Der frühe Vogel kann mich mal

Wieso unser Sportredaktor die Nacht dem Tag vorzieht.

Nachtaktiver Sportredakteur: Christoph Kieslich.

(Bild: Nils Fisch)

Wieso unser Sportredaktor die Nacht dem Tag vorzieht.

Wie es dazu kam? Schwer zu sagen. Ich kann es nicht einfach auf genetische Veranlagung schieben, nur weil mein Vater auch ein Nachtmensch ist. Sitzt spät abends noch am Küchentisch und arbeitet sich durch die Zeitungen des Tages. Während meine Mutter, von der ich andere schöne Angewohnheiten mitbekommen habe, schon zu Bett gegangen ist und mit ihrem Tablet sowieso einen Nachrichtenschritt voraus ist.

Die Nacht zum Tage zu machen hat natürlich viel mit dem Job zu tun. Oder sagen wir es so: Es hat mich nie grosse Überwindung gekostet, spät am Abend erst so richtig auf Betriebstemperatur zu kommen. An Texten zu arbeiten, ob an eigenen oder fremden, am Endprodukt zu feilen, an Überschriften und Details wie Schusterjungen und Hurenkindern, so lange, bis der Chef vom Dienst einem die Seite entreisst, das habe ich immer als lohnende Anstrengung empfunden.

Irgendwann hat mir mal jemand weismachen wollen, dass meine Nachtaktivität etwas mit meinem relativ niedrigen Blutdruck zu tun hätte. Kann schon sein. Zu meiner Freiburger Zeit hatten wir mal von acht Uhr morgens an zwei Stunden lang einen Tennisplatz zur Verfügung. Es waren lächerliche Vorstellungen, die ich abgegeben habe. Hätten sie mich mal besser abends gefragt: ein Unterschied wie Tag und Nacht!

Vormittags einen Leitartikel verfassen? Eine Qual für mich!

Um Mitternacht das Ausscheiden des FC Basel aus der Champions League einordnen? Eine schöne Aufgabe. Auf die Idee kommen, eine Lanze für den FCB-Trainer brechen zu wollen? Da kann ich auch nach Mitternacht noch zu Form auflaufen. Vormittags einen Leitartikel verfassen? Eine Qual für mich!

Und es gibt noch zwei weitere für mich spannende Effekte: Hochangespannt zu arbeiten, während in einem Stadion 40’000 Menschen drum herum ein Spektakel veranstalten, und in einen Tunnel einzutauchen. Und sich in der Redaktion schon von einem Gespräch zwei Tische weiter aus der Konzentration bringen zu lassen.

Welche Vorteile bringt da der Tag bei Anbruch der Nacht? Kein Anrufe mehr, keine Mails – nur noch ich und der Text.

Schichtarbeit schadet dem Denkvermögen

Dabei gäbe einem die moderne Wissenschaft allerhand Grund, sich Sorgen zu machen. Eine US-Studie hat bei 240’000 Krankenschwestern, die im Schichtdienst arbeiten, ein zwischen 15 und 18 Prozent erhöhtes Risiko einer koronaren Herzerkrankung festgestellt. Forscher in Toulouse sind zur Ansicht gekommen, dass jahrelange Schicht- und Nachtarbeit Gedächtnisleistung und Denkvermögen verringern. Und Arbeitsmediziner der Universität Köln haben aus einem Querschnitt von 30 Studien ein erhöhtes Krebsrisiko für Schicht- und Flugpersonal abgeleitet.

Die besorgniserregenden Befunde könnten beliebig fortgesetzt werden. Und dennoch ist die Nacht mein Freund. Es geht mir auch so weit ganz gut. Wie es einem halt geht mit 54. Wenn man sich immer noch einbildet, einmal die Woche auf dem Fussballplatz mithalten zu können und es anschliessend zwickt und zwackt. Und wenn man obendrein eine lange Karriere als Raucher hinter sich hat und Rot- von Weisswein unterscheiden kann.

Der Weg in den Journalismus hat mit dem Nachtleben viel zu tun. Und für einen Sportjournalisten geht der Arbeitstag eben in der Mehrheit der Fälle in der Nacht zu Ende. Manchmal, wenn es die Temperaturen erlauben, auch mit einer Nachspielzeit in der heimischen Gartenlaube. Und mit einem Stirnrunzeln der Ehefrau.

So verführerisch der dehnbare Redaktionsschluss ist – er kann auch Fluch sein.

Es fing schon mit dem ganz eigenen Zauber von Flutlichtspielen an. Irgendwann ist der späte Anpfiff von Fussballspielen zum Marketinginstrument in der Prime Time geworden. Und damit für uns das Anschreiben gegen den Redaktionsschluss zum eigenen Wettbewerb. Und dann das digitale Zeitalter. Das Internet hat die Tag-Nacht-Grenze weiter verschwimmen lassen. Im Netz ist nie Feierabend oder Gute-Nacht-Zeit. Aber so verführerisch der dehnbare Redaktionsschluss ist – er kann auch Fluch sein.

Hier noch ein Gedanke, dort ein weiterer Aspekt. Ein Absatz mehr oder weniger spielt keine Rolle, Übersatz kennt das Content-Management-System nicht wirklich. Dann hier noch ein Link, dort eine kleine Statistiktabelle, und dieses spät gelieferte Bildmotiv der Agentur würde die Slideshow eigentlich perfekt abrunden. Bis dann auch noch Tipp- und sonstigen Fehler korrigiert sind, kann es spät werden, sehr spät.

Das kann so spät werden, dass sich Fuchs und Hase längst gute Nacht gesagt haben und aus Nachbars Garten ein fetter Igel sich grunzend seinen Weg bahnt. Auch das ist das Schöne an der Stille der Nacht: Geräusche wahrzunehmen, denen man zur viel gerühmten Morgenstund mit dem Gold im Mund und so nie gewahr werden würde. 

Damit wir uns nicht missverstehen: Nix gegen frühes Aufstehen. Einer der Ersten auf der Skipiste zu sein – eine für mich und vor allem meine geliebte Frau ebenso verlockende Vorstellung wie eine ausgeprägte Nachtschicht. Beides lässt sich meistens schlecht vereinbaren. Und deshalb kann mich der frühe Vogel mal. In diesem Sinne: gute Nacht.

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Die TagesWoche bringt Licht ins Dunkel der Nacht mit einem Schwerpunkt. Bisher erschienen:


Konversation

  1. Exakt meine Welt, vielen Dank für dieses Lanzenbrecher für die Nachtmenschen! Ein paar Details zeigen mir auch einen leichten Fall von ADHS 🙂

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  2. Da haben wir was gemeinsam Herr Kieslich, ich kann Sie gut verstehen , meine Aufmerksamkeit und Spannkraft sind abends auch entschieden höher als Frühmorgens. Nur- das mit dem Blutdruck, das sollten Sie nicht verallgemeinern und es stattdessen geniessen, dass sie eher zu den Tiefdruck-Individuen gehören- das kann ich von mir gerade nicht behaupten und dennoch bin ich eine Nachteule !

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