Die Arbeit in der Schweiz, das Geld in der Heimat

Bulgarische Migranten schickten 2011 eine Milliarde Dollar in die Heimat. Ohne die finanzielle Unterstützung aus dem Ausland wäre ein Leben für viele Bulgaren kaum finanzierbar, sagt Sophie Dimitrova. Sie hilft mit ihrem Schweizer Lohn den Eltern in Bulgarien.

Wichtig sind in Bulgarien nicht nur Fussballstars wie Stiliyan Petrov, dem hier gehuldigt wird, sondern auch jeder Emigrant. Gerade auf dem Land gibt es kaum eine Familie, die ohne das Geld der Diaspora leben könnte. (Bild: Valentina Petrova)

Bulgarische Migranten schickten 2011 eine Milliarde Dollar in die Heimat. Ohne die finanzielle Unterstützung aus dem Ausland wäre ein Leben für viele Bulgaren kaum finanzierbar, sagt Sophie Dimitrova. Sie hilft mit ihrem Schweizer Lohn den Eltern in Bulgarien.

Sophie Dimitrowa* ist froh, sind die kalten Monate endlich vorbei. Die Heizkosten für ihre Familie in Bulgarien fallen nun weg. Die 100 Euro für die Nebenkosten sind nicht viel Geld, wenn man es hat. Ihre Eltern haben es nicht. Sie sind existenziell auf die Tochter in der Schweiz angewiesen.

Sophie kam 2006 als Fachkraft in die Schweiz. Sie arbeitet im Finanzsektor, wo möchte sie lieber nicht in der Zeitung lesen. Überhaupt ist sie zurückhaltend mit ihrer Geschichte. Im Gegensatz zu vielen Migranten, die in die Schweiz kommen, weil in der Heimat die Jobs rar und die Familien auf das Geld angewiesen sind, kommt sie eigentlich aus gutem Hause. Und trotzdem unterstützt die 32-Jährige wie fast eine Million Bulgaren im Ausland ihre Eltern in der Heimat.

280 Euro Lohn, 1500 Euro Lebenshaltungskosten

Ihr Vater ist Opernsänger, die Mutter ist Tonschnitt-Managerin beim Radio. Als sie 2006 in die Schweiz kam, gab es keine Anzeichen, dass sie dereinst für ihre Eltern aufkommen müsste. Sie hatten eine Wohnung in Sofia, ein Auto, beide Arbeit und verdienten genug, um ihr Leben zu finanzieren. Ihr Vater verlor zwar die Stelle als Opernsänger – aus politischen Gründen, wie sie erzählt – aber hielt sich als Freelancer über Wasser.

«Nach dem Unfall war es meinen Eltern nicht mehr möglich, ihren Lebensunterhalt selbst zu finanzieren.»

Aber dann veränderte sich das Leben der Eltern von einem Tag auf den anderen – wegen einem schweren Autounfall des Vaters. Ein Einkommen fiel aus, die Krankenhauskosten an. «Es war meinen Eltern nicht mehr möglich, ihren Lebensunterhalt selbst zu finanzieren», sagt Sophie. Den Krankenhauskosten folgten die Therapiekosten.

Remittances – die versteckte Entwicklungshilfe

Die Geldsendungen von Migranten in ihre Heimatländer sind seit 2000 explodiert: Die sogenannten Remittances stiegen innerhalb von zwölf Jahren von (inflationsbereinigten) 204 Milliarden Dollar (2000) auf 540 Milliarden (2012). Die Geldmenge entspricht nur den nachvollziehbaren Überweisungen, über inoffizielle Kanäle dürften gemäss Schätzungen weitere 250 Milliarden Dollar auf der ganzen Welt verteilt worden sein. Die Remittances entsprechen der doppelten bis dreifachen Menge der weltweit verteilten Entwicklungsgeldern.

Unterschieden werden bei den Remittances drei Arten: 1. Überweisungen für den täglichen Bedarf der Verwandten. 2. Investitionen in Firmen und/oder Sozialwesen. 3. Kombinierte Überweisungen an Verwandte sowie an NGOS, die das Geld investieren und eine nachhaltige Entwicklung anstreben.

«Meine Mutter arbeitet zwar, aber mit ihren 280 Euro Monatslohn deckt sie nicht einmal einen Drittel des nötigen Einkommens», sagt Sophie. Zwar gibt es noch einen Zustupf vom Staat, aber auch damit sind die Lebenshaltungskosten von etwa 1500 Euro im Monat kaum zu decken. Nun sind die Eltern auf ihre einziges Kind angewiesen, Sophie. Seit 2009 unterstützt sie ihre Familie. Wie viel Geld sie schickt, möchte sie nicht sagen. Aber wer sich die Lebenshaltungskosten anschaut, kann sich denken, dass es nicht wenig ist. Sophie sagt, es hänge stark davon ab, was die Eltern brauchen.

Auf dem Land sind Remittances mehr Lohn als Unterstützung

Meistens decken ihre Remittances – also die Überweisungen in die Heimat – die Therapiekosten des Vaters, oft aber auch muss sie für den täglichen Bedarf der Eltern aufkommen: Heizung, Essen – «was halt so anfällt», sagt Sophie. Sie steht damit nicht alleine da: Im Schnitt überweist die Million bulgarischer Migranten weltweit rund eine Milliarde Dollar pro Jahr in die Heimat (siehe dazu auch die Grafik am Ende). Pro Kopf sind das 1182 Dollar im Jahr. «Gerade auf dem Land», sagt Sophie, «wo die Arbeitslosigkeit hoch ist, sind die Leute darauf angewiesen. Es ist deshalb normal, dass die Diaspora Geld schickt.» 

Wie das Geld an die Familien gesendet wird, ist ganz unterschiedlich. Manchmal sind es Banküberweisungen, manchmal nimmt ein Bekannter Geld mit. Sophie fährt manchmal auch mit ein paar Hundert Euro in der Tasche heim. Die grosse Menge der bekannten Remittances laufen aber über Geldtransfer-Firmen. Western Union – eines der grössten Unternehmen – verzeichnet im Schnitt 28 Transaktionen pro Sekunde (LINK). Das Unternehmen verschob 2011 knapp 80 Milliarden Doller von einem Ecken der Erde zu einem anderen.

1182 Dollar schicken die bulgarischen Migranten pro Kopf und Jahr.

Die rückverfolgbaren 540 Milliarden Dollar sind nur ein Teil der weltweiten Remittances. Je nach Schätzungen gehen zusätzliche 25 bis 50 Prozent des Betrages über inoffizielle Kanäle in die Heimatländer der Migranten, was knapp dreimal mehr ist als die gesamte Entwicklungshilfe 2011 LINK. Der grösste Teil des Geldes fliesst wie bei Marinas Eltern in den Lebensunterhalt, nur ein kleiner Teil wird nachhaltig investiert. Doch das soll sich in Zukunft ändern: die DEZA setzt grosse Hoffnungen in ein Pilotprojekt zwischen dem tunesischen Staat und deren Diaspora in der Schweiz.

Für Sophie und Bulgarien ist das kein Thema. Einerseits gelten die Länder im Osten als zu korrupt für so ein System, andererseits ist sie schon froh, dass der Frühling da ist und 100 Euro wegfallen. Ein Leben hier in der Schweiz zu finanzieren, ist schon teuer genug.

*Auf Wunsch der Protagonistin wurde der Name geändert

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(Bild: David Bauer, Ilya Boyandin, René Stalder)

Konversation

  1. Mein Mann hatte während unserer Ehe jahrelang Geld an die Familie in der Heimat geschickt. Sobald ich merkte, welche horrenden Gebühren „Überweisungsbüros“ vom sauer verdienten Geld abzwacken, schickte er auf meinen Rat nur noch Aufträge via e-Banking. Die Gebühr blieb selbst bei Summen im vierstelligen Bereich immer bei CHF 4.- !
    Klar, nicht jede(r) hier lebende Migrant/in hat dafür die Infrastruktur, aber es würde Sinn machen, wenn Betreuungsorganisationen solche Tools einrichten würden, soweit im Bringerland ein Bankkonto besteht. Gedauert hat die Ueberweisung nie länger als 4-5 Tage, das kann man also gut kalkulieren.

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  2. Irgendetwas stimmt auf diesem Planeten nicht.
    Die Globalisierung ist rein marktwirtschaftlich passiert mit dem Ziel der Geldvermehrung nach oben. Der Markt dient dem Geld statt den Menschen.

    Eigentlich wäre es so einfach: Die Menschen arbeiten und helfen so einander. Das Geld sollte dazu da sein diesem Austausch zu dienen. Stattdessen werden die Menschen dazu versklavt dem Mammon zu dienen. Wir hier in der ersten Welt, bekommen das nur am Rande zu spüren, weil es noch irgendwie abgefangen werden kann. In der Eurozone bröckelt es zum Teil schon massiv.

    Wenn so weitergemacht wird, werden Flüchtlingsströme ungeahnten Ausmasses auf der Suche nach Arbeit anklopfen oder sie kommen um sich an unserem Reichtum zu bedienen mit stehlen oder einbrechen.

    Sie bekommen ja kein Asyl. Aber Menschen, die knapp vor dem Verhungern sind, sind auch an Leib und Leben bedroht.

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