Der Schirm: Metamorphosen eines Gebrauchsgegenstands

Der Regenschirm entwickelte sich im letzten Jahrhundert zu einem Erfolgsmodell. Klimaerhitzung und Wetterwandel stellen ihn zunehmend vor Probleme – und könnten zu einer Renaissance des Sonnenschirms führen.

Kreativ adaptiert: Am Anfang war der Sonnenschirm.

(Bild: Jonathan Clark)

Der Regenschirm entwickelte sich im letzten Jahrhundert zu einem Erfolgsmodell. Klimaerhitzung und Wetterwandel stellen ihn zunehmend vor Probleme – und könnten zu einer Renaissance des Sonnenschirms führen.

Den meisten von uns hat er mehr als einmal gute Dienste erwiesen. Und doch ist seine Geschichte schlechter erforscht als das Leben der Roten Waldameise (Formica rufa). Ja, Sie ahnen es (oder auch nicht), die Rede ist vom Regenschirm (Umbrella communis utilis).

Da – wie angetönt – eine autoritative Studie fehlt, die uns bei unserer Beschäftigung mit dem Regenschirm als Referenzwerk dienen könnte, tun wir das, was man in solchen Fällen meist tut: Wir konsultieren die entsprechenden Seiten im Internet (Wikipedia et cetera). Dabei verziehen sich die Regenwolken zunächst einmal und machen Sonnenschein Platz. Denn der Regenschirm ist eigentlich ein verkappter Sonnenschirm. 

Ein Abkömmling des Sonnenschirms

Dies wird sofort klar, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass man früher in der Schweiz von «Parasol» sprach, wenn man den Regenschirm meinte. Dabei gab es so unterschiedliche dialektale Ausformungen wie «Beresol», «Barisool» und andere mehr.

In Liestal wurde daraus laut dem «Schweizerischen Idiotikon» «Parisool» beziehungsweise «Parisööl». Jedenfalls gab der Liestaler Walter Meier (1837–1901) zu Protokoll, ein Händler habe, «wo d Parisööl im Aafang vo däm Joorhundert uufchoo syy, vil rooti Parisööl vo Paris lo choo».

Parasol ist ein Lehnwort aus Frankreich, das offenbar aus dem sonnigen Süden – Italien oder Spanien – dorthin gelangt ist. In ihm sind zwei Komponenten zu einem neuen Begriff verschmolzen. Zum einen das Substantiv il sole beziehungsweise el sol (Sonne), zum andern entweder das italienische Verb parare (abwehren) oder die Präposition para im Sinne von «gegen». Sei dem, wie es wolle: Der Regenschirm ist ein Abkömmling des Sonnenschirms.

Der heute im Französischen für Regenschirm übliche Ausdruck Parapluie ist entsprechend aus der Vorsilbe para und dem Substantiv pluie (Regen) gebildet. 

Antike Ursprünge

Sonnenschirme waren schon in den alten Kulturen des Zweistromlands sowie in der griechischen und römischen Antike beliebt. Sie wurden über Potentatenhäupter gehalten oder spendeten der eleganten Dame Schatten, die sich durch ihren blassen Teint von der braun gebrannten Bauersfrau unterscheiden wollte.

Auch im fernen China war der Schirm seit alters her ein geschätzter Schutz. Zusammenfaltbare Modelle gibt es dort seit über 2000 Jahren. In Europa begann die Ära der Regenschirme im späten 17. Jahrhundert.

Ein Schreiben aus dem Jahr 800 könnte allerdings ein Beleg dafür sein, dass bei uns auch schon früher Regenschirme in Gebrauch waren. In einem Brief, den der gelehrte Abt Alkuin von Tours an Bischof Arno von Salzburg schrieb, lesen wir: «Ich sende dir ein Tentorium (ein Schutzdach? einen Schirm?), damit es von deinem verehrungswürdigen Haupte den Regen abhalte.»

Selbst wenn es sich um einen Schirm gehandelt haben sollte: Der übliche Regenschutz des Mittelalters war eine Art Kapuze. Das blieb noch lange so. In den ländlichen Gegenden des deutschsprachigen Raums setzte sich der Regenschirm erst im Laufe des 19. Jahrhunderts durch. 

Nicht für jedes Regenwetter

Bei leichtem Regen leistet der Regenschirm gute Dienste. Wenn es aber regnet und stürmt, kann es schon mal vorkommen, dass Windböen den Schirm umkehren oder dass die Hosenbeine nass werden.

Ängste, dass es einem wie dem kleinen Robert in Heinrich Hoffmanns «Struwwelpeter» gehen könnte («Seht, den Schirm erfasst der Wind und der Robert fliegt geschwind durch die Luft so hoch so weit. Niemand hört ihn, wenn er schreit.») sind allerdings unbegründet.

Mehr zu denken geben wird uns Regenschirmnutzern ein Wetterphänomen, dem Forscher der California State University auf die Spur gekommen sind. Das Fazit ihrer Untersuchung der Niederschläge im nördlichen Teil Eurasiens während der Jahre von 1966 bis 2000 gemäss NZZ: «Pro Jahrzehnt nahm der Niederschlag, der in Form von Schauern und Gewittern fiel, im untersuchten Zeitraum um 37 Liter je Quadratmeter und Jahr zu.» 

Sollte diese Entwicklung anhalten, dürfte künftig mancher den Regenschirm im Schirmständer lassen und sich stattdessen ins Gummizeug stürzen.

Gut möglich, dass andererseits an zunehmend heissen Sommertagen mit stechender Sonne wieder Sonnenschirme zu Ehren kommen.

Artikelgeschichte

Korrektur, Struwwelpeter wurde von Heinrich Hoffmann geschrieben.

Konversation

  1. Meine Mutter benutzte sogar beim Velofahren den Schirm wenn es regnete. Ja, das ist schon lange her und nicht in der Stadt.
    Dann, als sie mich Velofahren lernte, brachte sie mir bei, dass man immer mit beiden Händen die Lenkstange halten muss, ausser beim Zeichen geben.
    Da konnte ich mir nicht verkneifen, als ich sie dann einhändig Velofahren sah in der anderen Hand den Schirm, ihr eins auszuwischen.
    „Du musst mit beiden Händen die Lenkstange halten!“
    Sie schaute mich darauf ganz böse an.

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  2. Guter Beitrag mit kleinem Schönheitsfehler: „Die Geschichte vom fliegenden Robert“ wie alle andernGeschichten im „Struwwelpeter“ auch, ist nicht von Wilhelm Busch, sondern vom Arzt Heinrich Hoffmann.

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