Ein grüner Strich soll das Rotlicht-Milieu in die Schranken weisen

Das Justiz- und Sicherheitsdepartement will dem Chaos auf dem Kleinbasler Strassenstrich Herr werden, mit einer farbigen Markierung. Doch damit sind längst nicht alle Probleme im Milieu gelöst.

Dame und Laternenpfahl: «Das Piktogramm soll in erster Linie deutlich sein und nicht politisch korrekt», sagt Baschi Dürr.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Das Justiz- und Sicherheitsdepartement will dem Chaos auf dem Kleinbasler Strassenstrich Herr werden, mit einer farbigen Markierung. Doch damit sind längst nicht alle Probleme im Milieu gelöst.

Im Kleinbasel, im Geviert Webergasse, Ochsengasse und Teichgässlein, dürfen Prostituierte auf der Strasse stehen und Kunden ansprechen. Diese Toleranzzone besteht seit Langem unverändert und gibt dennoch immer wieder zu reden. Anwohner stören sich am Lärm und am Dreck, den die Frauen und Freier verursachen. Gewerbler und Restaurantbetreiber stören sich an Frauen, die ausserhalb der Toleranzzone stehen.

Nun liess das Justiz- und Sicherheitsdepartement (JSD) die Kleinbasler Toleranzzone farbig markieren. Eine leuchtend grüne Linie und ein eigens entworfenes Piktogramm sollen den Frauen zeigen, wo sie stehen dürfen und wo nicht. 



Dame und Laternenpfahl: «Das Piktogramm soll in erster Linie deutlich sein und nicht politisch korrekt», sagt Baschi Dürr.

Dame und Laternenpfahl: «Das Piktogramm soll in erster Linie deutlich sein und nicht politisch korrekt», sagt Baschi Dürr. (Bild: Hans-Jörg Walter)

JSD-Vorsteher Baschi Dürr räumt ein, dass diese Markierung keine Lösung für die Probleme auf dem Strassenstrich darstelle. «Doch es ist eine kleine, konkrete Massnahme, von der wir uns eine Verbesserung der Situation versprechen.» Entstanden sei diese Idee im Austausch mit den Anwohnern. Am «Runden Tisch Prostitution» versammelt das JSD sämtliche privaten und staatlichen Akteure, die im Bereich Prostitution tätig sind. Die Idee dahinter: Ein regelmässiger, institutionalisierter Austausch zum überaus komplexen Thema Sexarbeit.

Denn die Probleme im Milieu sind zahlreich und nur ein kleiner Teil der Prostituierten, geschätzte fünf Prozent, arbeiten auf der Strasse. Die Ursache für die vielen Probleme im Rotlichtmilieu sieht das Justiz- und Sicherheitsdepartement (JSD) in der hohen Fluktuation bei den Sexarbeiterinnen. «Die meisten Frauen, die in Basel anschaffen, halten sich nur wenige Tage am Stück hier auf, danach ziehen sie weiter», sagt Peter Kötter, der für die entsprechende Abteilung bei der Kantonspolizei zuständig ist. Wegen dieser schnellen und häufigen Wechsel seien die hiesigen Regeln unter den Frauen kaum bekannt beziehungsweise nur schwer vermittelbar.

Freier sind Teil des Problems

Zusätzlich erschwere die hohe Fluktuation die Arbeit der Milieufahndung, sagt Kötter. Die Beamten dieser Spezialformation kontrollieren regelmässig die einschlägigen Bars und Etablissements. Im letzten Jahr wurden 364 Salons kontrolliert und über 890 Personen überprüft. «Im Gegensatz zu früher wechseln auch die Salonbetreiber immer häufiger», sagt Kötter, dadurch träfen die Polizisten bei ihren Kontrollen stets aufs neue unbekannte Gesichter. «Das macht es enorm schwierig, Vertrauen zu den Frauen aufzubauen.»

Viky Eberhard, Leiterin der Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen Aliena, warnt davor, die Probleme im Milieu allein den Frauen zuzuschreiben. «Dieses Geschäft besteht aus zwei Seiten, auch die Freier sind für das Chaos in der Toleranzzone und für die prekären Arbeitsbedingungen verantwortlich.» Eberhard machen vor allem der Preiszerfall und die hohen Zimmermieten Sorgen. «Die Sexarbeiterinnen können ihre Freier nicht mehr aussuchen, wenn sie bis zu 150 Franken pro Tag für ihr Zimmer bezahlen müssen.»

Profitieren würden im Milieu vor allem die Vermieter, während die Frauen finanziell kaum auf einen grünen Zweig kommen. «Junge Ungarinnen kommen hierher und träumen vom schnellen Geld», sagt Eberhard. Diese Frauen würden rasch von der Realität eingeholt und unter einem hohen Druck stehen. «Viele greifen dann zu Alkohol oder Medikamenten und sind gesundheitlich bald angeschlagen.» 

Konversation

  1. Irgendwie beängstigend: Da weist ein feministisches Kollektiv mit einer Kleberaktion endlich mal wieder auf die Objektivierung und Sexualisierung des menschlichen, v.a. des weiblichen, Körpers in der Werbung hin und fast im gleichen Atemzug markiert die Stadt den Boden mit Piktogrammen, die meines Erachtens höchst fragwürdig, weil sexistisch sind. Hat sich da tatsächlich jemensch (wohl eher jemann) hingesetzt und ein Piktogramm entwickelt, das möglichst pauschalisierend die Arbeit und das Aussehen von Prostituierten darstellen soll?
    Und warum werden eigentlich die Freier nicht dargestellt? Und würden sie aussehen? Und wer soll die Striche nicht überschreiten? Wer ist denn genau das „Problem“?

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  2. Gentrifizierung? Nein. Was ich mittlerweile aggressiv von den Frauen dort in der Gegend angegangen werde, wenn ich dort durchgehe zur Kaserne oder zum spätnächtlichen Imbiss ins Klingeli, ist unglaublich und gab es so einfach nicht bis anhin!

    Es hat ein Mass erreicht, das neue Ideen fordert, ohne die Damen zu vertreiben, weil bis vor Kurzem war es ja kein Problem.
    Und ich find dies eine pragmatische Lösung.

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  3. ein weiterer schritt der gentrifizierung und des protestantischen sauberkeitswahns.
    ob aliena auch am runden tisch war, oder nur die „nachbarn“ – jene abstrakte spezies, die jegliche andersartigkeit schon immer mit unverhältnismässigem gewicht verbannt hat?
    die sexarbeitenden frauen wurden bestimmt nicht konsultiert – das in einem quartier, welches ständig „partizipation“ auf seine fahnen schmiert

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  4. 150 Franken für ein Zimmer pro Tag.
    Gibt es da wirklich keine gesetzliche Handhabe dies zu unterbinden?

    Dies ist Wucher pur!!!

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