Die Sache mit dem Fisch

Die Schweiz spielt längst wieder Fussball, Deutschland nimmt den Betrieb heute mit einer Pokalrunde auf – Gedanke zu einer Sommerpause, die den Namen nicht mehr verdient und in der abermals zu Tage trat, wie der Fussballjournalismus den Sportjournalismus unter sich begräbt.

(Bild: Nils Fisch)

Die Schweiz spielt längst wieder Fussball, Deutschland nimmt den Betrieb heute mit einer Pokalrunde auf – Gedanke zu einer Sommerpause, die den Namen nicht mehr verdient und in der abermals zu Tage trat, wie der Fussballjournalismus den Sportjournalismus unter sich begräbt.

Als die Stollenschuhe noch in Schwarz gehalten waren, hatte der Kult um den Fussball ein jährlich wiederkehrendes Loch. Es tat sich in jener Phase zwischen der letzten und der nächsten Saison auf, als wir das Spiel so innig vermissten – auch wenn wir zwischenzeitlich selbst am Strand, in den Bergen oder auf Tauchgang waren. Wie schön, konnten wir seufzen, wenn es endlich bald wieder in Gang kommt. Auf diese Weise wird uns gerade in der Abwesenheit sonnenklar, wie wichtig einer oder etwas uns tatsächlich ist.

Wie die Trennung zur Beziehung, gehört die Pause also unbedingt zur Feier des Fussballs dazu. Im Sommer 2013 aber gibt es wenig zu feiern, denn die Medienwelt lässt dem schönsten aller Spiele keine Ruhe. Sie hält es weiter als wichtigstes Thema oben, obwohl im Grunde wenig passiert. Indem sie mit noch grösserem Ingrimm alle erdenklichen Bilder und News in die Welt hinaus bläst, die einen schlimmen Verdacht schon im Keim ersticken: Soll doch nur keiner denken, dass der Fussball gerade eine Auszeit erlebt.

Noch der banalste Test wird zum Opiat

Und siehe, da rollt er ja, immer noch beziehungsweise. schon wieder, wer wollte das jetzt unterscheiden: Zwischen den Beinen einer U17-Auswahl, die gerade um den Einzug ins Viertelfinale irgendeines Turniers spielt; vor den zu 20 Prozent ausgelasteten Tribünen einer Schweizer Seelandschaft, in der ein Erstligist gegen eine Regionalauswahl auf dem Rasen spazieren geht; bei einem Kurzturnier, von dem vier versammelte Trainer unisono sagen, dass man seine Resultate nicht so hoch hängen solle – worauf am Ende wieder der FC Basel oder der FC Bayern gewinnt.

Es sind allenfalls Spurenelemente einer ernsthaften Fussball-Begegnung, die in diesen Live-Übertragungen aus Irgendwo sichtbar werden. Doch enthalten sie immer noch genug Opiate, um hartgesottene Anhänger bei Laune zu halten. Vielleicht können sie hier ja das neue Jahrhundert-Talent oder die Neueinkäufe ihres Clubs entdecken, locker über den Platz joggend, und daraus neue Theorien über einen künftigen Platz in der Tabelle entwickeln. Und wenn nicht, so vergeht doch zumindest wieder (Warte-) Zeit.

Tennis, die Tour, die Schwimm-WM, die Leichtathletik – der Rest wird pflichtschuldig mitverarztet.

In diesem Sinne schiessen sich längst auch die Printmedien ein. Gerüchte, Halbwahrheiten, Meinungen lange vor dem ersten Anlass streuen: Endlich können sich die Speerspitzen des deutschsprachigen Sportjournalismus in ihren Lieblingsdisziplinen ergehen. Wie wird Guardiola bei den Bayern mit Sportdirektor Sammer harmonieren? Wie ernsthaft sind Wolfsburg und St.Gallen an diesem oder jenen Brasilianer interessiert? Was bedeutet es für die Bundesliga und die Kräfteverhältnisse in Westeuropa, dass Granit Xhaka im Testspiel bei Celtic Glasgow ein Tor für Mönchengladbach gelang? Haben Favre, Hitzfeld oder jemand in Brüssel schon was dazu gesagt?

Tag für Tag werden Meldungen über Transfers gedruckt, die schon zwei Tage später nicht mal den Hering wert sind, den man darin einpackt. Es werden Checklisten, mögliche Aufstellungen und Prognosen erstellt, bevor die neuen Kader überhaupt in Schwung gekommen sind. Hauptsache, die Droge wird nicht abgesetzt und die Medienmaschine rollt. Hauptsache, niemand empfindet eine Pause.

Der kleine König Fussball – ein mächtiger Despot

Die Tennis-Finals in Wimbledon, Leichtathletik-Galas, Tour de France, Schwimm-WM: Was immer im Juli hauptsächlich interessant war, wurde pflichtschuldig mitverarztet. Im Zentrum des Geschehens blieb beim Boulevard wie bei Qualitätsblättern jedoch die schöne, heile Fussballwelt.

Der kleine König Fussball ist ein mächtiger Despot geworden, der keine anderen Bewerber neben sich duldet. Selbst wenn der Sportjournalismus dadurch immer mehr vom Fussballjournalismus begraben wird.

Inzwischen ist das Ende der Pause, die keine war, deutlich abzusehen. Schweizer und deutsche Vereine greifen im Kampf um die letzten Plätze in der Europa League ins Geschehen ein; es folgen erste Runden in Pokal und Liga. Und dann, ja dann sind wir endlich erlöst, wenn auch aus einem anderen Grund: Weil von da an alle Surrogate der Sache selbst, alle in die Zukunft gerichteten Spekulationen der Gegenwart weichen werden. Was am besten solche geniessen können, die vorher nicht so genau hingeguckt haben – in diesen schrecklich aufgedrehten Wochen, als es um gar nichts ging.

Konversation

  1. Während meiner Primarschulzeit, ab 1946, wurde ich von meinem Vater regelmässig auf den Rankhof „geschleppt“, um dort die Spiele des FC Nordstern zu sehen. Leider oder soll ich sagen Gott sei Dank, konnte er mich, trotz aller Bemühungen, nicht für diesen Sport begeistern. Die Technik zu Wasser, zu Land und in der Luft hat mich weit mehr interessiert. Mein Vater war so tolerant, dass er mich gewähren liess. Heute bin ich geradezu froh, dass ich kein Fussballfan geworden bin. Wenn man bedenkt, dass man heutzutage so zu sagen jeden Abend im Fernsehen irgend ein Spiel, bedeutend oder unbedeutend, sehen kann, dann frage ich mich ernsthaft, ob da dem Fussballfan noch freie Zeit bleibt, um etwas anderes zu tun als Fussball zu schauen. Den Rest an Interesse am Sport allgemein haben mir die verschiedenen Dopingskandale in (fast) allen Sportarten gegeben. Wie man seit ein paar Tagen weiss, wurde nicht nur in der DDR sondern auch in der BRD gedopt was das Zeug hielt. War es bei uns anders? Es fällt mir schwer es zu glauben!

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  2. Nicht jeder eingewickelte Fisch stinkt gleich abscheulich. Wenn statt Transfergerüch(t)en Bilder und Berichte die Runde machen, die es während der „richtigen“ Fussballzeit nie in die Medien schaffen, kanns durchaus auch mal herzig, witzig oder gar an den Rändern engagiert sein.
    Ein FC, der sowohl gegen die Bewohner eines Asylheims wie auch gegen Nationalmannschaften ferner Länder schuttet (http://www.lietschcity.ch/) wird vielleicht von der BZ besser vermarktet. Vom Joggeli zur Hülfteschanz ist es aber nicht so weit, als dass man den Weg den Sportjournalisten der TW nicht zumuten könnte, zumal sie ihn ja bequem per Mausklick zurücklegen könnten.

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