Die Image-Polierer

Ihre Satire «Image Problem» ist herrlich lakonisch und erfrischend frech: Andreas Pfiffner und Simon Baumann verkörpern eine neue Generation Schweizer Filmemacher.

Sie gaben vor, einen Imagefilm für die Schweiz zu drehen: Andreas Pfiffner (links) und Simon Baumann. (Bild: zVg)

Ihre Satire «Image Problem» ist herrlich lakonisch und erfrischend frech: Andreas Pfiffner und Simon Baumann verkörpern eine neue Generation Schweizer Filmemacher.

Als Chef von «Präsenz Schweiz» hat der Romand Nicolas Bideau die Aufgabe, das Image der Schweiz aufzupolieren. Dabei muss er mit seinem Team nicht nur mit Käppchen und Fähnchen und olympischen Häusern die Werbetrommel rühren – sondern gemäss Bundesratsbeschluss auch auf Imagebedrohungen und -krisen reagieren. Man beneidet ihn nicht, sind diese doch allgegenwärtig – sei es in der europäischen Finanzpolitik oder im US-Wahlkampf (Romneys Nummernkonti!): Die Schweiz wird im Ausland immer öfter mit unreinem Scheckbuch als mit astreinem Bilderbuch in Verbindung gebracht.

Konzerne und Konservative

Dieses schlechte Image der Schweiz hat zwei Filmemacher dazu animiert, der angeschlagenen Helvetia unter die Arme zu greifen: Andreas Pfiffner und Simon Baumann, zwei Mittdreissiger mit kleiner Filmproduktionsfirma in Biel, zogen vor drei Jahren mit Kamera und Mikrofon los, um monatelang dem «Image Problem» auf den Grund zu gehen. In ihrer dokumentarisch angelegten Filmsatire nehmen sie das Publikum mit auf ihre Reise durch die Deutschschweiz und das angrenzende Ausland, mit dem vorgegaukelten Ziel: das Image der Schweiz zu verbessern.

Zunächst holen sie sich Rat und Goodies bei PR-Experten (darunter Bideaus Vorgänger Johannes Matyassy), kommen aber zum Schluss, dass das Ansehen unseres Landes nicht einfach mit pittoresken Panoramen repariert werden kann. Sie wollen mit Klischees und Vorurteilen aufräumen, weshalb sie zum Beispiel Müll vors Matterhorn kippen. Ein bisschen Littering soll die Realität in der Schweiz dar- und die Glaubwürdigkeit im Ausland herstellen. Sie suchen die Versöhnung mit einem Geständnis in Briefform und bitten Schweizerinnen und Schweizer, dieses vorzulesen und sich damit stellvertretend für uns alle bei den Ausländern zu entschuldigen: für das Rosinenpicken in Politik und Wirtschaft.

Am Ende ist klar: Der angebliche «Imagefilm» ist ein humorvoller, bis­siger Beitrag zur Diskussion über die Schweiz. Baumann und Pfiffner legen die Widersprüche offen, die in unserem Land vereint sind: die Angst vor Multikulturellem und der Rückzug in den Nationalismus auf der einen Seite, der Wohlstand, zu dem multinational agierende Konzerne wie Glencore oder UBS beitragen, auf der anderen. Auf Kosten der Ausländer profitieren ist willkommen, die Ausländer selber sind es hingegen weniger.

Das erfahren Baumann und Pfiffner, die sich unters Volk mischen und Stimmen einfangen von Bürgern, die vielleicht nicht ahnen, dass sie hier ein Stück weit benutzt werden, was die beiden Filmemacher schliesslich schlechten Gewissens einem Priester beichten. Die Zuschauer begleiten das Duo an ein Alphornfest, wo es ebenso Stimmen einfängt wie in Kleinstädten und Schrebergärten. Besonders kurios: Das Duo paddelt gar im Gummiboot zu Villenbesitzern am See. «Wir haben Hunderte Leute getroffen», erzählt Pfiffner im Gespräch. «Dass im Film überwiegend ältere Menschen vorkommen, hat damit zu tun, dass diese eher bereit waren, uns Auskunft zu geben. Manche luden uns auf ein Bier ein, andere – etwa Bewohner an der Zürcher Goldküste – riefen die Polizei.»

Rentner und Rassismus

Der Film gibt zwar vor, dass er das Image dieses Landes verbessern möchten. Doch das ist nur ein dramaturgischer Kniff. «Uns interessierte es nicht, ein differenziertes Bild zu vermitteln», gibt Baumann zu. «Ganz bewusst haben wir Aussagen verdichtet, Dinge überspitzt dargestellt, sind einer Dramaturgie gefolgt und denken, dass wir mit diesem Stilmittel ein durchaus realistisches Bild einfangen können.»

Zum Beispiel den grassierenden Rassismus in der Schweiz. «Es war zum Teil schockierend, was wir zu hören bekamen», sagt Pfiffner. Wie wahr: Ein Ostschweizer Mann stellt fest, «dass Adolf seine Arbeit nicht zu Ende führen konnte». Und ein Wanderfreund bekennt, dass ihm zehn Jugoslawen oder Türken lieber seien als zwei Neger – was er aber eigentlich nicht im Film gesagt haben möchte, denn «ich will ja nicht als Rassist abgestempelt werden». Zu spät, wie er jetzt feststellen wird. Dass manche Leute vorgeführt werden, hat bei der Premiere auf der Piazza Grande in Locarno einige Leute empört. Das überrascht die Macher. Sie erklären es sich damit, dass diese Art Humor dem älteren Festivalpublikum fremd ist.

«Borat» und «Bowling»

Obschon sie in Internetforen bereits vor dem Filmstart als «Nestbeschmutzer» verurteilt werden: Eine Klage haben sie noch nicht am Hals. «Eigentlich schade», sagen sie ironisch – und im Wissen, dass der britische Komiker Sacha Baron Cohen von Klagen jeweils profitieren konnte. Wir erinnern uns: Als kasachischer TV-Reporter Borat getarnt, reiste dieser durch die USA und fing dabei auf subversive Weise Rassismus, Sexismus und Nationalismus ein.

Mit «Image Problem» überführen Pfiffner und Baumann diese junge Form der Dokumentarsatire in die Schweiz – und versehen die Arbeitsweisen von Cohen oder des US-Filmemachers Michael Moore («Bowling for Columbine») mit einer eigenen Note: So geben sie sich naiv, treten manchmal bewusst dilettantisch auf, provozieren subtil und kommentieren ihre Vorgehensweise, die Entstehung des Films, mit träfen Aussagen. Dabei rücken sie sich nicht so konfrontativ ins Zentrum (und ins Bild) wie die angelsächsischen Vorbilder.

Ihr Einstand im Kino unterhält über weite Strecken bestens, die Annäherung ist erfrischend polemisch. Dass ihre witzige Mission auf Dauer an Fahrt, Faden und Dringlichkeit verliert, ist ein Schönheitsfehler – aber als solcher noch immer vernachlässigbarer als die Schönheitsfehler, die die Doppelmoral der Schweiz in Sachen Image evoziert. Apropos Image: Hat das Duo, das auch Auftragsfilme macht, nun selber ein Image-Problem? «Bisher nicht», sagt Baumann. «Aber von Glencore werden wir wohl kaum verpflichtet.»

Schatten und Schweiz

Auch von Präsenz Schweiz werden künftig kaum Aufträge zu erwarten sein. Deren Chef Nicolas Bideau wird derzeit von seinem eigenen Schatten eingeholt: Bis 2010 war er Filmchef im Bundesamt für Kultur – forderte gerne populäre Themen, kostengünstige Eigeninitiative und eine Verjüngungskur im Schweizer Film. Jetzt muss er mitansehen, wie sich zwei junge Filmschaffende unter anderem über die Arbeit von Präsenz Schweiz lustig machen und viel Aufmerksamkeit erregen.

Als hätte Bideau als PR-Verkäufer der Schweiz nicht schon genug Gegenwind im Ausland, weht ihm und seinen Bestrebungen, das Image der Schweiz zu verbessern, auch aus dem Inland eine steife Brise entgegen. Dagegen hilft nur eines: ein rot-weisses Käppchen überziehen. Davon hat es in den Büros von Präsenz Schweiz sicher genug.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 21.09.12

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