Die Akademiker haben den Tod des Erasmus-Programms überwunden

Der Aufschrei war gross, als das Studentenaustauschprogramm Erasmus gestrichen wurde. Ein Jahr nach der Aufregung zeigt sich: Wer im Ausland studieren will, kann das immer noch tun.

Am 20. Februar haben Studenten symbolisch das Forschungsabkommen Horizon 2020 und das Studentenaustausch-Programm Erasmus vor dem Bundeshaus beerdigt. (Bild: MARCEL BIERI (Keystone))

Der Aufschrei war gross, als das Studentenaustauschprogramm Erasmus gestrichen wurde. Ein Jahr nach der Aufregung zeigt sich: Wer im Ausland studieren will, kann das immer noch tun.

Es war vor knapp einem Jahr, als ein paar Hundert Studenten an der symbolischen Beerdigung des Erasmus-Programms vor dem Bundeshaus teilnahmen. Das erfolgreiche Programm erleichterte den Studentenaustausch an europäischen Hochschulen und wurde zum Inbegriff für das klassische Auslandssemester eines Schweizer Studierenden. Bis zur Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative (MEI) der SVP.

Am 9. Februar 2014 sagte eine knappe Mehrheit des Volkes Ja zur MEI, die bis heute noch nicht umgesetzt ist, doch bereits nach der Abstimmung erste Verlierer hervorbrachte: die Studenten und die Wissenschaft. 

Weil die Schweiz aufgrund des Abstimmungsergebnisses das Protokoll zur Erweiterung der Personenfreizügigkeit auf Kroatien nicht unterzeichnen konnte, reagierte die EU: Sie stellte die Verhandlungen mit der Schweiz über das Forschungsprogramm «Horizon 2020» sowie das Bildungsprogramm «Erasmus+» ein. Für «Horizon 2020» konnte die Schweiz letzten September eine Teilassoziierung erreichen. Beim Erasmus-Programm ist sie seither nicht mehr als Partnerland, sondern als Drittstaat eingestuft. Diesen Status hatte sie bereits zwischen 1992 und 2011 inne – damals als Folge des Neins zum EWR-Beitritt.

Der Schock nach dem neuerlichen Ausschluss war gross. Über 30’000 Personen unterzeichneten den Online-Appell «not without switzerland» und sprachen sich so für einen «offenen europäischen und internationalen Hochschulraum» aus.

Ins Ausland trotz Erasmus-Aus

Fast ein Jahr später ziehen die Hochschulen aber eine vorsichtig positive Zwischenbilanz. Das Abstimmungsresultat bringt entgegen der Erwartungen faktisch kaum einen Studierenden um sein Austauschsemester. Der Bundesrat präsentierte bereits im April eine Übergangslösung, welche die indirekte Teilnahme der Schweiz am Erasmus-Programm ermöglicht. Die Lösung heisst «Swiss European Mobility Programme» (Semp). Anders als mit Erasmus werden die Stipendien nun nicht via die EU in Brüssel ausbezahlt, sondern direkt von Schweizer Seite.

Diese Regelung besteht sicher bis und mit Frühlingssemester 2016. «Die Übergangslösung wird danach vermutlich noch einige Jahre andauern», sagt Gérald Zimmermann, der die Studierendenmobilität der Universität Basel koordiniert. Zimmermann ist die zentrale Schnittstelle für Uni-Studenten, die es ins Ausland zieht. 

Einfach war der Weg zur Übergangslösung nicht: Alle bisherigen Verträge mit europäischen Partneruniversitäten wurden unter dem Erasmus-Programm abgeschlossen. «Der administrative Aufwand im vergangenen Jahr war sehr gross; wir mussten alle Verträge neu verhandeln», sagt Zimmermann.

Doch der Aufwand trug Früchte. Für die Mehrheit der Studierenden, die 2014 ein Auslandssemester einlegen wollten, habe man eine Lösung gefunden, so Zimmermann: «Wenn die Studierenden flexibel waren und eine Alternativ-Destination zur Wunsch-Uni akzeptierten, konnten sie problemlos einen Auslandaufenthalt durchführen.» 

Ein paar attraktive Unis sind abgesprungen

So wird es auch 2015 sein. Dank der bilateralen Verträge über das Mobilitätsprogramm Semp stehen den Studierenden der Universität Basel wieder rund 200 europäische Partneruniversitäten offen. Die Auswahl ist dennoch nicht zu vergleichen mit früher: «Ein paar attraktive und namhafte Destinationen sind weggefallen, weil die Universitäten die Verträge nicht verlängert haben», sagt Zimmermann.

Namentlich nennen möchte Zimmermann die abgesprungenen Universitäten nicht, nur so viel: Sie liegen in Grossbritannien, Spanien, Frankreich und Italien. In diesen Ländern haben neun Hochschulen die Verträge gekündigt oder nicht erneuert, 19 wollten vorerst aussetzen.

Weniger internationale Studenten in der Schweiz

Gesamtschweizerisch haben im letzten Jahr 3500 Studenten über das Erasmus-Programm einen Auslandaufenthalt absolviert. Das sind rund 100 mehr als im Vorjahr. Sorgen machten einigen Schweizer Hochschulen derweil die ausbleibenden «Incoming-Studenten», also diejenigen, die eine Schweizer Hochschule für ihr Erasmus-Semester auswählten. Auch an der Universität Basel waren 2014 ein Viertel weniger ausländische Studenten immatrikuliert. 

Anders als im Schweizer Schnitt sind die Zahlen bei den «Outgoings» in Basel: «Wir verzeichnen weniger Austausch über Erasmus bei den ‹Outgoings› sowie ‹Incomings›. Dafür haben sich mehr Studierende für Praktika im Ausland oder Übersee-Angebote entschieden», sagt Zimmermann. 2013 absolvierten 114 Studierende ein Erasmus-Semester, 2014 waren es nur noch deren 95. 

Übersee-Angebote gewinnen an Relevanz

«Übersee-Angebote gab es schon immer, aber die Universität baut diese jetzt weiter aus», erklärt Zimmermann. Das sei durchaus ein positiver Nebenaspekt des Erasmus-Aus. Die Erweiterung des Übersee-Angebots für Schweizer Studenten ist auch an der nationalen Rektorenkonferenz «swissuniversities» ein Thema, welche im Namen aller Schweizer universitären Hochschulen, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen handelt. Ende 2014 verbuchte der noch junge Verein seinen ersten Erfolg: Ein Forschungsvertrag mit den acht besten Hochschulen in Australien.

Antonio Loprieno, Rektor der Universität Basel und Vorstandsmitglied von «swissuniversities», erklärt in einem Artikel der «Schweiz am Sonntag», das Abstimmungsergebnis vom 9. Februar habe einen entscheidenden Schub für dieses Abkommen gegeben. Dank der neuen Partnerschaft mit Australien werden die Visa-Bestimmungen für Schweizer Studenten gelockert und der Bund hilft mit finanzieller Unterstützung. Ein Auslandssemester in Australien wird damit attraktiver. Weitere aussereuropäische Forschungsabkommen könnten laut der «Schweiz am Sonntag» folgen: Mit Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika wurden bereits Kontakte geknüpft. 

Austausch wichtiger als politische Entscheide

Im Gegensatz zur Universität Basel wird bei der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) die Mobilität der Studierenden dezentral koordiniert: Jede der neun angegliederten Hochschulen betreut ihre Studierenden separat und unterhält eigene Partnerschaften. Die FHNW konnte noch keine Gesamtbilanz ziehen, wie sich der 9. Februar auf die Mobilität der gesamten Studentenschaft ausgewirkt hat. Man habe aber bis heute dank gezielter Information der Studierenden und der Partnerinstitutionen keinen Einbruch beim Studierendenaustausch festgestellt, sagen die Verantwortlichen. 

Zumindest für die Pädagogische Hochschule (PH) der FHNW ist klar: Der 9. Februar hat keine weitreichenden Konsequenzen. Walter Rohrer koordiniert die Mobilität der Studenten der PH. «Die Folgen des 9. Februars waren kaum gravierend. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass für die europäischen Hochschulen der akademische Austausch wichtiger ist als politische Entscheide», sagt Rohrer.

Auslandsemester je nach Studiengang obligatorisch

Rohrer verweist darauf, dass alle Institute unterschiedliche Erfahrungen mit dem Erasmus-Aus gemacht haben. Die Hochschule für Wirtschaft bietet Studiengänge an, in denen ein Auslandsemester obligatorisch ist. Deshalb sei diese Hochschule auch am meisten betroffen, wie die Verantwortlichen der FHNW sagen. 81 der Partnerhochschulen befänden sich in Europa, 53 weltweit. Ein Grossteil der Studierenden wähle aber eine europäische Hochschule, weshalb diese Verträge und Kontakte für die FHNW sehr wichtig seien.

Wann die Schweiz wieder als Partnerland des europäischen Austauschprogramms eingestuft wird, ist offen. Auch wenn die Schweizer Hochschulen einen Weg gefunden haben, vorübergehend mit der Sistierung der Erasmus-Verträge umzugehen, setzen sie sich weiterhin für eine Assoziierung ein. Einige der akademischen Vertreter haben bereits den politischen Weg eingeschlagen und unterstützen beispielsweise die Rasa-Initiative («Raus aus der Sackgasse»). Diese will der Bevölkerung die Möglichkeit geben, erneut über den Kontingentierungsartikel abzustimmen.

«Erasmus ist tot, lang lebe Erasmus!» proklamierten die Studierenden im Februar 2014 vor dem Bundeshaus. Und sie lagen richtig: Der Studentenaustausch blüht auch ein Jahr nach Annahme der MEI. Nicht unter dem Namen Erasmus und nicht unbedingt an den Wunsch-Destinationen. Aber wer ins Ausland will, der kann das – und wird von Universitäten und vom Bund dabei unterstützt. 

Artikelgeschichte

Update: Stellungnahme der FHNW sowie Abschnitt zur Hochschule für Wirtschaft

Konversation

  1. „…Basel: «Wir verzeichnen weniger Austausch über Erasmus bei den ‹Outgoings› sowie ‹Incomings›. Dafür haben sich mehr Studierende für Praktika im Ausland oder Übersee-Angebote entschieden», sagt Zimmermann. 2013 absolvierten 114 Studierende ein Erasmus-Semester, 2014 waren es nur noch deren 95.“

    Gut, vielleicht in ich blöd, aber das sind fast 20% weniger als vorher in Basel. Man kann nun nach Australien statt nach Frankreich oer Italien.
    Ist das nun besser oder doch nicht?
    Wer zahlt den Australien-Flug?
    Ich habe das dumpfe Gefühl, dass da „Schäumchen geschlagen“ wird.

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  2. Das ist nur die halbe Wahrheit. Erasmus+ ist mehr als nur das Austauschprogramm, das es Studenten ermöglicht für ein oder zwei Semester im Ausland zu studieren. Das in Erasmus+ integrierte Förderprogramm Jugend-in-Aktion ist für schweizer Studenten nun ebenfalls tot. Durch dieses Programm wurden bislang politische und kulturelle Projekte von studentischen Initiativen und NGOs finanziell gefördert. Die Schweiz ist nun nur noch Partner und kann selbst keine Projekte mehr initiieren. Meiner Meinung nach ein herber Verlust, der (zumindest in diesem internationalen Rahmen) kaum zu substituieren ist.

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