Ein Augenwischer-Chef und eine lasche Gewerkschaft: Was hinter der Cabb-Pannenserie steckt

Ein Standortleiter, der Probleme kleinredete, und eine Gewerkschaft, die sich nicht kümmerte. Wie es zur Pannenserie bei der Cabb kommen konnte.

Fast jeder zweite Störfall in der Cabb-Gruppe fand in Pratteln statt.

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Ein Standortleiter, der Probleme kleinredete, und eine Gewerkschaft, die sich nicht kümmerte. Wie es zur Pannenserie bei der Cabb kommen konnte.

«Cabb braucht in Pratteln einen Neustart», sagte Konzernchef Peter Vanacker am Mittwoch vor den Medien. Sein Versprechen ging einher mit einer Entschuldigung für die vielen Unfälle und Pannen, die sich der Chemieproduzent in den letzten Monaten geleistet hat.

Doch wer neu starten will, muss zuerst aufräumen, auslüften, sauber machen. Ein Aufbruch in eine bessere Zukunft gelingt nur ohne Altlasten. Deshalb scheute die Cabb-Führungsriege keine Mühen, um sich anlässlich der Einweihungsfeier für die neue Elektrolyseanlage in bestem Licht zu präsentieren.

Dafür wies die Cabb ihre Arbeiter an, sich am Tag der Feier ausschliesslich in ihren Werkstätten und Arbeitsräumen aufzuhalten, ausser Sichtweite der geladenen Gäste. Ebenfalls unsichtbar bleiben sollten die zahlreichen Behälter mit Chemikalien, die ansonsten im Freien gelagert werden. Auf Geheiss der Führungsriege wurden sie aus dem Blickfeld geschafft. Cabb-Sprecher Ulrich Gartner bestätigt diese Informationen der TagesWoche. «Es ist doch bestimmt nachvollziehbar, dass sich ein Unternehmen Mühe gibt, einen besonders guten Eindruck zu hinterlassen wenn Gäste das Firmengelände besuchen.»

CABB, v.l.n.r.: Ulrich Gartner, Uwe Herfet, Peter Vanacker, Dr. Thomas Eizenhöfer, Christine Sutter

Weshalb aber ist die Unia innerhalb der Cabb derart schlecht vertreten? Einen Hinweis darauf gibt eine Aussage die der damalige Unia-Sprecher Patrick Dubach gegenüber der TagesWoche gemacht hat. «Die Cabb steht nicht zuoberst auf unserer Prioritätenliste.» Begründet hatte Dubach dies mit internen Abwesenheiten. Leuzinger mag diese Aussage nicht kommentieren. Hält jedoch fest: «Wir sind natürlich in allen Betrieben vor Ort, wenn dies von unseren Mitgliedern erwünscht wird.»

Auch der Informant der TagesWoche bestätigt, dass die Unia innerhalb der Cabb kaum Relevanz habe. Das war nicht immer so, als vor drei Jahren 100 Cabb-Arbeitsplätze bedroht waren, gab sich die Unia noch kämpferisch. Doch Outsourcing von Logistik und technischem Dienst sowie Personalabgänge haben weiter zum tiefen Organisierungsgrad beigetragen.

Die Frage nach dem Beitrag der Gewerkschaften zur Sicherheitskultur bei der Cabb in Pratteln war an der Medienkonferenz der einzige Moment, in dem der perfekt durchorchestrierte Auftritt der Cabb-Chefs Risse zeigte. Der neue Standortleiter Thomas Eizenhöfer reagierte ungehalten: «Wenn wir die Sicherheit im Unternehmen nicht ohne Gewerkschaft garantieren könnten, wäre das ein echtes Armutszeugnis.»

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Stellungnahme Robert Dahinden:

«Die Notwendigkeit, die ARA zu sanieren, war unter den beteiligten Firmen völlig unstrittig, und ich habe mich als ihr Verwaltungsratspräsident dafür eingesetzt. Kompliziert wurde die Diskussion vor allem durch parallele Überlegungen, die ARA komplett zu verlagern. Die Sanierung einer Anlage, die kurz darauf ohnehin verlegt würde, hätte aus naheliegenden Gründen wenig Sinn gemacht. Da waren sich die Unternehmen ebenfalls einig. Man hat sich schliesslich für die Sanierung entschieden, und die für 20 Millionen Franken errichtete Abluftanlage nimmt kommendes Jahr den Betrieb auf. Ein ‹Machtwort› von wem auch immer war für die schliesslich getroffene Entscheidung zugunsten der Sanierung vor Ort gar nicht nötig.»
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Artikelgeschichte

26.11.2016, 10 Uhr: Der Artikel wurde um eine nachträgliche Stellungnahme von Robert Dahinden ergänzt.

Konversation

  1. Was im Bericht leider nicht erwähnt wird: 80% sind in der Capp Grenzgänger, davon ca. 80% Elsässer. Und die haben im Werk das sagen, die wenigen Schweizer wollen kein Ärger. Und Elsässer organisieren sich bekanntlich selten in den Gewerkschaften, auch in der Grosschemie in Basel. Das hat nichts mit Ausländerhetze zu tun, sondern mit reiner Tatsache. Eine Firmaleitung hat da leichtes Spiel. So sieht das aus.

    Übrigens, nachträgliche Dementis zu diesen belegbaren Aussagen sind als reiner Selbstschutz der Firma und der Gewerkschaft zu werten.

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  2. Ob es Herrn Eizenhöfer nun passt oder nicht: Arbeitssicherheit ist als Teil der Arbeitsbedingungen ein Kernstück gewerkschaftlicher Arbeit. In Zeiten, in denen Arbeitssicherheit als Kostenfaktor gilt, muss sie daher – auch in der Schweiz – immer wieder mit gewerkschaftlichen oder notfalls gerichtlichen Schritten durchgesetzt werden. Das setzt aber einen gewissen gewerkschaftlichen Organisationsgrad voraus. Die Unia wird diesbezüglich ihre Hausaufgaben bei Cabb in nächster Zeit zweifellos erledigen. Bleibt zu hoffen, dass die Herren Eizenhöfer, Herfet und Vanacker die Bedeutung gewerkschaftlicher Betriebsarbeit auch noch zu respektieren lernen. Im Moment scheint das noch nicht der Fall zu sein.

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  3. Weder die verbesserte Kommunikation, noch der erhöhte gewerkschaftliche Organisationsgrad wird die Sicherheit im Cabb-Werk in Pratteln wesentlich verbessern. Es stellt sich daher die Frage nach einer verschärfteren staatlichen Aufsicht.

    Offensichtlich war diese staatliche Kontrolle bis anhin lasch. Wer ist von staatlicher Seite her zuständig und verantwortlich? Wie funktioniert eine solche Kontrolle? Welches Amt führt die entsprechenden Untersuchungen durch und über welche Sanktionsmöglichkeiten verfügt die besagte Stelle? Kann über einen pannenanfälligen Chemiebetrieb auch ein Betriebsstopp verhängt werden? In diesem Bereich wissen wir viel zu wenig. Das wäre dann Faktor 3……

    Man wird den Verdacht nicht los, dass das Management glaubt mit ein paar billigen PR-Massnahmen und zwei Bauernopfern die Krise abschliessend bewältig zu haben.
    Von Seiten des Kantons Baselland agiert man nach dem Prinzip „Hoffnung“, oder haben wir eine offizielle Stellungnahme verpasst?

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