Der Mann, der die Hölle von Schweizerhalle fotografierte

Seine Bilder gingen um die Welt: Pressefotograf Silvio Mettler war am 1. November 1986 der erste und stundenlang der einzige Bildjournalist am Brandplatz von Schweizerhalle. Heute hat er ein Schlossereigeschäft und besitzt nicht mal mehr eine Kamera. Der TagesWoche hat er seine Geschichte erzählt.

Silvio Mettler, 53. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Silvio Mettler war der erste Fotograf am Brandplatz von Schweizerhalle. Heute betreibt er eine Schlosserei und besitzt nicht einmal mehr eine Kamera. Der Bildjournalist schildert seine Erlebnisse und seine Erfahrungen.

Er besitzt keine Kameraausrüstung mehr. Wozu auch? «Ich wüsste nicht, was ich mit den Bildern anfangen sollte. Die Freunde mit Dia-Abenden langweilen?», fragt Silvio Mettler, 53, lakonisch. Dabei war der Inhaber einer Schlosserei einst Fotograf mit Leib und Seele, oder vielmehr: Bildjournalist. Aufgegeben hat er den Job, «weil ich mir elegantere Arten vorstellen kann zu verhungern.»

Sein grosser Scoop, so nennt man eine journalistische Einzelleistung, war der Sandoz-Brand in Schweizerhalle im Jahre 1986: Mettler, 28 Jahre jung, war der erste und stundenlang der einzige Fotograf am Brandplatz. Er verschoss sieben oder acht Filme, einen davon in Farbe, und diese Bilder gingen um die Welt.

Reich geworden ist Mettler dennoch nicht. «Saudumm gelaufen», erzählt er im Interview – nachdem sich in der ersten Hälfte des Tages keine ausser der «Basler Zeitung» für seine Aufnahmen zu interessieren schien, bot er sie zum Pauschalpreis einer der Agenturen an, für die er arbeitete. Kaum waren die Fotos über den Ticker gelaufen – von Digitalfotografie, Internet und Mobiltelefonen war damals noch keine Rede – da «kam ich mir vor wie ein Manager: Einen Telefonhörer an jedem Ohr, sprach ich mit Redaktoren aus aller Welt.» Aber es war zu spät: Der Preis für die nicht mehr exklusiven Bilder war kaputt. Ein paar tausend Franken habe er an den Bildern verdient. Und am Brandplatz ein Paar Schuhe ruiniert.

Aber ums Geld sei es ihm ja nie gegangen, sagt Mettler. Er war einer der besessenen, der rasenden Fotoreporter, die damals noch  überall hinrasten, wo es brannte. Im Zeitalter der analogen Fotografie waren Fotografien von Unfällen und anderen nachrichtenrelevanten Ereignissen ein gesuchtes Gut, um das sich die lokalen Fotografen einen wahren Wettkampf lieferten.

Man kannte alle Würdenträger und Funktionäre, und «die Jungs von der Feuerwehr waren dankbar, dass jemand über ihre Arbeit berichtete.» Auch in Schweizerhalle ist Mettler mit den Mannen der Berufsfeuerwehr ins Gelände vorgestossen, die allerdings nach ihm vor Ort angekommen seien, wie er stolz betont. «Die kannten mich und ich sie», und auch mit den meisten Polizisten habe er ein gutes Verhältnis gehabt. Bloss der Sicherheitsdienst der Sandoz habe ihn insgesamt sicher dreimal vom Gelände schmeissen wollen, worauf er sich jedesmal erfolgreich auf das Katastrophenregime und die angebliche Verfügungsgewalt der Feuerwehr berufen habe.

Aber aller Beziehungen zum Trotz sei das Leben als rasender Fotoreporter ein einsames gewesen, schildert Mettler. «Man hat mich wohl überall begrüsst, und ich habe die Gesichter dieser Stadt gekannt.» Aber zu oft habe der Name zum Gesicht gefehlt, und nach der 800’000sten Pressekonferenz sei auch das Dasein als lokaler Pressejournalist nur noch halb so spannend.

Den Traum, als Fotoreporter für grosse Magazine durch die Welt zu reisen, erhoffte er sich dank Schweizerhalle erfüllen zu können – schliesslich hatte er jetzt seinen Namen, war in allen wichtigen Publikationen gedruckt worden. Was also hielt ihn davon ab, Karriere zu machen, was liess ihn zum Schlosser werden, der nur noch mit dem Mobiltelefon fotografiert und sich über die moderne Art des Bildjournalismus eher enerviert als ihr nachtrauert? «Den Ausschlag, den Job an den Nagel zu hängen, gab die Geburt meiner Tochter. Ich wollte nicht, dass sie mich nur von Postkarten aus anderen Ländern kennt, wenn ich zu Hause auftauche.»

Welches sind Ihre Erinnerungen an den Tag, als es in Schweizerhalle brannte? Teilen Sie sie mit uns.

Quellen

Konversation

  1. am Brandplatz, der ebenfalls stundenlang auf dem Gelände fotografierte. Der Schauplatz war ja komplett ungesichert. Der Fotograf, damals um die zwanzig Jahre alt und Amateur, hat seine spektakulären Fotos aus Idealismus an die linke WoZ geschickt. Er hat nicht einmal ein Dankeschön erhalten.

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  2. in diesen tagen, kurz bevor ich nach sardinien auswandern wollte, lebte ich bei meiner freundin. zu meinem elend hatte sie eine katze, resp. ich selbst war höchst allergisch. es war eine der nächte, in der ich zwischen heissen wasserdämpfen in der küche und der kalten nachluft am fenster hin-und herging um mein asthma im griff zu bekommen. mein x-ter gang an s fenster war dann aber ein albtraum, anstatt frischer luft, drang eine richtige suppe in meine atemwege. es stank fürchterlich. ich war verwirrt, weckte meine freundin. sie bestätigte meine wahrnehmung. wir wussten ganz schnell da stimmt etwas ganz und gar nicht: der nachthimmel war zu hell, die luft zu dick und der geruch penertrant. etwa um 3h morgens schalteten wir das radio ein, und tatsächlich, das radio informierte über den brand in schweizerhalle. wir telefoniereten mit freunden und familie, alle hatten angst. wenig später gingen die sirenen los und viel viel später- etwa um 5.30h- fuhren dann endlich auch polizeiwagen mit lautsprecher durch unsere strasse. die weisungen waren genau so erschreckend, wie der beissende geruch: fenster und türen geschlossen halten, in den häusern bleiben. wie ein irrwitz kam es uns dann vor, als bereits um 8h morgens der basler bildungsdirekter entwarnung gab und die kinder zur schule schickte.
    die angst war gross- aber die empörung auch.
    tagelang waren wir mit tüchern vor dem mund unterwegs, wenn der wind kehrte stinkte es wieder heftiger. jedesmal fürchteten wir, es brenne wieder. der rhein war dunkel rot und die fische schwammen auf dem rücken. dazu immer und immer wieder zu hören, es bestehe keine gefahr für die bevölkerung grenzte an wahnsinn. wer sollte das glauben?!
    wir versuchten wochenlang uns unabhängige informationen zu besorgen, wir sammelten die toten fische ein und brachten sie auf einem silbertablett der sandoz mit…angst und wut war riesig, an auswandern dachte ich erst wochen später wieder.

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  3. Ich lebte damals in Itingen und war 14-jährig – wir hatten morgens um sieben keine Ahnung, ob wir zur Schule dürfen oder überhaupt einen Schritt vor die Türe machen können. Dann kam aber schnell die Entwarnung.

    Im Nachhinein betrachtet war unser Umgang mit der Katastrophe leichtfertig; wir glaubten den Verantwortlichen sofort, dass die Luft sauber sei und fuhren am Nachmittag an die Herbstmesse, wie wenn nichts gewesen wäre.

    In diesem Blogbeitrag habe ich selbst aufgenommene O-Töne von Radio Raurach verewigt; in unseren Schülerzeitungsberichten kann man zudem fast jeden unserer Schritte an diesem denkwürdigen Tag nachlesen: http://blog.jacomet.ch/?p=7479

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  4. Mein Schlafzimmer war plötzlich hell erleuchtet und ich schaute ins besorgte Gesicht meines Vaters. Wenig konnte ihn damals aus dem gesegneten Schlaf reissen, aber als Nachkriegskind war er offenbar auf Sirenenalarm sensibilisiert. Die Familie sass kurz darauf in der Stube am Radio und wartete gebannt auf genauere Informationen. Ich erinnere mich kaum an meine Gefühlslage damals, nur daran, dass ich danach unbedingt zum Radio wollte. Es dauerte dann noch fast 8 Jahre, bis dieser Wunsch Wirklichkeit wurde.

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  5. Ich hatte meine Studentenbude als letzter und einziger Student in der Mansarde in der Basler Niederlassung eines Männerstiftes. Der gute Pater, der das Haus verwaltete, Spendenaktionen organisierte und hin und wieder als Spitalpfarrer fungierte, war ein waschechter Schwabe, Ex-Brasilien-Missionar, und einmal im Jahr wegen seiner Malaria-Spätfolgen für ein bis zwei Wochen ausser Gefecht. Aber an diesem frühen Morgen war er hellwach, wie ich. Aufgrund der Lautsprecherdurchsagen auf der Strasse waren wir wach geworden, der Gestank hat uns verschreckt, und wir trafen uns in der Küche beim Radio. Pater H. fasste sich rasch, holte den Aquavit aus dem Schrank und die Schnappsgläser aus dem Tiefkühlfach, in dem er sie stets aufbewahrte. Als schliesslich die vorläufige Entwarnung über den Äther kam, waren wir beide sturzbetrunken und extrem fröhlich, der Student und der siebzigjährige Pater.

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