Die nachhaltige Unverbindlichkeit

«Nachhaltig» war einst ein präziser Begriff. Am Erdgipfel 1992 in Rio hat sich die Politik seiner bemächtigt. Seither ist die Nachhaltigkeit unverbindlich und derart schwammig geworden, dass sich alle Interessen damit schönfärben lassen. 

Szene aus einem Film zum Erdgipfel +20 in Rio. (Bild: webtv.un.org)

«Nachhaltig» war einst ein präziser Begriff. Am Erdgipfel 1992 in Rio hat sich die Politik seiner bemächtigt. Seither ist die Nachhaltigkeit unverbindlich und derart schwammig geworden, dass sich alle Interessen damit schönfärben lassen.

Das Wort «nachhaltig» stammt aus der Waldwirtschaft, und Forstleute wissen genau, was es bedeutet: «Nur soviel Holz schlagen, wie nachwächst.» Oder bezogen auf die Natur als Ganzes: Nur soviel nutzen, wie die Natur erneuern respektive regenerieren kann. Die Schweizer Volkswirtschafts-Professorin Heidi Schelbert dehnte den ökologischen Begriff später sinngemäss auf die Ökonomie aus: «Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung heisst, von den Zinsen leben und das Vermögen nicht aufessen.» 

Diesen Nachhaltigkeits-Anspruch erweiterte 1987 die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (Brundlandt-Kommission) auf die Menschheit als Ganzes: «Nachhaltige Entwicklung deckt die Bedürfnisse der Gegenwart, ohne zukünftigen Generationen die Grundlagen für deren Bedürfnisbefriedigung zu nehmen.»

Mit dieser abstrakten Definition öffnete die Brundlandt-Kommission den Spielraum für Interpretationen: Wo enden die Bedürfnisse der Gegenwart – beim Lebensstandard in der Schweiz oder in Indien? Und inwieweit vermindert der Raubbau an Erdöl und andern nicht nachwachsenden Rohstoffen die Möglichkeit späterer Generationen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen?  

Rio 1992 und die Nachhaltigkeit 

Politische Bedeutung erhielt die «Nachhaltigkeit» fünf Jahre später, am Erdgipfel von 1992 in Rio de Janeiro, an dem die drei grossen Themen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft erstmals an einer Regierungskonferenz gemeinsam behandelt wurden. Daraus entstand ein neues magisches Dreieck, gebildet aus den Eckpunkten ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit.

Konkreter: Die nachhaltige Entwicklung in den drei Bereichen Natur, Wirtschaft und Gesellschaft muss gleich gewichtet werden. Damit öffnete sich ein neues Konfliktfeld. Denn die ursprüngliche, streng  ökologische Forderung, nicht mehr zu nutzen, als die Natur nachwachsen lässt oder regenerieren kann, kollidiert mit den ökonomischen und gesellschaftlichen Forderungen, das wirtschaftliche und soziale Wohlergehen aller zu sichern. 

Das Business Council for Sustainable Development, das in Rio die Interessen der Wirtschaft vertrat, definierte die Nachhaltigkeit nochmals einseitiger: «Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung gründet auf der Erkenntnis, dass Wirtschaftswachstum und Umweltschutz untrennbar miteinander verbunden sind.» In der Folge ersetzten auch die meisten Regierungen die neutrale Formulierung «nachhaltige Entwicklung» mit der Forderung nach «nachhaltigem Wachstum». 

Mehr Wirtschaft, weniger Natur 

Diese  Umformulierung machte das Wachstum der Wirtschaft zur Voraussetzung für die nachhaltige Entwicklung insgesamt. Die Vertreter von Politik und Wirtschaft verschoben damit das Gewicht in der Nachhaltigkeits-Debatte – zu Gunsten der Wirtschaft und zu Lasten von Natur und Gesellschaft.

Denn Wirtschaftswachstum bietet keine Garantie, weder für soziales Wohlergehen noch für ökologische Nachhaltigkeit. Im Gegenteil: Während die Weltwirtschaft, begrünt mit der Etikette «Nachhaltigkeit», weiter wuchs, blieb die soziale und ökologische Nachhaltigkeit auf der Strecke.  

Konkret: Arbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit und Übernutzung der Natur nahmen seit 1992 tendenziell weiter zu. Das belegt – neben unzähligen weiteren Statistiken und Studien – die Naturbuchhaltung des Footprint Networks: Der ökologische Fussabdruck der Menschheit überschritt die ökologische Kapazität des Planeten Erde im Jahr 1992 um 22 Prozent, im Jahr 2008 bereits um 53 Prozent. Knapp 20 Jahre, nachdem sich die Regierungen in Rio zu einer nachhaltigen Entwicklung  bekannten, stieg die Verschuldung der Menschheit gegenüber der Natur um einen Viertel.  

Wandel zur Beliebigkeit 

Verbreitet hat sich die Nachhaltigkeit vor allem verbal: «Nachhaltig» wird heute nicht nur gewachsen, gelebt, gehandelt, gearbeitet, gebaut, geschenkt  oder investiert. Heute gibt es auch nachhaltiges Bewusstsein, Management, Spielzeug, etc. und von Toyota sogar ein «nachhaltiges Autohaus». Mit dem schwammigen Wort «nachhaltig» lässt sich heute alles und auch das Gegenteil schönfärben und rechtfertigen. Die Nachhaltigkeit wandelte sich zur Beliebigkeit. 

Das gleiche Schicksal droht andern, einst präzis definierten Postulaten. Zum Beispiel der 2000-Watt-Gesellschaft: Die konstante Leistung von 2000 Watt entspricht einer Menge von 17’600 Kilowattstunden. So gross war im Jahr 1994 der durchschnittliche Primärenergieverbrauch pro Jahr und pro Kopf der Menschheit.

Das damals am Paul Scherrer Institut (PSI) präsentierte Konzept sah vor, diese Durchschnitts-Menge nicht weiter ansteigen zu lassen und gleichzeitig gerecht auf die Menschheit zu verteilen. Demnach hätten die Industriestaaten ihren Energieverbrauch auf ein Drittel bis ein Fünftel senken müssen, während armen Entwicklungsländern mehr Energie zustand (und immer noch zusteht).

Die 2000 Watt-Gesellschaft fasste damit in eine Zahl, was der Philosoph Hans Jonas einst als Prinzip der ökologischen Verantwortung wie folgt definierte: «Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der dauernden Möglichkeit menschlichen Lebens auf Erden.» 

Von der Zahl zur Metapher 

Das 2000-Watt-Ziel lässt sich in der Schweiz und andern wohlhabenden Staaten nur erreichen, wenn Wirtschaft und Gesellschaft ihre Produktion und ihren Konsum von Gütern, Dienstleistungen, Wohnraum und Verkehr massiv reduzieren. So verbraucht eine Person in der Schweiz im Durchschnitt rund fünfmal mehr Primärenergie (inklusive Importüberschuss an grauer Energie), als die 2000-Watt-Gesellschaft erlaubt. Das hindert Bund, ETH und diverse Städte nicht daran, die 2000-Watt-Gesellschaft als «Nachhaltigkeits»-Ziel vollmundig zu postulieren, ohne aber die dazu notwendigen Mittel respektive Einschränkungen zu verordnen. 

Umweltverbände propagieren heute «Wegweiser in die 2000-Watt-Gesellschaft» und Bauherren preisen ihre Bauten vollmundig als «Leuchttürme der 2000 Watt-Gesellschaft» an. Der präzise Begriff «2000 Watt-Gesellschaft», der die Begrenzung der Menge und die global gerechte Verteilung miteinander verknüpft, ist zum Etikettenschwindel und zum Label provinzieller Standortförderung verkommen. Einer, der das in einem Interview mit der «Weltwoche» öffentlich eingestand, ist Ralph Eicher, Präsident der ETH: «Die 2000 Watt-Gesellschaft», sagte Eicher, «ist nur eine Metapher fürs Energiesparen.» 

Die «Nachhaltigkeit» ist ebenfalls zur «Metapher» geworden, aber nicht nur für ein Thema allein, sondern für drei: Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft. «Nachhaltigkeit» verknüpft die Unverbindlichkeit des Begriffs mit der Illusion, Wirtschaftswachstum, soziale Gerechtigkeit und Naturerhaltung liessen sich konfliktfrei unter einen Hut bringen. Das geht nicht. Wer eine nachhaltige Entwicklung im ursprünglichen Sinn des Wortes anstrebt, muss Prioritäten setzen. Und dabei wird klar werden: Die Natur kann ohne Wirtschaft und Gesellschaft leben. Ohne Natur aber ist alles andere nichts.

Konversation

  1. Das ist einer der Begriffe, der bis zum geht nicht mehr missbraucht wird.

    Nehmen wir mal die Wirtschaft.
    Mir ist aufgefallen, dass je länger je mehr auf eine Art produziert wird, dass die Lebensdauer der Produkte immer kürzer werden. Schliesslich wollen die Firmen ja wachsen. Da bin ich als Konsument mehr oder weniger machtlos.
    Um das Verlangen danach, immer wieder die Produkte zu ersetzen, gibt es in immer kürzeren Abständen Verbesserungen. Ob die wirklich immer einen Mehrwert darstellen sei dahingestellt.
    Solange die Wirtschaft dermassen auf Gewinn fokussiert ist, ist Nachhaltigkeit gar nicht möglich. Solange dermassen Fabrikation ausgelagert wird in Billiglohnländer, um den Gewinn zu optimieren ist Nachhaltigkeit nicht möglich.
    Die Globaliesierung fand einseitig auf wirtschaftlichem Gebiet statt. Somit ist die Wirtschaft die eigentliche Kraft, die die Welt in Händen hat.
    Non-Profit-Organisationen, wie Max Havelaar, Faitraide haben eine Nische entdeckt und machen das, um was es eigentlich geht. Und um was geht es da? – Um die Menschen, die soziale Komponente.

    Je mehr wir den Mut bekommen und das auch verwirklichen können, die Globalisierung sozial zu gestalten und der Wirtschaft die Aufgabe zu geben, der ihr eigentlich gebührt, wird die Nachhaltigkeit an Kraft gewinnen. Die eigentliche Aufgabe der Wirtschaft ist, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Das heisst, jeder Mensch trägt nach seinen Kräften dazu bei, seine Begabungen und Fertigkeiten einzusetzen für die anderen.

    Dazu hat mich ein Aspekt des bedingungslosen Grundeinkommens sehr überzeugt. Die Steuern würden ja sehr viel stärker über die Umsatzsteuer finanziert. Werden aber die Produkte exportiert, fällt diese weg. Das heisst wir wären wettbewerbsfähiger im Ausland. Werden aber Produkte importiert, kommt am Zoll die Umsatzsteuer dazu. Das würde diese unseeligen Auslagerungen viel uninteressanter machen und würde der Nachhaltigkeit sehr gute Dienste leisten.

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  2. Zugegeben, Nachhaltigkeit hat sich zu einem politischen Kampfbegriff gemausert und wird dabei mehr miss- als gebraucht. Ob dies einer nachhaltigen Entwicklung zu- oder abträglich ist, sei dahingestellt. Daraus ergibt sich aber noch lange nicht, dass wir die Idee einer nachhaltigen Entwicklung aufgeben sollten. Diese Idee wurde von der Brundtland-Kommission 1987 scharf gefasst. Verwirrung hat erst die Umsetzung über das ‚magische Dreieck‘ zwischen Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft gebracht. Wenn man Nachhaltigkeit einseitig betrachtet und in den einzelnen Dimensionen umsetzen will, scheitert man zwangsläufig (und das ist, was leider meist geschieht). Versteht man die Nachhaltigkeitsidee dagegen integrativ – und darin besteht ihre Grundintuition -, stellt sich die Herausforderung klar: Wie gestalten wir unsere Gesellschaft, dass alle ihre Grundbedürfnisse in einer Weise befriedigen können, welche die ökologischen Grenzen achten? Und dazu gehören zentral Produktion, Konsum und Entsorgung von Gütern, d.h. unsere Wirtschafts- und Konsumweise.

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  3. Zugegeben, Nachhaltigkeit hat sich zu einem politischen Kampfbegriff gemausert und wird dabei mehr miss- als gebraucht. Ob dies einer nachhaltigen Entwicklung zu- oder abträglich ist, sei dahingestellt. Daraus ergibt sich aber noch lange nicht, dass wir die Idee einer nachhaltigen Entwicklung aufgeben sollten. Diese Idee wurde von der Brundtland-Kommission 1987 scharf gefasst. Verwirrung hat erst die Umsetzung über das ‚magische Dreieck‘ zwischen Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft gebracht. Wenn man Nachhaltigkeit einseitig betrachtet und in den einzelnen Dimensionen umsetzen will, scheitert man zwangsläufig (und das ist, was leider meist geschieht). Versteht man die Nachhaltigkeitsidee dagegen integrativ – und darin besteht ihre Grundintuition -, stellt sich die Herausforderung klar: Wie gestalten wir unsere Gesellschaft, dass alle ihre Grundbedürfnisse in einer Weise befriedigen können, welche die ökologischen Grenzen achten? Und dazu gehören zentral Produktion, Konsum und Entsorgung von Gütern, d.h. unsere Wirtschaftsweise.

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