkrete soziale Umstände. Aber die Medien können mobilisieren, indem sie wie Twitter das Video bekannt machen, das den Tod der jungen Teheranerin Neda Agha Soltan durch die Kugel eines Soldaten zeigt – oder ein halbes Jahr später die Bilder von der Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohammed Bouazizi.

Revolutionen werden nicht wegen Medien gemacht, aber mit Medien. Deswegen von einer Twitterrevolution zu sprechen, ist sicher so sinnvoll wie die Französische Revolution eine «Briefrevolution» zu nennen, weil die Beschwerdebriefe, die Ludwig XVI. damals in Auftrag gab, um die Abgeordneten der einberufenen Generalstände über die Probleme im Land zu informieren, das revolutionäre Bewusstsein der Bevölkerung erst schärften.

Aber muss es gleich eine Revolution sein? Twitter politisiert auch als tägliches Kommunikationsmedium, im Verbund mit den anderen neuen Medien: Man verfolgt online die Debatte des Bundestags, liest, sendet sogleich Kommentare und verweist zeitgleich auf erhärtende oder widersprechende Informationen im Internet.

Fehlt nur die Twitter-Wall hinter dem Rednerpult, auf der die eingehenden Tweets sofort zu sehen sind. Es wäre die perfekte Imitation der antiken Agora im Zeitalter der Massengesellschaft. Ein Albtraum für die Demokratie, wenn das Publikum fraktionsspezifische Zuspitzungen zulasten «fauler» Kompromisse favorisiert und die Sacharbeit der Profilierungsgier der Politiker geopfert wird.

Das Ziel ist der ReTweet

Überhaupt ist Zuspitzung die Botschaft des Mediums. Zum einen gibt es keinen Eignungstest zur Dialogfähigkeit der Twitterer. Zum anderen wird im allgemeinen Gezwitscher am ehesten gehört, wer am lautesten tönt. Denn das Ziel ist der ReTweet – also die Ehre, dass der eigene Tweet von Lesern an andere Twitterkanäle weitergeleitet wird und so mehr Aufmerksamkeits-kapital generiert.

Messerscharfe Beleidigungen können es sogar in die etablierten Medien schaffen, die Twitter nicht nur als Echtzeit-Nachrichtendienst nutzen, sondern gern auch als «Stimme des Volkes» zitieren. Das macht Twitter allerdings auch zum beliebten Tummelfeld für sogenannte Trolls. Die ­Bezeichnung für diese speziellen Internetnutzer lehnt sich an die Streiche-­Spieler aus der nordischen Sagenwelt an.

Diese Heckenschützen des Cyberspace provozieren gerne die Wächter der «political correctness» durch rassistische Äusserungen oder belästigen andere Nutzer durch nervende Kommentarlawinen. Es sind die Dieter Bohlens und Harald Schmidts des Internets, die meist unerwartet aus dem kommunikativen Nichts auftauchen und oft anonym handeln.

Die halbe Wahrheit

Das führt zurück zur Eingangsbemerkung. Die Zuspitzung, die Twitter nicht nur durch die erzwungene Kürze fördert, greift die Technik des Aphorismus auch dann auf, wenn der Tweet ­jeden philosophischen und rhetorischen Ehrgeiz vermissen lässt.

Wenn Tweets pointiert und polemisch Schlagworte statt Argumente liefern, teilen sie zumindest diesen Mangel an Ausgewogenheit und Differenzierung mit dem Aphorismus. Denn auch der «deckt sich nie mit der Wahrheit», wie Karl Kraus, einer der bissigsten Aphorismusschreiber, einst notierte, «er ist entweder eine halbe Wahrheit oder anderthalb.»

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 30.03.12

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