Bedrohung des Basler Islam-Podiums: Wer hat sie erfunden?

Die Nachricht von konkreten Drohungen gegen eine Islam-Diskussionsrunde in der Basler Elisabethenkirche sorgte für Aufsehen. Doch die Polizei dementiert gegenüber der TagesWoche Behauptungen im ursprünglichen Medienbericht.

Wer hält bei der Geschichte um die aufgebauschte Bedrohung die Fäden in der Hand? (Bild: Nils Fisch)

Die Diskussionsreihe «Basel im Gespräch», die jeweils in der Offenen Kirche Elisabethen stattfindet, bringt am 14. November verschiedene Strömungen des Islams an einen Tisch. Ziel der Veranstaltung «Islam. Zukunft. Schweiz» ist es, gemeinsam über die Religion zu diskutieren, die immer wieder für Schlagzeilen sorgt.

Ein an sich harmloses Vorhaben. Ähnliche Veranstaltungen gingen in Basel jeweils reibungslos und von den Medien kaum beachtet über die Bühne.

Dieser Anlass aber sorgte schon vor seiner Durchführung für Schlagzeilen: Wie die «bz Basel» am Mittwoch berichtete, sei das Podium «wegen Drohungen gefährdet». Auch die TagesWoche hat den bz-Bericht aufgenommen.

Falsche Behauptungen

Im bz-Artikel stechen zwei Stellen als besonders alarmierend hervor:

«Im Vorfeld der Veranstaltung hat die Basler Polizei glaubhafte Drohungen gegen die Diskussionsrunde und ihre Teilnehmenden erhalten.»

Und weiter:

«Die Kantonspolizei Basel-Stadt ist mit der Bitte an die Organisatoren herangetreten, die Veranstaltung abzusagen. Von den unterschiedlichen Gruppierungen werde massiv mobilisiert. Es sei zu befürchten, dass Anhänger diverser Podiumsteilnehmer bewaffnet an die Podiumsveranstaltung kommen würden.»

Die TagesWoche hat in der Sache recherchiert. Beim Basler Präsidialdepartement – Mitveranstalter zusammen mit der Offenen Kirche Elisabethen, der Reformierten Kirche Basel-Stadt sowie der «bz Basel» – klingt die Sache anders. Man habe «keine Kenntnis über eine konkrete Bedrohung», sagt Andreas Räss, Leiter der Integrationsstelle Basel-Stadt, zur TagesWoche.

Von einem weiteren Insider ist zu erfahren, es handle sich um die übliche «eher unbestimmte Bedrohungslage, die bei ähnlichen Anlässen diskutiert wird». Keine Spur von konkreter Gefahr – wenn schon, dann von Vorbereitung und Vorsicht.

«Die Kantonspolizei hat die Veranstalter nicht gebeten, die Veranstaltung abzusagen.»

Polizeisprecher Martin R. Schütz

Die Basler Kantonspolizei sagt offiziell aus polizeitaktischen Gründen jeweils nichts über einzelne Lagebeurteilungen. Wenn aber stimmt, was jener Insider erzählt, warum hat die Polizei denn den Veranstaltern geraten, das Podium abzusagen?
Antwort: Sie hat das gar nicht getan.

Normales Vorgehen

Martin R. Schütz, Sprecher des Justiz- und Sicherheitsdepartements des Kantons Basel-Stadt, lässt die TagesWoche wissen: «Die Kantonspolizei hat die Veranstalter nicht gebeten, die Veranstaltung abzusagen.» Hingegen, das lässt sich aus dem Antwortschreiben des Polizeisprechers herauslesen, handelt es sich um ganz normales Vorgehen bei Events dieser Art.

Niemand stellt in Abrede, dass die Veranstaltung besondere Sicherheitsvorkehrungen und entsprechende Szenario-Diskussionen nötig macht. So steht die 54-jährige Deutsch-Türkin Seyran Ates, die am Podium teilnehmen wird, unter Personenschutz der deutschen Bundespolizei.

«Die Kantonspolizei Basel-Stadt steht analog zu vielen weiteren Veranstaltungen in der Vergangenheit auch im vorliegenden Fall in engem Kontakt mit den Organisatoren und informiert diese über die Pflichten und Möglichkeiten in Sachen Sicherheitskonzept», so Martin R. Schütz. Man sei dabei den Organisatoren «beratend zur Seite gestanden, damit geeignete Vorkehrungen für eine sichere Durchführung des Anlasses getroffen werden können.»

Verschiedene Szenarien seien skizziert worden – auch «eine Absage des Anlasses wurde als eine von vielen Möglichkeiten diskutiert». Aber man habe zu keinem Zeitpunkt um eine Absage gebeten. Diese Entscheidung liege ganz allein bei den Veranstaltern.

Voraussehbare Wirkung

Die Zeilen in der Zeitung haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Ein Blick auf einschlägige Facebook-Seiten genügt. Am Freitag hat die «Basler Zeitung» nachgelegt und bei Samuel Althof nachgefragt. Der Extremismus-Experte ist jedoch laut übereinstimmenden Aussagen aus Kreisen der Veranstalter, Basler Muslimen und Insidern im Basler Präsidialdepartement über die Sachlage im konkreten Fall nicht im Bilde.

«Sind das Einschätzungen der Behörden oder sind es Einschätzungen der Journalisten?»

Serhad Karatekin, Sprecher der Basler Muslim Kommission

In der BaZ sagt Althof: Die Organisatoren seien «verantwortungslos, wenn sie die unterschiedlichen Lager zusammenbringen», weil die Teilnehmer «die dafür notwendige gewaltfreie Streitkultur nicht verinnerlicht haben».

Unschöne Töne – gerade weil es den Veranstaltern gelungen ist, alle verschiedenen Lager zur Teilnahme in der Kirche zu bewegen. Darunter auch die Basler Muslim Kommission, die sich ohne Probleme dazu bereit erklärt hatte, mit Kritikern und Reformern gemeinsam zu diskutieren.

Nach all den Berichten über das Podium äussert Serhad Karatekin, Sprecher der Basler Muslim Kommission, gegenüber der TagesWoche diesen Verdacht:

«Da fragt man sich schon: Sind das Einschätzungen der Behörden oder sind es Einschätzungen der Journalisten? Wir vermuten eher, dass es sich um Einschätzungen von den Leuten handelt, die diesen Bericht geschrieben haben.»

Dass Seyran Ates unter Polizeischutz stehe, sei bekannt, sagt Karatekin. Er wisse aber nichts von Drohungen oder von «massiv mobilisierenden Gruppierungen» – und die Polizei habe die Basler Muslim Kommission, die am Podium vertreten sein wird, auch nicht kontaktiert. Das hätten nur die Veranstalter getan. Sie hätten die Teilnehmer auf die Sicherheitsmassnahmen hingewiesen und gefragt, «ob uns das etwas ausmacht». Karatekin: «Das macht uns selbstverständlich nichts aus, im Gegenteil.»

Jetzt bloss nichts sagen

Auf die Frage, warum die Lage in der «bz Basel» dramatisiert wurde – und warum man geschrieben hat, die Polizei habe um Abbruch gebeten, was diese bestreitet, sagt «bz Basel»-Chefredaktor David Sieber, er könne das leider nicht beantworten. Sprecher sei Frank Lorenz von der Offenen Kirche.

Lorenz schreibt auf Anfrage, er weise die Vorwürfe zurück, die in der BaZ zu lesen waren. Er betont, man habe sich von der Polizei «gut und kompetent beraten» gefühlt und fügt an:

«Als Journalist, Moderator von ‹Basel im Gespräch› und als Citoyen finde ich, dass eine Absage ein Einknicken vor (Gewalt)Androhung wäre, ein Zurückweichen der Meinungs-(äusserungs)Freiheit und ein Verlust an zivilisatorischem Umgang mit strittigen Themen.»

Die Kantonspolizei hätte das ganze Team als «ernsthafte und besonnene Gesprächspartnerin erlebt, die auch den Abend mit den geeigneten Mitteln begleiten kann und wird.»

«Wichtig ist rückblickend einzig, dass wir die Entscheidung fällten, die Veranstaltung stattfinden zu lassen.»

Frank Lorenz, Sprecher der Offenen Kirche Elisabethen

Das dürfte kaum jemand bezweifeln. Nur hat Lorenz damit Antworten auf Fragen gegeben, die ihm die TagesWoche nie gestellt hat. Auf erneute Rückfrage, warum denn behauptet wird, die Polizei habe auf Abbruch gedrängt, und wo denn diese Behauptung ihren Ursprung habe, anwortet Lorenz:

«Wichtig ist rückblickend einzig, dass wir, also Redaktion, Auftraggebende und Geschäftsführender Ausschuss der Offenen Kirche Elisabethen unter Berücksichtigung der Stellungnahmen der Teilnehmenden und aller Szenarios und Bedenken, die Entscheidung fällten, die Veranstaltung stattfinden zu lassen.»

Erklärung eins, die hinter vorgehaltener Hand für die aufgebauschte Bedrohungslage kursiert: Es sei nur um den PR-Effekt gegangen – auf Kosten des eigentlichen Inhalts der Veranstaltung. Erklärung zwei: Alles basiere auf einem bedauerlichen Missverständnis. Einer Person, die bei der Offenen Kirche arbeitet, seien die Bedrohungsszenarien etwas heftig eingefahren. Sie habe sie anschliessend in gesteigerter Form schriftlich weiterverbreitet, und so sei die Geschichte ins Rollen gebracht worden.

Aber das sei rückblickend nicht wichtig, sagen die Verantwortlichen. Es brauche sich niemand darum kümmern, welche der zwei verbliebenen Erklärungen zutrifft, warum die Bedrohungslage unnötig aufgebauscht wurde. Oder ob nicht in beiden ein Körnchen Wahrheit steckt.

Konversation

  1. Ob diese Version so stimmt? , Mit diesem Artikel nur Schlagzeilen und Effekte zu erhaschen ist ja auch eine der vielen Möglichkeiten. Yen Duong wäre bei etlichen Zeitungen sicher sehr gefragt.

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  2. Aspekt 1

    Die Hitparade der Medien, die den anderen Marktpartnern regelmässig Zensuren erteilen, wird mit Abstand von der Tageswoche angeführt.

    Auf Rang 2 folgt jener weltbeste Basler Journalist aller Zeiten, dessen Opfer die Tawo kürzlich auch wurde.

    Aspekt 2

    Ich nehme an, dass Duong/Brönnimann alles genau so wiedergegeben haben, was ihre Recherche ergeben hat, und darum finde ich sie – ohne die Fakten durch eigene Prüfung zu kennen – zunächst mal gut. Und auch wichtig.

    Es ist in der Tat ärgerlich, ungesund und nicht akzeptabel, wenn ein gesellschaftliches Spannungsfeld zusätzlich mit Fake-News aufgeladen wird.

    Aber dass die Tawo es für richtig hält, auszulassen, dass die Imamin Ates seit der Eröffnung ihrer liberalen Moschee in Berlin allein bis Juli 2017 über 100 Morddrohungen erhielt, tut der Glaubwürdigkeit nicht gut.

    Eher muss man deshalb fragen, ob die Tawo, wenn es tatsächlich Drohungen in Basel gegeben hätte, überhaupt darüber geschrieben hätte.

    Wenn nicht, so wäre dies eben auch fragwürdig.

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    1. Ich finde den Artikel sehr interessant, und ich danke der TagesWoche für die Recherche. Die Lage sieht schon sehr anders aus, als sie sich in den bisherigen Artikeln dargestellt hat.

      Der Artikel fokussiert sich auf die konkrete Veranstaltung. Dass Seyran Ates bedroht wird, steht im Artikel gleich zweimal- „unter Personenschutz der deutschen Bundespolizei“, „unter Polizeischutz“ – jedes Mal, wo ihr Name genannt wird.

      Ihr Vorwurf geht also vollständig ins Leere.

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    2. Nee, von einem Medium, das sich mit Hintergrund anschreibt und ein anderes der Unterschlagung von wesentlichen Informationen bezichtigt, darf ich mehr erwarten.

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  3. Es wäre auch rückblickend sogar sehr wichtig. Denn jede einzelne Schlagzeile dieser Art trägt dazu bei, ein bestimmtes Klima weiter zu schüren. Und zwar auch dann, wenn sie sich hinterher als Ente erweist.

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