Der «Ticotaca»-Schaukelstuhl wiegt Sie in tropische Ferienträume

Am Freitag beginnt die internationale Designmesse Blickfang. Wir haben uns im Vorfeld ein besonders schönes Objekt angeguckt: den «Ticotaca»-Schaukelstuhl im Spaghettilook. Er stammt aus Costa Rica. Wer ihn produziert, behalten die Händler lieber für sich.

Gigampfa, Wasserstampfa.

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Am Freitag beginnt die internationale Designmesse Blickfang. Wir haben uns im Vorfeld ein besonders schönes Objekt angeguckt: den «Ticotaca»-Schaukelstuhl im Spaghettilook. Er stammt aus Costa Rica. Wer ihn produziert, behalten die Händler lieber für sich.

Die grosse Überraschung schlich sich erst langsam durch eine scharfe Kurve nach Gelterkinden. Verblüfft winkten Michael Marx und Markus Andres den 40-Tönner um diese herum, dann die schmale Strasse hinauf bis zum «Jundt-Huus». Dort konnten sie die bestellte Ware endlich ausladen. 

Bald reihte sich ein Schaukelstuhl an den nächsten, bis schliesslich der ganze Vorplatz vollgestellt war. Und das mitten im November. 

Jetzt gehörten diese Schaukelstühle ihnen. Beim Anblick der schieren Menge wurden die zwei Freunde ein wenig nervös. 300 Stück hatten sie in Costa Rica anfertigen und nach Gelterkinden verschiffen lassen. Was, wenn das Geschäft doch nicht so läuft wie erhofft?

An solche Sachen dachten Marx und Andres noch nicht, als sie vor zwei Jahren nach Costa Rica aufbrachen und gemeinsam durch das Land reisten. Überhaupt dachten sie nie daran, einen Handel mit Schaukelstühlen aufzugleisen. «Es war ein Ferienflip», sagt Andres und lässt sich in den Schaukelstuhl fallen, der vor dem Keramik-Atelier von Michael Marx in der prallen Nachmittagssonne steht. Marx ist eigentlich Töpfer.

Ein Abend am Meer

Mit der Hitze im Gesicht versinkt Andres in der Erinnerung an diesen lauschigen Sommerabend vor zwei Jahren, als sie beide am Meer zu Abend assen und aufs Wasser schauten. Ihr Blick blieb an einem Schaukelstuhl hängen, der da auf der Veranda stand. Etwas lottrig zwar, und auch die Spaghetti-Bespannung war hier und da durchtrennt. Aber bequem sah der allemal aus.

Es war einer dieser typisch süd- und mittelamerikanischen Stühle, die es praktisch überall auf dem Kontinent gibt, sagt Andres. Die Beine sind an einem geschwungenen Unterbau festgemacht, Sitzfläche und Lehne mit Spaghetti-Bespannung aus PVC. Dazwischen gibt es viel Luft – bei tropischen Temperaturen kann man sich kein angenehmeres Sitzen vorstellen.

Als Marx und Andres so vor dem Stuhl standen, schoss ihnen diese Idee durch den Kopf: «Das wäre doch was für daheim!», dachten sie. Und dann machten sie einfach.

Wobei – so einfach war das natürlich nicht. «Wir hatten ja keine Ahnung, wer diese Schaukelstühle herstellt», sagt Andres. «Auf jedem zweiten Balkon stehen sie, aber niemand weiss, woher die kommen.» Die beiden fingen an, herumzufragen. Jemand sagte, dass fahrende Händler ein paar Mal im Jahr mit einem Lastwagen durch das Gebiet tuckerten und direkt von der Ladefläche Schaukelstühle verkauften. Doch weit und breit keine fahrenden Händler in Sicht. Erst ein Taxifahrer gab den Tipp: «Fahrt mal nach San Ramón.»

Ab in den Urwald

Die Fahrt führte durch den Dschungel. «Wir dachten: Da kommt doch nie eine Manufaktur, mitten im Urwald», sagt Marx. Doch siehe da, kurz bevor die Strasse steil ansteigt und im Dickicht verschwindet, steht zwischen Palmen und Farnen eine kleine Gruppe von Blechhütten: die Werkstatt für Schaukelstühle mit Spaghetti-Bespannung. Der Besitzer beschäftigt im kleinen Betrieb die ganze Familie.




Seit einem halben Jahrhundert befreundet, seit Kurzem auch Geschäftspartner: Markus Andres und Michael Marx. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Markus Andres ist nicht nur Betriebsökonom, er spricht auch perfekt Spanisch. Also war es an ihm, den Handel einzufädeln. Der Deal mit dem Produzenten sah so aus: Die Schweizer bezahlen den vollen Preis, den auch die Käufer in Costa Rica bezahlen, dafür bekommen sie ein Produkt, das genau so ist, wie sie sich das wünschen.

Ist das etwa das, was man sich unter Fairtrade-Bedingungen vorstellt?

«Im Prinzip, ja», finden Andres und Marx. Doch für sie stehe in erster Linie das Produkt im Mittelpunkt. Alles andere bleibe vorerst, wie es ist und schon immer war. Sie möchten gar nicht publik machen, wer die Stühle wo produziert. Betriebsgeheimnis.

Lieber über die Ästhetik reden

Kein Geheimnis ist hingegen die Anpassung an die ästhetischen Vorlieben der Schweizer. «Damit man den Stuhl hier überhaupt verkaufen kann», sagt Marx, «mussten wir ihn zuerst durchstylen.» Als Töpfer hat er das Auge für die Form. Die Produzenten gingen zuerst nicht auf die Wünsche ein. «Sie haben nicht verstanden, warum die Bespannung der Stühle dichter sein muss und warum man die Farben nicht beliebig mischen kann.» 

Das Grundgerüst des Stuhls blieb. Auch an den Materialien änderten sie nichts. Aber sie wählten dezentere Farben: rot-grün, blau-orange und schwarz. Sie verpassten dem Gerüst eine klarere Form und sie liessen dieses enger bespannen. Für mehr Halt und Ästhetik.

Damit wurde der No-Name-Schaukelstuhl aus Costa Rica zum Schweizer Designobjekt. Der «Ticotaca» schaffte es gleich in die Auswahl der «Blickfang» in Basel. Alle Aussteller müssen sich bei einer Jury mit einem Dossier bewerben. Für die Redaktion der Zeitschrift «Annabelle» war es sogar das achtbeste Produkt überhaupt, das an der Basler «Blickfang» gezeigt wird. Bei 160 Ausstellern.



Chandra muss natürlich auch mit nach Costa Rica. Zum Glück ist sie so klein, dass sie in Markus Andres' Gepäck passt. 

Chandra muss natürlich auch mit nach Costa Rica. Zum Glück ist sie so klein, dass sie in Markus Andres‘ Gepäck passt.  (Bild: Alexander Preobrajenski)

Ein Senkrechtstart mit dem «Ticotaca»-Schaukelstuhl, damit haben Marx und Andres nicht gerechnet. «Für uns stand immer der Schaukelstuhl im Vordergrund, nie das Geschäftemachen», sagen sie. Davon leben könnten sie ohnehin nicht. Ihnen war wichtig, dass sie kein High-End-Design an die oberen Zehntausend verkaufen. «An unserem Schaukelstuhl soll auch die Studentin mit der schönen Pergola ihre Freude haben.»

Obwohl sie das «Ticotaca»-Projekt zusammen aufgezogen haben, feiern die beiden Freunde ihren ersten grossen Auftritt nicht gemeinsam. Während Michael Marx an der Blickfang-Designmesse am Stand steht, sitzt Markus Andres im Schaukelstuhl in Costa Rica. Dort hat er nämlich nicht nur einen neuen Geschäftspartner gefunden, sondern auch seine grosse Liebe und seine zweite Heimat.

Übrigens, der Name «Ticotaca» ist ein Wortspiel: «Tico» nennt man die Einheimischen in Costa Rica, «taca» ist lautmalerisch für das Schaukeln im Stuhl.

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Blickfang, 21. bis 23. April, Messe Basel.

Die «Ticotaca»-Schaukelstühle gibts für 270 Franken und in Kindergrösse für 160 Franken. Das Atelier befindet sich an der Strehlgasse 2 in Gelterkinden.

Konversation

  1. sehe ich Richtig, der Stuhl ist nicht elektrisch, aber war sicherlich ein Ständer zum Wäsche trocknen. Keine Produktionsangaben, geht nicht in der Schweiz- denke Kinderarbeit da keine Angaben.

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