Diese Köpfe wollen für frischen Wind im Schauspiel sorgen

Eine Rückkehrerin, zwei begehrte Jungregisseure, eine Schaupielerin, die bleibt, und gleich zwei ehemalige «Tatort»-Kommissare: Sie werden zusammen mit vielen Kolleginnen und Kollegen die neue Basler Theater-Ära unter Andreas Beck prägen. Die TagesWoche stellt ein paar der neuen (und alten) Köpfe vor.

Das neue Ensemble am Theater Basel ab 2015/16

Eine Rückkehrerin, zwei begehrte Jungregisseure, eine Schaupielerin, die bleibt, und gleich zwei ehemalige «Tatort»-Kommissare: Sie werden zusammen mit vielen Kolleginnen und Kollegen die neue Basler Theater-Ära unter Andreas Beck prägen. Die TagesWoche stellt ein paar der neuen (und alten) Köpfe vor.

Der Direktor geht, der Tross, der dem Publikum ansprechende, zum Teil wunderbare Bühnenmomente, aber auch Flops beschert hat, verstreut sich in alle Himmelsrichtungen. Er macht Platz für Leute, mit denen der neue Direktor das Theater in eine neue Ära führen möchte. 

Der Blick in die Ensembleliste des neuen Theaterdirektors Andreas Beck ist vielversprechend: Das Basler Publikum kann sich auf viele interessante Begegnungen freuen, mit neuen Ensemblemitgliedern, die bereits Beachtliches geleistet haben, mit bekannten Köpfen aus dem Fernsehen sowie mit alten Bekannten, die hier auf alt- und nicht ganz so altgediente Kolleginnen und Kollegen treffen werden, die ihre Stellung in Basel halten.

Katja Jung



Katja Jung

Katja Jung

Manchmal schreibt das wahre Leben Geschichten, die bühnenreif sind: Vor knapp zehn Jahren hat die deutsche Schauspielerin Katja Jung zusammen mit ihrem Kollegen und Lebenspartner Thomas Reisinger das Theater Basel und damit die Stadt verlassen. Nach mehreren Jahren in Wien kehren die beiden nun nach Basel zurück. Und sie ziehen, so will es der Zufall, in dieselbe Wohnung ein, in der sie bereits bis vor zehn Jahren gewohnt haben.

Wochenthema: Neuaufbruch am Theater Basel
Was verändert sich am Theater Basel? Was haben wir vom neuen Direktor Andreas Beck und seiner Truppe zu erwarten? Alles zum Intendantenwechsel lesen Sie in unserem Dossier.

Katja Jung, 1968 in Bonn geboren, gehörte zwischen 1996 und 2006 dem Basler Schauspielensemble an. Das ist eine lange Zeit für eine junge Schauspielerin, die zu einer der Stützen des Basler Ensembles der Ära unter Michael Schindhelm wurde und die auch in Basel blieb, als Stefan Bachmann 1998 die Schauspielleitung übernahm.

Jungs Auftritte in unzähligen Rollen sind in vielen Köpfen des Basler Publikums hängen geblieben. Etwa als Helena in Bachmanns fulminanter, ebenso umstrittener wie faszinierender Inszenierung von Shakespeares «Sommernachtstraum». Oder ihr «Ach» als Alkmene in Kleists «Amphitryon», einer der spannendsten Frauenrollen der Theatergeschichte schlechthin, unter der Regie von Barbara Frey.

Katja Jung scheint eine treue Schauspielerin zu sein. 2007 begann sie zusammen mit Andreas Beck im kleinen, aber feinen Ensemble des Schauspielhauses in Wien. 2015 reist sie zusammen mit dem Direktor und fünf weiteren Ensemblemitgliedern aus Wien nach Basel weiter. Hier wird sie zusammen mit ihren aktuellen auf alte Kollegen treffen, die ihre Stellung gehalten haben.

 

Carina Braunschmidt

Carina Braunschmidt

Carina Braunschmidt

Sie ist so etwas wie die Frau für die speziellen Produktionen im Basler Schauspiel. Seit Beginn der Ära Delnon, 2006, gehört sie dazu. Ihren Einstand in Basel erlebte sie in Anna Viebrocks seltsam abgehobenem Projekt «69 Arten den Blues zu spielen»; weitere Projekte mit Christoph Marthalers Leibbühnenbildnerin folgten, bis sie dann 2009 mit Offenbachs Operette «La Grande-Duchesse de Gérolstein» in die richtige Marthaler-Familie aufgenommen wurde.

Natürlich spielte sie auch in Repertoire-Stücken mit. Als Ivy Weston in Tracy Letts’ «Eine Familie»  wurde sie 2011 in der Zeitschrift «Theater heute» als «beste Nachwuchsschauspielerin» nominiert. Die Auszeichnung als «Beste Schauspielerin» erhielt sie dann aber 2014 am ersten Schweizer Theatertreffen für ihre Mitwirkung im Marthaler-Projekt «Das Weisse vom Ei. Une île flottante» nach Eugène Labiche.

Ihre Mitgliedschaft in der Marthaler-Familie war denn auch der Grund, warum sie in der laufenden Saison nicht mehr oft in Basel zu sehen war. Sie tourte mit dem Projekt um die halbe Welt, sodass sie beinahe nebenbei erfuhr, dass Andreas Beck sie gerne im Ensemble behalten will. Allerdings bedeutete dies, dass sie im neuen Marthaler-Projekt «Isoldes Abendrot» (Premiere am 17. Mai) nicht mehr dabei sein wird. Beck will sie in Basel einsetzen können.

Braunschmidt, die 1971 in München auf die Welt kam und in Luzern aufgewachsen ist (und später auch an beiden Orten spielte), ist über Umwege auf der Bühne gelandet. Sie absolvierte zuerst eine Lehre als Dekorateurin und Schreinerin, bevor sie in München die Schauspielschule besuchte. Zusammen mit ihr bleiben Andrea Bettini, Inga Eickemeier, Martin Hug, Vincent Leittersdorf und Cathrin Störmer in Basel.

 

Roland Koch



Roland Koch

Roland Koch

Roland Koch freut sich auf Basel. Das hat er dem «Blick» erzählt. Und offenbar freut sich der 1959 im aargauischen Uezwil geborene Schauspieler so sehr, dass er sich eine Zweitwohnung am Rhein genommen hat, obschon er weiterhin Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater bleiben und in Basel nur als Gast auftreten wird – unter anderem zusammen mit seiner Lebenspartnerin Nicola Kirsch, die fest zum Ensemble stösst.

Dass Koch es in den «Blick» geschafft hat – und dies gleich mehrmals – hat aber nicht mit seinen kommenden Basler Auftritten zu tun, auch nicht damit, dass er seit 1999 im renommierten Burgtheater «daheim» ist. Koch war bis vor Kurzem der Schweizer Ermittler im Konstanzer «Tatort» und damit Protagonist in der erfolgreichsten deutschsprachigen TV-Serie.

Koch, der parallel zu seinem Studium der Psychologie und Ethnologie die Zürcher Schauspielschule besuchte, hat viel mit dem Regisseur Andreas Kriegenburg zusammengearbeitet. 1998 wurden sie zusammen mit Ibsens «Ein Volksfeind» ans Berliner Theatertreffen eingeladen.

In einem Ibsen-Stück wird er auch in Basel auf der Bühne stehen: in «John Gabriel Borkman», einer Koproduktion des Theaters Basel mit dem Burgtheater und den Wiener Festwochen (Regie: Simon Stone). In der Titelrolle des Stücks wird ein weiterer «Tatort»-Kommissar zu erleben sein: sein Wiener Ensemblekollege Martin Wuttke, der ebenfalls vor wenigen Tagen seine Dienstmarke als Leipziger Kommissar abgegeben hat. Daneben wird er auch noch in Tony Kushners Aids-Drama «Engel in Amerika» in Basel auf der Bühne zu erleben sein.

 

Simon Stone



Simon Stone

Simon Stone

Als «Experte der Vergegenwärtigung» bezeichnet das Theater Basel seinen Hausregisseur Simon Stone. Er betreibe eine Archäologie an den klassischen Stoffen der Theatergeschichte, hebe sie aus und befördere sie in die Gegenwart. Stone ist damit so etwas wie eine Galionsfigur für Becks Theaterverständnis, der eben dieses zum Prinzip erklären möchte.

Stone ist aber nicht nur Zeitreisender, er war bis jetzt auch geografisch ganz schön viel und weit unterwegs. Er hat einen australischen Pass, kam aber 1984 in Basel auf die Welt, zog dann nach England, arbeitete zuerst als Schauspieler und später in Australien als Regisseur, bis er schliesslich mit einem Umweg über Holland im deutschsprachigen Raum landete und sich dort sowie in der internationalen Festivalszene einen wohlklingenden Namen machte.

«When Simon Stone speaks, Australian theatre listens», schrieb «The Guardian» über ihn. Und «Die Welt» bezeichnete ihn als «Das Talent, um das sich alle Intendanten reissen». Der Basler Direktor hat offensichtlich erolgreicher gerissen als andere.

Im Moment laufen in Wien die Proben für Ibsens Stück «John Gabriel Borkman», eine Koproduktion des Theater Basel mit den Wiener Festwochen und dem Burgtheater. Für diese Inszenierung (oder besser Bearbeitung: Stone hat den Ibsen natürlich umgeschrieben) konnte sich Stone ein regelrechtes Starensemble zusammenstellen, mit Martin Wuttke in der Titelrolle sowie Birgit Minichmayr als dessen Frau sowie Caroline Peters als Schwester. Mit Roland Koch ist selbst eine der Nebenrollen ausgesprochen prominent besetzt.

 

Thom Luz



Thom Luz

Thom Luz

Die Bühnenwelt von Thom Luz ist irgendwo in der schattenhaften Welt zwischen Wachzustand und Traum angesiedelt, wo Musik sich beinahe zu materialisieren beginnt, während die Menschen auf der Bühne zu Geisterwesen werden. Damit kann der 1982 in Zürich geborene Regisseur und Musiker (My Heart Belongs to Cecilia Winter) als Gegenpol zu den «Experten der Vergegenwärtigung» im Hausregie-Quartett bezeichnet werden.

Wie Luz arbeitet, hat man am Theater Basel und wiederholt auch in der Kaserne Basel bereits erleben können. Da gab es zum Beispiel Goethes «Werther», ohne Werther, dafür rückwärts erzählt – und wunderbar umgesetzt mit viel Bühnennebel und Musik. Zuletzt inszenierte er in Basel Thomas Manns «Zauberberg» als audiovisuelles Traumspiel im Dämmerlicht.

Dass er sich nun in der neuen Spielzeit «in einer musikalischen Sphärenerweiterungswerkstatt» auf die Spuren des LSD-Entdeckers Albert Hofmann machen wird, passt in dieses Muster. Er werde in dieser Produktion aber auf die gewohnten psychedelischen Farbspielereien verzichten, die so oft als Illustration von LSD-Trips zur Anwendung kommen, sagte er anlässlich der Präsentation des Spielplans. «Dafür garantiere ich, dass die Vorstellung pünktlich um acht beginnen wird.»

Ein Muster übrigens, das ihm auch international zunehmend einen hohen Beachtungsgrad einbrachte. 2014 wurde er in der Kritikerumfrage von «Theater heute» zum Nachwuchsregisseur des Jahres erkoren, in diesem Jahr folgte über das Projekt «Atlas der abgelegenen Inseln» am Staatstheater Hannover die Einladung zum Berliner Theatertreffen.

Konversation

  1. Dann bleibt zu hoffen, das Programm hat nicht das Niveau des neuen Corporate Designs. Für ein Theater, das ‹eine Archäologie an den klassischen Stoffen der Theatergeschichte betreiben, diese aushebeln und in die Gegenwart beförderen möchte›, eine unbegreiflich beliebige, langweilige Gestaltungssprache.

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