Der unvollendete Tempel von Segesta

Einst begann man im sizilianischen Egesta einen prächtigen Tempel zu bauen. Dann kam der Krieg dazwischen. Und so blieb das Werk bis heute eine Bauruine.

Einst halbfertig stehen gelassen, ist der Tempel von Segesta heute eine Touristenattraktion.

(Bild: Martin Stohler)

Einst begann man im sizilianischen Egesta einen prächtigen Tempel zu bauen. Dann kam der Krieg dazwischen. Und so blieb das Werk bis heute eine Bauruine.

Sizilien war schon in der Antike eine beliebte Destination. Seit der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. landeten dort zahlreiche Festlandgriechen und gründeten neue Städte. Von der nordafrikanischen Küste steuerten karthagische Handelsschiffe die Insel an.

Die Karthager liessen sich zunächst rund um Sizilien auf Vorgebirgen und vorgelagerten Inseln nieder. Als die Griechen immer zahlreicher ins Land strömten, zogen sich die Karthager auf die Westspitze zurück.

Die Besiedlung Siziliens begann allerdings nicht erst mit der Ankunft der Karthager und Griechen. Zu den früheren Zuzügern gehörten neben den Sikanern und Sikelern auch die Elymer, die im Gebiet von Egesta (heute: Segesta) wohnten.

Flüchtlinge aus Troja

Die Sage ging, dass die Elymer Nachkommen von Troern seien, die der Zerstörung Trojas entkommen seien und auf Sizilien eine neue Heimstatt gefunden hätten. Wie dem auch immer sei: Die Elymer waren keine Griechen.

Spätestens im 5. Jahrhundert v. Chr. lehnten sich die Elymer aber kulturell und politisch stark an die Griechen an. Dazu gehörte neben einem Bündnis mit Athen auch der griechische Tempel von Egesta, mit dessen Bau man vermutlich kurz nach 420 v. Chr. begann.



Die meisten Tempel Siziliens stürzten in Laufe der Zeit infolge von Erdbeben ein – von diesem Schicksal blieb derjenige von Egesta verschont.

Die meisten Tempel Siziliens stürzten in Laufe der Zeit infolge von Erdbeben ein – von diesem Schicksal blieb derjenige von Egesta verschont. (Bild: Martin Stohler)

Egesta befand sich damals im Krieg mit der von Griechen bewohnten Nachbarstadt Selinunt. Dabei ging es um Fragen des Eherechts und Gebietsansprüche.

Selinunt hatte sich die Unterstützung der mächtigen Stadt Syrakus gesichert, Egesta klopfte bei den Karthagern an. Diese gingen aber nicht auf das Hilfegesuch ein. Darauf wandte sich Egesta an Athen. Dort erinnerte man sich zwar an das früher einmal geschlossene Bündnis, schickte zunächst aber lediglich eine Delegation nach Egesta, die sich vor Ort ein Bild von der Situation machen sollte.

Gold- und Silberbecher

Die Leute von Egesta begriffen rasch, was die Athener sehen wollten. Sie luden diese zu Ess- und Trinkgelagen ein, «wozu sie», wie der griechische Historiker Thukydides berichtet, «aus Egesta selbst die Gold- und Silberbecher zusammensuchten und weitere aus den benachbarten phönizischen und hellenischen Städten ausliehen und bei den Bewirtungen verwendeten, als gehörten sie ihnen».

Derart hinters Licht geführt, berichteten die athenischen Emissäre, welch grossen Reichtum sie in Egesta gesehen hatten.

Athens sizilianische Katastrophe

In der Erwartung, dass Egesta sich nach Kräften an den Kosten des Feldzugs beteiligen werde – was sich als falsch erweisen sollte –, schickte Athen eine riesige Flotte mit rund 25’000 Kriegern nach Sizilien.

Die Athener taten dies nicht in erster Linie, um Egesta gegen Selinunt zu Hilfe zu eilen, sondern mit der Absicht, das reiche Syrakus zu erobern. Der Plan misslang, die Athener erlitten eine vernichtende Niederlage.

Darauf wandte sich Egesta Hilfe suchend an Karthago. Dieses Mal waren die Karthager für ein Bündnis zu haben, zumal Egesta Tributzahlungen in Aussicht stellte.

Karthago interveniert

Die karthagischen Truppen gingen zunächst entschlossen vor. Als erste Stadt bekam das Selinunt zu spüren, das 409 v. Chr. erobert wurde. Anschliessend brachten die Karthager den Syrakusanern bei Himera eine Niederlage bei. Damit liessen sie es fürs Erste gut sein.

Nach Angriffen von Syrakuser Seite auf Gebiete, die ihnen tributpflichtig waren, nahmen die Karthager den Kampf indessen wieder auf und eroberten das reiche Agrigent und im Frühjahr des Jahres 405 v. Chr. die Stadt Gela. Anschliessend schlossen sie Frieden mit Syrakus und zogen sich wieder zurück.

Kein Geld und kein Interesse am Weiterbau

Während jener Kriegsjahre oder noch zuvor kamen die Arbeiten am Tempel von Egesta zum Erliegen. Das mag am fehlenden Geld gelegen haben. Doch auch später blieb er eine Bauruine, sein Inneres wurde nie genutzt. Sollte an der Stelle, an welcher  der Tempel errichtet wurde, zuvor eine lokale Gottheit verehrt worden sein, so kam deren Kult in der Folge zum Erliegen.



In hellenistischer Zeit floss der neue Reichtum Egestas in den Bau eines schmucken Theaters.

Theater statt Gotteshaus: Am Geld alleine hats später nicht gelegen, dass der Tempel nicht fertig gebaut wurde. (Bild: Martin Stohler)

In hellenistischer Zeit, als die Bürger von Egesta wieder zu einigem Wohlstand gelangten, bauten sie ein prächtiges Theater in der Höhe über der Stadt. Anders als heute, da der Tempel jährlich Scharen von Touristen anzieht, scheint man sich damals nicht viel aus dem unfertigen Bau gemacht zu haben.

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Für die Reise von Basel nach Segesta mit öffentlichen Verkehrsmitteln konnte Google keine Route berechnen; hier die Google-Route für Autofahrer.

Quellen

– Moses I. Finley / Denis Mack Smith / Christopher Duggan: Die Geschichte Siziliens, München 1989 (englische Originalausgabe 1986)

– Dieter Mertens: Der Tempel von Segesta und die dorische Tempelbaukunst des griechischen Westens in klassischer Zeit, Mainz am Rhein 1984

– Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Kriegs, übersetzt von Georg Peter Landmann, Zürich 1960

Konversation

  1. Was Herr Stohler nicht zu wissen scheint: einige Egesta haben durch Aussiedlung bis in die heutige Zeit überlebt und die Tradition nicht zuendegebauter Tempel dabei bewahrt ! Namentlich in einer von uns aus gesehenen Nahöstlichen Einöde Namens „Märkischer Sand“ mitsamt daringelegenr Egesta-Exklave die auf den merkwürdigen Namen „Bärlin“ hört, wird seit einer gefühlten Ewigkeit an einem Neolithischen Heiligtum, das vorläufig auf den Namen „BER“ getauft wurde und den ungreifbaren Luft(fahrt)-Göttern geweiht ist, gebaut ! Weil aber bis auf den heutigen Tag die Weissagung: „Du kannst nicht zweien Götzen zugleich dienen: dem Mammon UND dem Aeros“ nicht glaubhaft wiederlegt werden konnte, wird wohl so in gut Dreitausend Jahren eine neuer Martin Stohler daherkommen (müssen), um uns die Geschichte dannzumal erzählen wie einst…. Und wenn Sie sich nicht verflogen haben, dann bauen Sie aus noch morgen! ^^ ^^ ^^

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