Ein Haufen Stuhl

Knackeboul will nicht behaupten, das Pech klebe ihm an den Sohlen. Es ist viel schlimmer.

(Bild: Keystone, Montage: Nils Fisch)

Knackeboul will nicht behaupten, das Pech klebe ihm an den Sohlen. Es ist viel schlimmer.

Da sitzt du seit Jahren auf demselben unbequemen Bürostuhl, der eigentlich einfach so ein Holzstuhl vom Esstisch ist. Dann denkst du: Jetzt reichts! Kauf dir einen anständigen Bürostuhl, das ist Teil deiner Arbeitswelt, den kannst du dir leisten.

Ok, aber dann lass ich mich nicht lumpen, denkst du und fährst ins Zürcher Seefeld, so richtig Schickimicki, weisch. Du bist doch da mal an einem Geschäft vorbeigegangen, das Schaufenster voll mit feuchten Bürostuhl-Träumen. Im Augenwinkel hast du einen Aktionsstuhl gesehen, der zwar immer noch mehr kostet als all deine Essstühle zusammen, aber es ist Aktion!

Also rein ins Geschäft, mit Mütze und Turnschuhen und so. Der Verkäufer und die Sekretärin eher gekleidet wie Private Banker aus dem oberen Segment. Dein Wachheitsgrad unterste Schublade. Nicht der typische Kunde.

Schickimicki, aber dreckiger Teppich

Egal. Der Verkäufer ist nett. Er ist sich einfach nicht sicher, ob du wirklich ein potenzieller Kunde bist oder nur nach dem Weg zur Notschlafstelle fragen willst. Doch doch, sagst du. Du gibst dir Mühe. Der Verkäufer gibt sich auch Mühe. Es herrscht allgemeine «Pain in the ass»-Stimmung, aber noch glaubst du daran, dass du einen tollen Bürostuhl kaufen wirst.

Du lässt dir alle Stühle zeigen. Setzt dich drauf, lässt dir vom Verkäufer sämtliche 77 hydraulischen Hebeli erklären, bist fasziniert – auch vom Laden. Wirklich chic. Und alles Teppich. Aber: Was ist das?! Der Teppich ist ja ganz dreckig! Pff, denkst du. Schickimicki, aber dreckiger Teppich.

Da meldet sich die Sekretärin von hinten: «Siiiie, händ si öppis ade Schue?» Du denkst: Ja sicher. Öppis ade Schue, scho guet. Du bist mit dem Auto ins Seefeld gefahren. Wie solltest du da etwas an die Schuhe bekommen haben. Trotzdem. Sicher ist sicher, denkst du. Du schaust dir auf einem Tausend-Franken-Stuhl sitzend deine rechte Schuhsohle an, auch der Verkäufer blickt interessiert.

Der grösste Hundehaufen der Welt! Dreidimensional. Ins Auge stechend. Riesig. Dampfend.

Und was siehst du?!! Den grössten Hundehaufen der Welt! Nicht etwa flachgedrückt, nein. Dreidimensional. Ins Auge stechend. Riesig. Dampfend. Mit dem Gestank von tausend verwesenden Höllenhunden.

Totenstille. Bang schaust du dich im Geschäft um. Du hoffst kurz, dass bei der immensen Menge an Hundekacke, die an deinem Schuh klebt, bestimmt kaum was für den Teppich des Edel-Stuhl-Geschäfts übrig geblieben ist. Du irrst dich gewaltig.

Überall kleine Brandherde. Du hast dir jeden einzelnen Stuhl zeigen lassen. Du bist dreimal durch das ganze Geschäft gelaufen. Man kann deiner Route jetzt folgen. Alle zwei Meter ein Ableger. Ich will sterben, denkst du dir. Vor den Augen des Verkäufers überlegst du dir, anhand multifunktionalen Stuhldrehens deinen eigenen Tod durch Schwindel herbeizuführen. Aber es hilft nichts.

Nur raus hier

Unter Schock lässt du dich von der Sekretärin in die Küche führen und bürstest deine verkackten Sneakers im Schüttstein der Küche, in der sich sonst die Leute des schmucken Stuhlladens ihre Finefood-Mittagsmenüs zubereiten. Dass dir dabei von der Bürste einzelne Kackstückli ins Gesicht spicken, ist schon fast egal.

Nur raus hier, denkst du. Du kaufst in aller Eile den billigsten Stuhl, den sie im Geschäft haben. Bietest der inzwischen am Boden knienden Sekretärin noch deine Hilfe an, siehst aber ihren leeren Blick auf den immer grösser werdenden braunen Fleck auf dem Teppich gerichtet, kniest dich, kaum aus der Tür raus, mit einem Knie auf deinen neuen Bürostuhl und trottinettelst fluchtartig aus dem Seefeld.

Dein Freund, der Hundehaufen

Ein Jahr später. In der Zwischenzeit hattest du genug von feuchten Socken und kalten Zehen im Winter. Darum hast du dir einen richtig guten Winterschuh gegönnt. Wasserdicht, mit Wärmesohlen und einem Profil so tief, wie der Preis dafür hoch ist. Das soll dir jetzt hier in Berlin zum Verhängnis werden.

Du machst Filmaufnahmen für Arte. Ihr besucht einen bekannten englischen Wirtschaftsjournalisten. Du lernst, dass es in Agglo-Berlin also auch «Gated communities» gibt. Todschick im mehrfachen Sinne. Draussen geparkt, musst du mit deinem Team erst ein riesiges Tor passieren, um ins eigentliche Wohnquartier zu gelangen. Das Interview ist witzig-deprimierend und irgendwann vorbei. Du begibst dich als Erster Richtung Ausgang und bemerkst plötzlich eine bissige Todes-Note in der Luft.

Im Eingangsbereich, wo du anstandshalber deine neuen Schuhe ausgezogen hattest, wird der Gestank intensiver mit einer Tendenz ins Unerträgliche. Eine böse Vorahnung beschleicht dich. Und tatsächlich: An deinem neuen Schuh klebt dein alter Freund, der Hundehaufen. Schnell nach draussen. Schnell weg. Der Wirtschaftsexperte scheints nicht mitgekriegt zu haben.

Alle hassen dich. Du dich auch.

Du scharrst verzweifelt im Gras herum, hüpfst in Pfützen, versuchst den stinkenden Haufen im Kies loszuwerden. Es hilft nichts – das Profil ist zu tief. Es folgt eine Autofahrt des Grauens. Alle hassen dich. Du dich auch. Der Gestank ist bestialisch. Auch das vermehrte Aufsuchen öffentlicher Toiletten, das Penetrieren der Schuhsohlen mit Klobürsten, das Herauspulen von Gagiresten mit einem Zahnstocher und unter Brechreiz-Anfällen können den Hundehaufen nicht entfernen.

Auch die nächste Autofahrt ist die Hölle. Kurz vor einem Interview mit einer bekannten französischen Chanson-Sängerin hast du einen Verdacht und siehst nach. Tatsächlich: Dein Kampf mit dem Kot hatte sich bis dahin auf den rechten Schuh beschränkt, dabei ist der linke auch betroffen – und wie. Du weinst ein wenig.

Der Produzent bietet dir an, kurz bei ihm vorbeizugehen, wo er dir ein Paar Schuhe leiht. Er ist einsneunzig gross. Du drehst das Interview mit der Chanson-Sängerin. Dazu trägst du Clowns-Schuhe Grösse 45. Abends fliegst du zurück. Wieder in deinen eigenen Schuhen. Die Stewardess meidet dich. Du planst eine Hundehalter-Hass-Kolumne. Entscheidest dich dann aber für Selbsterniedrigung. Das stinkt etwas weniger.

Konversation

  1. Sowas hat auch ein paar unschlagbare Vorteile:
    – Man hat NUR NOCH echte Freunde.
    – Man kann seine Schuhe überall stehen lassen, man wird sie IMMER wieder finden.
    – Man muss seine Zeit nicht mehr bei Champagner-Smalltalks sinnlos vergeuden.
    – Im kleinen Bauerndorf weiss JEDER wer man ist!
    – Man kann sich bei GEO für die übelsten Amazonas-Urwald-Foto-Reportagen anwerben lassen – und bekommt den Job 120-prozentig.
    – …und plötzlich hat man Platz um sich herum!
    – „Shitstorm“ hat plötzlich eine ganz andere Bedeutung.
    – Man ist bald der beste Kunde im lokalen Zoo.
    – Wo andere sich lebenslang Mühe geben, um ihren Bekanntheitsgrad zu steigern, man hat ihn mit links und sofort!

    … und wenn man die Schuhe als olfaktorische Kunstwerke verkauft, kann man sich davon jede Menge profillose Treterchens kaufen.

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