Diese Brille hat den Durchblick

Die Google-Brille wollte niemand, auf die Videobrille von Snapchat gibts ein Riesenrun. Mit ihr kann man jeden Moment filmisch festhalten. Das könnte die Gesellschaft auf den Kopf stellen.

Der Run auf die neue Snapchat-Brille ist riesig. Aber wer sieht hier eigentlich durch wen?

(Bild: Montage)

Die Google-Brille wollte niemand, auf die Videobrille von Snapchat gibts ein Riesenrun. Mit ihr kann man jeden Moment filmisch festhalten. Das könnte die Gesellschaft auf den Kopf stellen.

In den USA war vor wenigen Tagen ein sonderbares Schauspiel zu beobachten: Im ganzen Land standen Menschen Schlange vor knallgelben Boxen, um eine Sonnenbrille zu kaufen. Eine Brille, die aussieht wie aus einem Katalog der 1950er-Jahre. 

Der Social-Media-Dienst Snapchat hatte werbewirksam Verkaufsautomaten an belebten Einkaufsmeilen von Grossstädten und Stränden platziert, wo das Start-up seine neue Brille «Spectacles» offerierte. Das Besondere an der Sonnenbrille ist, dass sie über eine eingebaute Kamera verfügt, mit der sich Kurzvideos drehen lassen. Kostenpunkt: 130 Dollar.

Schon wieder eine Zeitenwende?

Um die smarte Video-Brille ist ein regelrechter Hype entstanden. Die Kunden rannten Snapchat die Bude ein. Weil das Kontingent begrenzt war, wurden auf Ebay mehrere hunderte Dollar geboten, um ein Exemplar der smarten Brille zu ergattern. Der Produkt-Launch war nicht nur ein PR-Coup – Bilder von Menschen, die am Venice Beach vor einer mit gelben Luftballons dekorierten Box Schlange standen, wurden gleich mitgeliefert. Es könnte auch eine Zeitenwende der Live-Gesellschaft markieren.

Das Technik-Magazin «Wired» rief prompt den Beginn der «camera-first»-Zukunft aus, in der jeder Moment festgehalten werde:

«Indem Kameras immer weiter verbreitet sind und leistungsfähiger werden, werden sie mehr als nur Werkzeuge sein, mit denen man schöne Aufnahmen vom Grand Canyon oder der epischen (Kaffee)-Latte-Kunst macht. Kameras werden die Augen sein, durch die unsere Computer die Welt sehen, und durch die wir die Welt der anderen sehen werden.»

Um es sich vor Augen zu halten: Snapchat ist diese für Erwachsene unverständliche App, bei der Jugendliche Bilder versenden, die nach zehn Sekunden wieder verschwinden. Sagte Andy Warhol einst, in Zukunft werde jeder 15 Minuten berühmt sein, ist dieser Ruhm heute auf ein paar Sekunden zusammengeschnurrt.

Im Juli hat Snapchat zwar eine Speicherfunktion eingeführt. Die wird aber nicht wirklich genutzt. Die Nutzer haben es sich in einer Sorglos-Blase wohlig eingerichtet. Man muss sich keine Gedanken machen, was man postet, weil alles flüchtig ist und sofort wieder verschwindet.

Man muss sich ob dieser Innovation schon die Augen reiben. Im Gegensatz zur Datenbrille «Google Glass» ist «Spectacles» der absolute Renner.  

Mit der Videobrille hat die mitteilungsbedürftige Adoleszenz nun auch die passende Hardware parat. Als Spectacles auf den Markt kam, sagte Snapchat-Chef Evan Spiegel dem «Wall Street Journal»: «Die Leute fragen sich, warum ihre Tochter 10’000 Fotos am Tag macht. Warum realisieren sie denn nicht, dass sie keine Bilder speichert? Sie redet.»

Snapchat will seinen Dienst nicht als profanes Plappermedium verstanden wissen, sondern als neue Form der Echtzeit-Kommunikation. Bewegtbilder sprechen eine eigene Sprache.

Ein alte Vision wird wahr

Alle verfügbaren Informationen zu speichern und auszuwerten, ist ein alter Menschheitstraum. Schon der Analogrechner-Pionier Vannevar Bush träumte davon, eine Maschine (Memex) zu konstruieren, die alle Erinnerungen speichert. In seinem berühmten Essay «As We May Think» (1945) schrieb er:

«Ein Memex ist ein Gerät, in dem ein Individuum all seine Bücher, Akten und seine gesamte Kommunikation speichert und das so konstruiert ist, dass es mit ausserordentlicher Geschwindigkeit und Flexibilität benutzt werden kann. Es stellt eine vergrösserte persönliche Ergänzung zum Gedächtnis dar.»

Und vielleicht ist «Spectacles» ja ein solches Memex, eine Gedankenprothese, die das Erlebte dokumentiert.

Man muss sich ob dieser Innovation schon die Augen reiben. Als Google seine Datenbrille «Glass» lancierte, bei der man mit einem Augenzwinkern Fotos schiessen konnte, sahen manche schon das Ende der Privatsphäre gekommen. In Seattle und San Francisco wurden smarte Brillenträger aus Bars und Restaurants geworfen, weil die Besitzer um die Intimsphäre ihrer Kunden fürchteten. Das Gadget sah sich heftiger Kritik von Datenschützern ausgesetzt. 2015 hat Google Verkauf von Glass eingestellt.

Tempi passati. «Spectacles» ist der absolute Renner. Und es könnte tatsächlich sein, dass mit der Videobrille eine Zeitenwende anbricht.

Was bedeutet das für die Gesellschaft, wenn jeder mit einer videofähigen Sonnenbrille herumläuft und alles mitfilmt? Agiert man dann vorsichtiger?

Egal, ob Urlaub oder Terroranschlag – alles wird filmisch festgehalten und mit der Welt geteilt. Architekt Carlo Ratte, einer der Vordenker der Digitalisierung, erklärte in einem Gastbeitrag für die NZZ: «Die Welt wird ein ‹Live-Cast›, eine aus dem Moment geborene Projektion von allem, was sich rund um uns abspielt – vom schön angerichteten Essen im Restaurant bis zur Schiesserei, deren Zeuge wir zufällig werden». Und Facebook-Chef Mark Zuckerberg sagte kürzlich: «Die Kamera ist der Composer». Filmen ersetzt das Tippen.

Die Frage jenseits aller technischen Aspekte nach möglichen Speicherkapazitäten ist, was es für die Gesellschaft bedeutet, wenn künftig jeder mit einer solchen videofähigen Sonnenbrille herumläuft und alles mitgefilmt wird. Wer hat die Deutungshoheit über Bilder? Wie verändern sich Face-To-Face-Interaktionen? Agiert man vorsichtiger, weil man weiss, dass der Gegenüber mitfilmt? Gibt es bald kein «off the record» mehr?

Trügerische Unbeschwertheit

In seinem Buch «Delete: Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten» (zur Rezension in der «Frankfurter Allgemeine Zeitung») betont Viktor Mayer-Schönberger, wie wichtig die Fähigkeit zum Vergessen für unsere Gesellschaft und Geschichte ist. Die totale Erinnerung würde uns in psychische Konflikte stürzen und uns handlungsunfähig machen.

Natürlich kann nicht jeder Videoclip schon allein aufgrund der begrenzten Speicherkapazitäten dauerhaft festgehalten werden. Und doch ist da dieses diffuse Gefühl, dass eine Aufnahme noch immer auf einer irgendeiner Serverfarm lagert. Die bunten Brillen vermitteln ein Gefühl von Unbeschwertheit, das es in der Praxis so nicht geben wird.

Konversation

  1. Schon heute zeigen alle Smartphone Kameras auf die gesamte Umgebung, das Selbst und das Gegenüber und niemand wundert sich… Nein. Die Linsen einfach zukleben?

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