Der irre Gang der Ökonomie

Ein Schuh kann mehr sein als ein simpler Alltagsgegenstand. Der griechische Philosoph Aristoteles hat daraus einen Schlüssel zum Verständnis der modernen Ökonomie gemacht.

Aristoteles erkannte, dass in einem Schuh mehr als nur ein Fuss steckt.

Ein Schuh kann mehr sein als ein simpler Alltagsgegenstand. Der griechische Philosoph Aristoteles hat daraus einen Schlüssel zum Verständnis der modernen Ökonomie gemacht.

Haben Sie sich jemals gefragt, worin der Verwendungszweck eines Schuhs besteht? Der griechische Philosoph Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) hat es getan und ist dabei zu erstaunlichen Einsichten gelangt, wie ein Blick in Buch eins seiner politischen Schriften («Politika») ergibt.

Wie für viele andere Dinge haben wir Menschen auch für Schuhe einen doppelten Verwendungszweck. Wir können sie entweder anziehen und damit ihren ursprünglichen Verwendungszweck nutzen. Wir können sie aber auch gegen etwas anderes eintauschen oder sie auf dem Markt verkaufen.

Der Gebrauchswert, den Schuhe für uns haben, ist ihnen eigen, seit der erste Schuh das Licht der Welt erblickte. Dem Gebrauchswert verdankt der Schuh, dass Menschen ihn überhaupt erfanden.

Die Erfindung des Gelds

Die Entstehung des Tauschwerts ist etwas komplexer. Damit dieser in die Welt treten kann, braucht es menschliche Gesellschaften, in denen nicht jeder alles, was er zum Leben braucht, auch selber herstellen kann oder will. Anders gesagt: Erst wer nicht mehr sein eigener Schuhmacher ist, ist auch darauf angewiesen, sich sein Schuhwerk anders zu beschaffen. Hier kommen der Handel und der Markt ins Spiel – und das Geld.

«Durch die Einfuhr dessen, was man entbehrt, und die Ausfuhr des Überschusses», bemerkt Aristoteles, «dehnte sich die Hilfsleistung über die Landesgrenzen hinaus aus, und so ergab sich mit Notwendigkeit die Verwendung von Geld. Denn nicht alle naturgemäss notwendigen Güter sind leicht zu transportieren. Also kam man überein, beim Tausch gegenseitig eine Sache zu nehmen und zu geben, die selbst nützlich und im täglichen Verkehr handlich war wie Eisen, Silber usw.»

Mit der Erfindung des (Metall-)Geldes erhielt der Begriff des Reichtums eine neue Schattierung. Zuvor galt als reich, wer in der Lage war, die Güter, «die für das Leben notwendig und nützlich sind», zu beschaffen und vorrätig zu haben. Der «Bedarf an solchem Besitz» ist nicht grenzenlos. Es ergibt keinen Sinn, 10’000 Schuhe zu besitzen, wenn man jeweils doch nur zwei anziehen kann.

Grenzenloser Reichtum

Im Moment, wo Geld ins Spiel kommt, fällt diese natürliche Grenze. Reichtum in Form von Geld strebt danach, ins Unendliche zu wachsen. Man könnte auch sagen: Mit dem Geld steht der menschlichen Gier ein Medium zur Verfügung, durch das sich weit grössere Besitztümer anhäufen lassen, als dies auf der Stufe des reinen Warentauschs möglich war.

Die Geldgier hielt Aristoteles für ein Verderben, wie er mit einem Verweis auf das Schicksal des mythischen Phrygerkönigs Midas deutlich machte. Midas hatte sich nämlich, getrieben von seinem Verlangen nach Reichtum, gewünscht, dass alles, was er berühre, zu Gold werde. Sein Wunsch ging voll und ganz in Erfüllung – und Midas musste elendiglich verhungern.

Wundersame Geldvermehrung

Als besonders hassenswert galt Aristoteles der Wucher, «der aus dem Geld selbst den Erwerb zieht und nicht aus dem, wofür das Geld da ist. Denn das Geld ist um des Tausches willen erfunden worden, durch den Zins vermehrt es sich aber durch sich selbst.»
Im Gegensatz dazu verdient sich beispielsweise ein Schuster sein Geld, indem er mit seinen Schuhen – neben dem Tauschwert – einen realen Gebrauchswert herstellt.

Aristoteles‘ harsches Urteil über die antike «Finanzwirtschaft» ist vor dem Hintergrund der Geschichte Athens nachvollziehbar. Geld ermöglicht es nicht nur grosse Reichtümer anzuhäufen, sondern auch drückende Schulden. Dies war im Athen des ausgehenden 7. Jahrhunderts v. Chr. im grossen Umfang der Fall.

Manche Bauern verschuldeten sich gar derart, dass sie schliesslich ihr Land verloren oder als Schuldknechte zu Sklaven ihrer Gläubiger wurden. Erleichterung brachten erst die Gesetze des Politikers Solon (etwa 640 bis 560 v. Chr.), der die Schuldknechtschaft verbot und Schulden strich.

Waren Aristoteles bereits die antiken Geldverleiher ein Gräuel, so hätte ihn ob der modernen Finanzjongleure und des schwindelerregenden Casinokapitalismus unserer Tage erst recht ein metaphysisches Grauen gepackt. Angesichts des ins Gigantische wachsenden Verbriefungsbergs hätte er wohl verzweifelt gerufen: «Schuster, bleibt bei euren Leisten!»

Quellen

Aristoteles: Politik (1. Buch, 1256 a 1 – 1259 b 36). Übersetzt von Olof Gigon. München 1973.

Konversation

  1. so richtig post-aristotelisch wird’s dann, wenn die börsen-zocker bei wintereinbruch nebst den getreidelagern auch die schuhstapel der hilfswerke auf- und verkaufen: der eine setzt drauf, dass der leidensdruck bei sinkender temperatur die preise steigen lässt, sein casinokumpel darauf, dass mit dem grossflächigen abfrieren der füsse die nachfrage sinkt – alles auf dem niveau von wertneutralen push- & pull-optionen.

    (ein prima foto – wo stammt das her?)

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  2. Unsere Realität heute: Wir leben in einer Tausch- und Wertgesellschaft. Hast du was, bist du was. Egoismus, Habgier, Neid, Geltungssucht sind die Früchte davon. Einsamkeit auch.
    Zunahme des psychischen Krankheiten auch.

    Getrieben von Aktivismus hetzen die meisten unserer Spezies von einem Erfolg zum andern. Wir haben bis heute viel Neues gelernt. Das Wichtigste jedoch bis heute nicht, obwohl wir es aus der Geschichte lernen könnten. Scheinbar sind wir das einzige Lebewesen, das sich selber bewusst umbringt.

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