Durlips: Futterrübe und Herbstspuk

Einst diente die Runkelrübe im Winterhalbjahr als Tierfutter. Und manchmal geisterte sie auch als Laterne durch Herbstabende. Heute haben Kürbisse sie abgelöst.

(Bild: Archäologie und Museum Baselland/Theodor Strübin)

Ein Durlips ist eine unansehnliche Futterrübe. Während Zuckerrüben eher wohlgeformt sind, haben Durlipse – oder Runkelrüben, wie man sie standarddeutsch auch nennt – etwas Verwachsenes, Schrumpeliges, manchmal fast schon Schrumpfkopfmässiges an sich. So war es denn auch nicht gerade ein Kompliment, wenn man früher jemanden einen Durlips nannte – ein Schimpfwort, das man heute nicht mehr hört.

Es ist lange her, dass ich das letzte Mal einen Durlips in der Hand hatte. Ich wüsste auch nicht, wo ich mir heute einen beschaffen könnte. Vor 50, 60 Jahren wäre es kein Problem gewesen, in unserer Region eine solche Futterrübe zu bekommen. 

Die Rübe und das liebe Vieh

Damals pflanzten die Bauern nämlich Durlipse an, um sie im Herbst und Winter an das Vieh verfüttern zu können. Als später dann Silofutter und andere Tiernahrung aufkamen, verloren die Durlipse ihre Funktion und wurden nicht mehr angebaut.

Ich bin zwar nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen. Aber da wir Kaninchen hatten, gab es auf dem «Pflanzplätz» hinter unserem Haus auch ein langes Beet mit Runkelrüben.

Im Herbst wurden die Durlipse mit dem Spaten oder dem Karst ausgemacht. Wir Buben halfen mit, schnitten die Blätter ab und reinigten die Rüben von der Erde, die an den Wurzeln haften geblieben war.

Hatten wir das Beet abgeräumt, folgte für uns auf die Arbeit das Vergnügen. Wir suchten uns einen Durlips aus, der etwas hergab, und schnitten dort, wo die Blätter angewachsen gewesen waren, eine dicke Scheibe ab. Aus dieser wurde der Laternendeckel. 

Dann höhlten wir die Rübe aus. Nun mussten noch Mund, Augen und Nase geschnitzt werden. Das ist bei einem Durlips leichter gesagt als getan; nicht jeder Schnitt gelang der Bubenhand wie geplant. Schlimm war das nicht: Ein solches Rübengesicht musste ja auch keinen Schönheitswettbewerb gewinnen, sondern sollte mit seiner Fratze die Leute erschrecken!

Wenn der Durlipsgeist uns mit glühenden Augen ansah, waren wir mächtig stolz auf unser Werk.

Abends beim Eindunkeln zündeten wir in der ausgehöhlten Runkelrübe eine Kerze an und stellten sie auf ein Mäuerchen oder zu einem Strauch. Damit erschreckten wir zwar kaum jemanden. Aber wenn die Kerzen gespenstisch flackerten und der Durlipsgeist uns mit glühenden Augen ansah, waren wir mächtig stolz auf unser Werk.

Ich wüsste nicht, wer heute noch Durlipslaternen schnitzt. Ganz dunkel bleibt es deswegen an Herbstabenden trotzdem nicht. In den letzten Jahren befinden sich im Gefolge von Halloween Kürbislaternen auf dem Vormarsch. Mal sehen, vielleicht versuche auch ich mich gelegentlich an einer solchen. Kürbisse sind ja inzwischen bei uns überall leicht zu bekommen. Auch das war früher anders.

Konversation

  1. Wenn ich im Herbst bei meiner Grossmutter in den Ferien war gingen wir reihum bei den Verwandeten bei der Ernte helfen.
    Wir wohnten im Aargau. Dort heissen oder hiessen die Durlipse Runggle.

    Als meine Kinder klein waren wohnten wir in Ettingen. Dort gab es den Rabeliechtliumzug. Sie werden aus den Herbstraben, die violett weiss sind, gemacht.

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    1. Meine Grossmutter wohnte in Gontenschwil im Aargau.
      Helfen taten wir im Bohler eine Stunde vom Dorf weg oder im Nachbardorf in Reinach auch im Aargau.

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    2. @eldorado
      kenn’s auch als «runggle» und performed als «räbeliechtli»* – leimental, dorneck &schwarzbuebe … im kinzgi durfte ich sälber ä runggle schnitzen, die schnipsel mampfen bis zum einzig echten bauchgrimmen 😉
      später als papi haben sie mich im kinzgi nochmals dazu «verknurrt», seufz, als relativ ausgewachsenes modell auf so einem minischämeli am zwärgetischli – urkomisch … beim umzug wurde ich dann zum zaungast degradiert (war viel luschtiger …).
      *das mit den raben hab ich erst von Ihnen erfahren: merci.

      und unterdessen macht das kleinste 3kuhdorf ein megakürbisfescht … tempi passati rasanti (den zwerghasen ist’s wurscht – die fressen kraut & rüben & kürbisse)

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    3. Danke @Chröttli.
      Das mit den Raben ist ein Vertipper. Die eignen sich natürlich nicht als Räbeliechtli, sondern ziehen ihre Kreise in den Lüften.

      Und das mit dem Halloween und den Kürbis ist natürlich nichts anderes als eine materielle Wert(ab)schöpfung nach Ami-Art.

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    4. @eldorado
      auch wenn ich mir im kinzgi eher wie rübezahl vorkam – und ansonsten eher als weltbürger: i finz schonoschad – es geht viel an ganz kleinräumigem brauchtum flöten … und mit diesen «hallo, ween?!» hab ich einfach mühe: naja, sollen sie doch, «die jungä» – und ich schneid dazu halt meine fratzen 😉

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    5. ja eben meine liebe.
      von geografie keine ahnung, aber dumm schreiben.
      der kanton aargau ist sehr vielfälltig und regional.
      zwischen drin gibt es das benkerjoch und staffelegg
      eben das Fricktal und da sind die Durlipse zu hause.
      ein kleines wirtschaftswunder ohne runggle oder wie
      diese rüben sonst noch heissen.

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  2. kommt der herr Stohler ins Fricktal
    statt im Büro zu sitzen, kann er den
    Durlips sehr wohl hören…..ausgestorben
    ist der da noch lange nicht.

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