Die Basler Innenstadt muss dringend aufholen

Laden um Laden macht derzeit in der Basler Innenstadt dicht. Für Gewerbe und Stadt ist klar: Das Zentrum muss endlich wieder zeitgemäss werden. Nur mit Einzelmassnahmen wie einem neuen Quarzsandstein-Belag geht das allerdings nicht.

Die Ästhetik leerer Schaufenster: In der Gerbergasse sind derzeit gleich mehrere Ladengeschäfte geschlossen und geräumt.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Laden um Laden macht derzeit in der Basler Innenstadt dicht. Für Gewerbe und Stadt ist klar: Das Zentrum muss endlich wieder zeitgemäss werden. Nur mit Einzelmassnahmen wie einem neuen Quarzsandstein-Belag geht das allerdings nicht.

Manche sprechen von Totengräberstimmung. Tatsächlich vermitteln die vielen Meldungen von Innenstadtgeschäften, die ihre Tore für immer schliessen, ein düsteres Bild. Ein Bild, das sich augenscheinlich bestätigt, wenn man an den leeren Schaufensterfronten der Freien Strasse oder Gerbergasse vorbeigeht.

Dann spricht man jemanden darauf an. Und sogleich tritt es heraus, das Lamento über die gewerbefeindliche Verwaltung, die Guillotine des starken Frankens, das vermaledeite Online-Shopping oder das innovationsfeindliche Gewerbe.

Struktureller Wandel

Das mit dem düstern Bild will Mathias F. Böhm aber nicht so explizit stehenlassen. Gerade mit den üblich bitteren Schuldzuweisungen hält sich der Geschäftsführer von Pro Innerstadt aber zurück: «Schuld ist niemand, zumindest ganz sicher nicht alleine», sagt er.

Böhm spricht von einem «extremen Zusammenhang von vielen Gründen», der zum Ladensterben geführt hat. Und vom globalen strukturellen Wandel in der Gesellschaft allgemein und speziell im Konsumverhalten der Menschen. «Auch bei besten Rahmenbedingungen wäre es zum Wandel gekommen», sagt er.

Auch Thomas Kessler, Leiter Kantons- und Stadtentwicklung, möchte nicht lauthals in das vielstimmige Lamento einstimmen. «Es ist nicht nur der Geiz, der die Menschen dazu verführt, in Weil oder in Lörrach einzukaufen», sagt er. Um diese Aussage zu untermauern, nennt er den Markt in Lörrach, zu dem die Basler bereits vor dem Währungsentscheid der Nationalbank gepilgert seien – «ganz einfach, weil an diesem Markt das Angebot und der Erlebnisgewinn stimmen».

Die Entwicklung bereitet Sorgen

Steht es denn aber wirklich so schlimm um die Einkaufsstadt Basel? Ein Blick in die aktuelle Statistik bestätigt das nicht unbedingt: Von 2014 bis 2015 hat sich die Quadratmeterzahl der leerstehenden Ladenräumlichkeiten in Basel-Stadt nur marginal von 17’200 auf 17’500 erhöht.

Ladensterben: Leere Schaufenster werden als Veloparkplätze genutzt.

Michel Molinari, Präsident der Sektion beider Basel des Schweizerischen Verbands der Immobilienwirtschaft SVIT, der die Leerstandserhebung der Geschäftsräume erstellt hat, möchte diese Zahlen aber nicht als Entwarnung verstanden wissen. «Die Entwicklung im Detailhandel bereitet uns Sorgen, und im kommenden Jahr wird sich dies wohl auch in den Zahlen niederschlagen», sagt er.

Auch Detailhandelsvertreter Böhm und Stadtentwickler Kessler geben sich nicht sorgenfrei. Und sie sind überzeugt, dass gehandelt werden muss, dass Anpassungen bei den Rahmenbedingungen, der Infrastruktur, im Angebot sowie im Service nötig sind.

Nur wer ist denn letztlich dafür zuständig, dass die Rahmenbedingungen stimmen und die Negativentwicklung aufgehalten werden kann? Der Kanton? Die Verbände? Die Geschäfte? Oder die Kundinnen und Kunden?

Böhm: «Radikal in die Infrastruktur investieren.»

Jeder, meint Mathias F. Böhm. «Die Geschäfte müssen ihren eigenen Weg finden, dafür müssen aber die Rahmendingungen so angepasst werden, dass die Unternehmen auf den Strukturwandel reagieren können», sagt er. Pro Innerstadt könne den Geschäften zum Beispiel bei den Bewilligungen helfen, der Staat müsse sich unkompliziert zeigen, und die Kundinnen und Kunden sollten nicht erst die Geschäfte stürmen, wenn der Liquidations-Ausverkauf angesagt ist.

«Vor allem müssen wir radikal in die Infrastruktur investieren, damit das Gesamtprodukt Innenstadt attraktiver wird», sagt Böhm. Mit «wir» meint er zwar auch das Gewerbe selber, aber zu einem grossen Teil auch die Stadt beziehungsweise den Kanton. Und stösst dort auf offene Türen. 

«Es ist absolut dringlich, dass wir uns um die Raumgestaltung in der Innenstadt kümmern, so wie sich zum Beispiel die Freie Strasse und der Marktplatz heute gestalterisch präsentieren, ist pure Tristesse», sagt Thomas Kesser. Und fügt hinzu: «Die Stadt Basel hängt hier gegenüber anderen Städten gut eine Generation hinterher.»

Hoffnungsschimmer aus Quarzsandstein: Die neue Gestaltung zum Beispiel der Freien Strasse solls richten.

Auf die Neugestaltung der Freien Strasse wird man noch ein paar Jahre warten müssen. Aber bis spätestens 2021 soll die Top-Einkaufsstrasse in Basel mit einem neuen Belag aus Alpnacher Quarzsandstein auch äusserlich einen Top-Eindruck vermitteln, verheisst das «Gestaltungskonzept Innenstadt».

Böhm verspricht sich viel von der Neugestaltung der Einkaufsstrassen und verweist dabei auf den Claim von Pro Innerstadt, der mit der Aussage «Einkaufen, staunen, geniessen und Basel erleben» die Grenzen des Gesamtprodukts weit ausserhalb der Eingangstore der Landengeschäfte zieht.

Zu diesem Gesamtprodukt gehört unter anderem auch, dass man in den Shoppingstrassen auch einen Kaffee trinken kann, was in der Freien Strasse heute kaum möglich ist. Böhm ist aber überzeugt, dass sich in der neu gestalteten Strasse dereinst Cafés ansiedeln werden.

Für die Belebung ist das Gewerbe zuständig

Auch Kessler ist der Ansicht, dass die Stadt Basel ihre Trümpfe als schöne Altstadt mit einem bemerkenswerten Kulturangebot und als Zentrum einer trinationalen Region mit einer kaufkräftigen Bevölkerung kreativ und optimal ausspielen müsse.

Der Kanton könne die Rahmenbedingungen schaffen und mit Investoren sowie Hausbesitzern Gespräche führen. «Für die Belebung muss aber das Gewerbe selber sorgen», sagt er. Und für einen adäquaten Service: «Wenn ich morgens in einem Innenstadtlokal neben der Kaffeemaschine und einem Berg von Gipfeli sitze und beides nicht bekomme, weil ein Brunchbuffett aufgebaut ist, dann stimmt ja wohl etwas nicht», erzählt Kessler.

Von protektionistischen Massnahmen, etwa einer Reduktion des Fahrplantakts der Tramlinie 8 nach Weil, hält Kessler nichts. Und auf weitere als negativ empfundene Faktoren, beispielsweise die hohen Ladenmieten in den bevorzugten Einkaufsstrassen, habe der Kanton wegen der Handels- und Gewerbefreiheit keinen Einfluss – so bedauerlich es auch sei, dass sich Traditionsgeschäfte aus der Freien Strasse zurückziehen müssten. «Wir können Hausbesitzer dazu ermuntern, ihre Ladenräumlichkeiten vielleicht auch mal unter dem Marktpreis zu vermieten, mehr können wir hier nicht tun», sagt Kessler.

Es gibt nicht nur die Freie Strasse

Auch SVIT-Präsident Molinari sieht sich im Fall der Freien Strasse machtlos: «Viele Häuser an der Freien Strasse befinden sich in den Händen von zum Teil internationalen Investoren», sagt er. Die Mieten werden also hoch bleiben. So lässt sich die Ausbreitung der internationalen Ladenketten oder die «Filialisierung» der Freien Strasse wie auch in anderen Städten nicht verhindern.

Böhm will diese Entwicklung nicht nur negativ verstanden wissen: «Ich möchte die internationalen Brands nicht gegen die eingesessenen Geschäfte ausspielen», sagt er. Und er weist darauf hin, dass Basel schliesslich nicht nur aus der Freien Strasse bestehe. «Der Spalenberg oder die Aeschenvorstadt sind gute Beispiele, dass die Einkaufsstadt Basel auch an anderen Orten attraktiv sein kann.» 

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Die TagesWoche hat dem Einzelhandel in Basel einen Schwerpunkt gewidmet, erschienen sind folgende Beiträge aktuell dazu:

Schliessungen und Leerstand: Die Innenstadt hat ein Problem und muss dringend aufholen

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An der Freien Strasse steigen die Geschäftsmieten seit Jahren, die Spitzenmieten sinken nun aber erstmals seit langem

Gibt es eine Zukunft und wie sieht sie für die Einzelhändler aus? Konsumforscherin Marta Kwiatkowski hat Antworten

Konversation

  1. Ich hab nicht das Gefühl, dass es in der Freien Strasse wenige Menschen habe. Wenn ich da was besorgen will, werde ich immer wieder von Menschen angerempelt, weil die mich offenbar einfach übersehen. (Könnte ja auch aufgrund von zu intensivem smart-phone-Konsum sein.)

    Früher ging ich da noch öfter hin. Es hatte sehr viel verschiedene Läden bis hinunter an den Rhein. Das Angebot ist öder, einseitiger geworden.

    Ansonsten hab ichs mit dem Einkaufen so, wie Christoph Meury. Ich geh mir gezielt etwas holen, wenn ich was brauche.
    Shoppen als Event und Freizeitvergnügen und -unterhaltung sagt mir nichts.
    Die Freie Strasse ist ja immer mehr vorwiegend mit Kleider- und anderen Modeläden bestückt. Das kaufe ich viel lieber an Flohmärkten und in Brockenstuben.

    Für die, die gerne shoppen gehen, wäre es gut, es hätte in der Freien Strasse da und dort ein Bänkli zum Ausruhen. Nicht jeder will ja gleich auch konsumieren, wenn er sich für einen Moment erholen will. Ein wenig Grün täte der Freien Strasse auch gut. Finde ich jetzt echt wichtiger als ein superfeiner, teurer Belag.

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    1. @eldorado
      da stossen Sie bei der planung auf offene ohren. in der konzeptphase «machsitz» werden schinz gegenwärtig mehrere optionen evaluiert. heimlicher favorit ist der städtische hockometer mit infrarotschnittstelle und automatischer buchung/verrechnung.
      daneben gibt’s den bewährten aber teuren mr-hock, und schliesslich soll’s absolut kostenfrei die werbebank mit städtischen grössen geben: typ «besessener», «sesselkleber» oder «sitzriese» – die zahlreichen aspiranten werden aktuell geprüft.

      zudem schlägt ein bekanntes basler architekturbüro den hochsitz vor.

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    2. @ Chröttli:
      Solche „Hockometer“ könnte man mit drei langen Nägeln auf der Sitzfläche ausrüsten, die sich erst nach Einwurf von 1 SFr oder 1 Euro absenken für eine begrenzte Zeit.
      Damit diese Hockometer dann nicht so leer aussehen, könnte mittels Po-Saugvorrichtung der Absitzende zu einer Mindestsitzdauer gebracht werden, sodass auf einer Hockometergruppe stets einer sitzen muss.
      Die Langesitzer kann man mit plötzlichem unerwartetem Wiederhochkommen der Nägel wieder zum Weitergehen bewegen oder zunehmend der Lokalwerbung aussetzen.

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    3. @cesna
      😉
      das trifft den nagel auf den kopf – und dass er nicht übers konzeptionelle ziel rausschiesst, heisst der bulwoar künftig didaktisch klar «befreite strasse»

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  2. …’mehr können wir hier leider nicht tun‘. Diesen Satz lernen Politiker wohl in der Unterrichtsstunde: Umgang mit den Medien und der Bevölkerung. Dieser Satz ist sehr gut, den er drückt das Mitgefühl des Sprechers aus, aber auch, dass dieser sein Möglichstes getan hat – so ein Quatsch! Es kann doch nicht sein, dass nicht mehr geht. Warum ist die Innerstadt plötzlich autofrei? Und warum fährt die 8 nach Deutschland…da ging doch auch was?!
    Für den neuen Belag in der Freienstrasse, der wohl einige Millionen verschlingen wird könnte man sinnvolleres in die Wege leiten. zB eine Umfrage: was den Herr und Frau Basler fehlt? warum gehen sie nicht mehr in die Stadt? was wäre nötig, damit sie wieder gehen…?
    Aktuell ist die Innerstadt im Speziellen die Freiestrasse mit jeder beliebigen Einkaufstrasse in Dänemark, Frankreich, Norwegen,…wo auch immer austauschbar. Und daran ändert auch ein schöner Steinboden nichts, den den werden die Baseler in wenigen Monaten genauso mit Kaugummi zuklastern wie den Alten.

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  3. > Gentrifizierung

    …ist Symptom von nur zwei Prozessen,
    1. Billiges Geld, entweder durch die niederen Zinsen des Frankens oder durch Carry-Trades auf der ganzen Welt und
    2. Die Einwanderungs- und Jekami-Politik der Linken und Seelenimportierer (Landwirten-SVP), die für die nötige Rechtfertigung von solch hohen Mieten steht.

    Radikale Gegenmassnahmen lassen sich ja in Basel nicht blicken, seien es Genossenschaften oder eine alternative Pensionspolitik, wo die Stadt z.B. ihren Rentnern schlicht eigene Wohnungen zum Billigtarif anbietet, die ohne Zinsen gebaut wurden und in den Besitz (nicht Eigentum) der Mieter übergehen, sofern sie auf einen Teil der Pensionsleistungen verzichten. Letzteres hätte ja auch den angenehmen Nebeneffekt, dass Ältere hier bleiben und die Stadt nicht völlig „ent-baseldeutscht.“ Die Zinsfreiheit ist wichtig, solche Dinge sollten aus operationellem Einkommen gebaut werden.

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  4. @meury
    okay soweit – der weg sei das ziel … eh schade, ist’s nicht mehr an der kornhausgasse zu haben 😉
    mal sinnlicher: rund um den münsterplatz gibt’s zweidrei bezugspunkte, das gässlein runter auf zum literatendrink (die papeterie fehlt inzwischen) oder zum bekannten musikhaus – irgendwo spielt die linde dennoch eine rolle, hm?
    ohnein, kein support fürs standortmarketing … «fort, die tun was!»

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  5. Was tut der Einheimische mit einem amtlich verordneten «No-Go-Area»? Er überlässt es denen, für die es gedacht ist.

    Die massiv beworbene «Welt-Gentry», die mit «hochklassigen» Events mit «Weltgeltung» (Luxusuhren- , «Art-Banking»- und Spitzentennis-Messen) hierher gelockt werden.

    Für die baut man in Gehdistanz das pseudohistorische Ambiente aus, damit sie auch schnell das finden, von dem sie auch zu Hause wissen, wo sie es schnell finden.

    Das nennt man «Service publique».

    «Find i guet».

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    1. Also die Expats gehen auf jeden Fall alle bei Hieber in DE einkaufen. Dort ist wochenends und auch während der Woche richtiges Familientreffen. 🙂 Was die Messebesucher angeht frage ich mich, wieso jemand in der Freien Strasse einkaufen soll, wenn er doch sowieso die Woche drauf in London ist. Wer sich das Zeug dort leisten kann, kann sich auch den Shopping Flug nach London oder den TGV nach Paris leisten und hat dort mehr Auswahl…

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