Ein letztes Date mit Knackeboul

Das letzte Date: In seinem Abschiedsbrief zieht Knackeboul ein letztes Mal vom Leder und erklärt, wie Schmetterlinge die Welt retten könnten.

Auch das gibt es: Ein Abschied mit Schmetterlingen im Bauch.

Liebe TagesWoche

Das war es dann wohl. Das ist mein letzter Text für dich. Ich werde dich vermissen. Du hast mir immer sehr gefallen mit deinem wachen Geist, deiner kritischen Art und deinem schlichten und gerade deshalb schönen Layout.

Du warst geduldig mit mir, hast meine immer gleichen Geschichten ertragen, hast mich sogar bestärkt und bist in der Öffentlichkeit immer zu mir gestanden. Öfters musstest du in Person von Produzent Reto Aschwanden «ein» Bier mit mir trinken gehen und mich daran erinnern, dass man auch mal etwas anderes als Populismus und Verschwörungstheorien thematisieren könnte. Gerade wenn die Leserschaft des Blattes selbst diese Themen kennt, hinterfragt und wohl grösstenteils mit mir einig ist.

Nächtelang bin ich dann jeweils mit gekrümmtem Rücken vor meinem Computer gekauert und habe versucht, für die TaWo-Kolumne die oberflächliche Lustigkeit meiner «Watson»-Videos mit der grüblerischen Art meiner «Gesellschaftsanalysen» zu kombinieren. Aus meinem Korsett der Besorgnis auszubrechen und etwas Satirisches zu machen oder etwas ironische Popkultur.

Manchmal ist mir das gelungen und die Texte wurden dann auch freudiger gelesen und geteilt. Mein Text zu «Joiz», mein Nachruf auf Polo oder mein Kinder-Rant sind Beispiele, wo es dieser Reto geschafft hat, den witzelnden Knack und den nachdenklichen einander näherzubringen. Schleifen musste er immer: Manchmal erhielt er ein ungehobeltes Stück Holz geliefert, manchmal einen fast fertigen Stuhl(gang – lol).  Sein Lektorat hat den Text immer bereichert.

Das Leiden vor dem weissen Blatt

Man muss sich den Entstehungsprozess meiner Texte so vorstellen: Ich gehe seit Tagen mit einem Thema schwanger, das mich nicht loslässt. Ich schreibe den Text im Kopf und nehme mir vor, ihn zeitnah zu Papier zu bringen. Der Abgabetermin naht, ich habe mir alles zurechtgelegt – aber den Text nicht niedergeschrieben. Dafür nehme ich mir am Tag vor der Deadline endlich Zeit.

Dann sitz ich da am Tisch und bin leer. Finde die Idee nun doch blöd, finde die vorgefertigten Sätze im Kopf unverständlich, habe einen fiktiven Reto in mir, der mir sagt, das sei schon wieder das gleiche Thema. Ihm zur Seite sitzt ein fiktiver Kommentator, der das alles völlig undurchdacht und selbstreferenziell findet. Ich schreibe ein paar Zeilen, verwerfe sie wieder, checke Instagram, Facebook, Twitter, bleibe hängen, muss aufs Klo, muss was essen, brauche Kaffee, muss einkaufen, Altglas wegbringen, die Wohnung aufräumen.

Ich verdränge zig andere Projekte, an denen ich weiterarbeiten sollte, und auch, dass jetzt schon Abend ist und die Kolumne fertig sein müsste. Ich verschiebe ins Wohnzimmer, aufs Sofa. Gekrümmter Rücken, tränende Augen. Und plötzlich: Rätsch! In fiebriger Ekstase haue ich die fünftausend Zeichen in Rekordzeit in die Tasten. Dann liege ich kurz da wie eine Kuh nach dem Kalben. Checke Instagram, Twitter, Youtube, lese das Geschriebene, finde es mässig. Ich gehe zu Bett – es ist zwei Uhr morgens.

Tags darauf wache ich auf, finde den Text gar nicht mal so übel, will ihn erst noch überarbeiten, schicke ihn aber in einem Anflug der Überzeugung ab. Manchmal werden Texte, die ich super finde von Redaktion und Leserschaft skeptisch aufgenommen, dann wieder solche, die ich anzweifle, erstaunlich wohlwollend.

Papageifische gegen Medienkraken

So ist das. Oder war das. Denn nun heisst es Abschied nehmen, liebe TagesWoche. Dein Ende kam abrupt. Und es ist mir ein Rätsel. Natürlich leiden alle darunter, dass der Print eingeht und grosse Medienhäuser, die nach Prinzip Gewinnmaximierung funktionieren, alles einnehmen. Aber du warst gut. Gut gelesen, relevant, kritisch. Online stark. Dass unsere Gesellschaft sich solchen Journalismus scheinbar nicht mehr leisten kann oder will, sagt einiges über ihren Zustand aus.

Natürlich: Das Internet hat den Print gekillt und Paywalls und Werbungen sind Abturner. Aber ich bin mir sicher, dass das, was uns die Digitalisierung in den letzten Jahren genommen hat, bald zehnfach zurückkommt. Du musst jetzt vielleicht gehen, liebe TaWo, aber der Journalismus ist nicht tot. Er ist vielleicht in einer Krise. Vielleicht hat er sich auch einfach verpuppt und wird bald als multimedialer Schmetterling die Flügel in die Gesichter der populistischen Verleger und der Verwaltungsräte schmettern, die Journalismus bloss als Geschäft sehen.

Und so glaube und hoffe ich auch, dass deine Kinder alle ein neues Zuhause finden. Ich hoffe, dass die suchenden Journalisten nicht nur in die Arme der grossen Medienhäuser laufen, sondern viele kleine pulsierende mediale Orte des kritischen Denkens, der guten Inhalte, der Recherche und ja, auch des Humors finden und viele bunte Papageifische den Medienkraken die Tentakel verknüppeln.

Denn das ist wichtig. Populisten kaufen sich Blätter und drängen mit Rassismus, Verschwörungstheorien und antisemitischen Narrativen immer mehr in die Mitte der Gesellschaft … Ups, jetzt fange ich schon wieder damit an, sorry. Ich will unser letztes Date nicht mit meinem Gelaber kaputtmachen.

TagesWoche, ich werde dich vermissen. Danke für alles. Ich und Tausende Leser haben ein gebrochenes Herz und wir freuen uns auf alle potenziellen Formen deiner Reinkarnation. Machs gut, Adieu.

PS: Ich habe den Text nun nach zwei, drei Katzenvideos nochmals gelesen und stelle fest: Der mittlere Teil ist zu selbstreferenziell, die Briefform zu wenig eingehalten und wen interessiert schon, wie ich meine Kolumnen schreibe. Ausserdem ist das die allerletzte, die müsste doch eine Bombe sein. Ist sie das? Aiaiai. Ich schick sie mal nach Basel, die werden dort schon schauen.

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