Der tiefe Fall der Monster

Monster waren schon immer dazu da, uns Angst einzujagen. Doch das Geld hat ihren Charakter verdorben.

Godzilla war mal ein schreckliches Monster. Doch die Zeit nagt an seiner Wirkung. 

Monster waren schon immer dazu da, uns Angst einzujagen. Doch das Geld hat ihren Charakter verdorben.

Sie sehen grässlich aus, fressen Menschen, zerstören Städte und wohnen unter Kinderbetten: Monster waren uns Menschen schon immer ungeheuer. Im Mittelalter wussten das auch die Mächtigen. Monster als Mahnzeichen, das funktionierte lange prima. Im Auftrag der Kirche etwa erinnerten Monster eindringlich daran, dass Schreckliches droht, wenn man vom rechten Glauben abkommt. Damals war Gott insofern des Monsters bester Kumpel, denn es lehrte die Furcht vor Gott selbst und die vor seinen irdischen Vertretern.

Als diese Wirkung irgendwann verpuffte, sei es infolge der Gewöhnung oder doch infolge der Aufklärung, entdeckten innovative Geister neues Potenzial, wozu man Monster sonst noch gebrauchen könnte: zum Geldverdienen. «Sehen Sie die erstaunlichsten Ungeheuer aller Zeiten», versprachen Schausteller im 19. Jahrhundert lautstark auf den Jahrmärkten.

«Staunen Sie, treten Sie näher!», riefen sie – und stellten missgebildete Menschen wie exotische Tiere aus: den Mann mit dem Vogelkopf, die Dame ohne Unterleib, siamesische Zwillinge, Löwen- und Elefantenmenschen, Affen- und Bartfrauen. Sogenannte Abnormitätenschauen wurden zum Massenvergnügen und befriedigten eine Sensationslust am Exotischen.

Schöpfungen ohne Ende

Die Masche der Schausteller griff später das Kino auf, das bekanntlich selbst auf den Jahrmärkten gross wurde. Die Filmemacher erschufen Monster in allen erdenklichen Variationen, nur um sie Mal für Mal von einem männlichen Helden wieder töten zu lassen. Dass es für den Helden am Ende eine schöne Frau als Belohnung gab, war so klar wie der Rest der immergleichen Handlung. Aber das Publikum liebte es. Und die Filmemacher liebten das Publikum – zumindest sein Eintrittsgeld, das so lange in die Kinokassen floss, als den Filmemachern neue Monster in den Sinn kamen.

Sie kreierten Monster aus Leichenteilen (Frankenstein), Monster, die in Frauenkörpern heranwachsen (Alien, Rosemaries Baby), Riesenaffen (King Kong) – oder begnügten sich auch mal mit einem Menschen als Monster (Psycho). Die Ideen gingen nicht aus. Erst recht, als man bereits bekannte Monster zu kreuzen begann.

Zum Beispiel Godzilla (1954): Viele Japaner glaubten, die Nazis hätten Frankensteins Herz konserviert und per U-Boot in das verbündete japanische Reich gebracht, um es an einem sicheren Ort zu verstecken. Eine amerikanische Atombombe und eine Eidechse zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort später, und schon war er da: Godzilla. 

Völlig harmlos geworden

Seine Wirkung war seinerzeit phänomenal. Immerhin reichte es, um der japanischen Seele über das Trauma des verlorenen Kriegs und die schrecklichen Auswirkungen der Atombombe hinwegzuhelfen. Schon wenige Jahre später war für Hollywood aber dennoch klar: Die simplen visuellen Tricks von damals plus ein Schauspieler im Gummikostüm reichen nicht mehr, um eine zahlungskräftige Zuschauermasse ins Kino zu locken. Also stopfte man den «weissen Hai» voll mit Technik. Hydraulik, Pneumatik und Robotik sollten die oft komisch wirkenden japanischen Filmmonster verdrängen – und ab den 90er-Jahren wieder lächerlich wirken. Denn ab da übernahm der Computer.

Doch selbst an die perfekt realistischen Monster gewöhnt sich das menschliche Auge. Sie flössen uns keine Angst mehr ein. Findige Köpfe haben das akzeptiert und neue Geschäftsmöglichkeiten entdeckt: Sie haben das Monster unter dem Bett hervorgeholt und geben es seither den Kindern zum Knuddeln. Frankenstein würde sich im Grab umdrehen. 

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