Emojis haben ein Sexismusproblem

Google hat Emojis angekündigt, die Frauen in richtigen Berufen zeigen. Das erstaunt nicht, es wurde höchste Zeit. Ein Erklärungsversuch.

Eher einseitig: Frauenwelt à la Emoji.

(Bild: Hansjörg Walter)

Google hat Emojis angekündigt, die Frauen in richtigen Berufen zeigen. Das erstaunt nicht, es wurde höchste Zeit. Ein Erklärungsversuch.

Kürzlich hat eine Freundin von mir promoviert. In Nanowissenschaften, Schwerpunkt Makromolekulare Kristallografie. Ich schrieb ihr sofort eine Nachricht, wie man es halt so macht, vom Bürotisch aus, bevor wir uns später sehen würden: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH, DU STREBERIN! Dann suchte ich nach dem passenden Emoji. Ein Herz musste rein, ganz klar, was mit Küssen auch. Und der obligate Partyhut. Gefolgt von einer Spezifizierung, um die Nachricht persönlicher zu machen. Also Wissenschaft, also:

?  ? ? ?

Ich überlegte. Teleskop war etwas gar am Thema vorbei, Schraubenschlüssel auch. Die Glühbirne suggeriert – wie wir «Lustiges Taschenbuch»-sozialisierte Endzwanziger wissen – Düsentrieb’schen Erfindergeist, was auch etwas gar hoch gehängt war, schliesslich hatte meine Freundin nichts erfunden. Hoffte ich zumindest. Somit blieb noch das Mikroskop. Ok, vertretbar.

Dann kam das Meitschi dran – eine Frau musste in die SMS, als schwesterliche Geste, als «Mädchen, du bist zwar eine Streberin, aber du rockst und ich finde dich eine fantastische Frau». Ich checkte die Möglichkeiten ab:

? ? ?  ? 

Moment mal. Ich scrollte weiter. Nebst diesen spezifischen Frauenbildern gabs noch eine generisch-arische Frau, die wahlweise die Hände über dem Kopf zusammenschlug ? , ein X bildete ?, die Hand affektiert nebens Gesicht hielt ? oder einen Arm in die Höhe streckte ? .

Die Emoji-Frau, so viel wurde klar, hat genau vier «Berufe» zur Auswahl: Braut, Flamenco-Tänzerin, Varieté-Häsli und Prinzessin. Zum Vergleich: Der Mann hat Detektiv, Polizist, Buckingham-Palace-Wache, Weihnachtsmann, Surfer, Golfer, Baumeister und noch ein paar mehr.

Da hat man sich was überlegt – diese männlichen Figürli passen nämlich perfekt ins Emoji-Universum: Der Mann kann das blonde Meitschi heiraten und während des Honeymoons surfen gehen, während sie verwöhnt wird, wie eine Prinzessin. Oder sie ist wirklich eine Prinzessin und er kann sie bewachen. Oder er ist Polizist oder Detektiv und kann sie bei ein paar Afterwork-Drinks in einschlägigen Etablissements abschleppen. Er kann ihr ein Haus bauen, sie bevormunden oder ihr Geschenke bringen. Und wenn sie ihn nervt, kann er ihr eins mit dem Golfschläger überziehen. 

Flamencotanzende Powerfrau

Die Frau hat derweil neben vier Rollen gerade mal vier Möglichkeiten, sich dazu zu äussern: «Ich Dummchen!» (Hände über dem Kopf zusammenschlagen), «Du kommst mir nicht zu nahe!» (X), «Oh mein Gott, totaaaal toll wie du deinen Golfschläger hältst» (affektierte Hand) und «Entschuldigung, darf ich was dazu sagen?» (hochgestreckter Arm). Macht genau 16 Kombinationsmöglichkeiten, von denen 15 dumm, devot oder hysterisch sind. Einzige akzeptable Variante: Flamenco und hochgestreckter Arm. Die Flamenco-Frau suggeriert in ihrem roten Kleid – zwar etwas plakativ, aber hey, es sind Emojis – Leidenschaft und Stärke, der Arm könnte in diesem Kontext als High-Five verstanden werden.

Ich entschied mich für die Flamenco/High-Five-Variante, meine Freundin verstand und freute sich und später sassen wir zusammen und machten uns über den lächerlichen Sexismus lustig, der im Emoji-Land regierte. 

Ein bitterer Nachgeschmack blieb jedoch: Konnte es wirklich sein, dass Frauen heute Doktorinnen, Ingenieurinnen, Mechanikerinnen oder Samichläusinnen werden können, auf ihren Handys aber im 19. Jahrhundert steckengeblieben sind? Emojis sind genauso soziale Konstrukte wie Sprache oder Schrift, Zeichensysteme, die unsere Welt abbilden sollen.

In einer britischen Studie gaben 72 Prozent der 18- bis 25-Jährigen an, sie könnten ihre Gefühle treffender in Emojis als in Wörtern ausdrücken. Einige Linguisten sehen in Emojis eine neue Lingua franca, die über Länder und Kulturen hinweg funktioniert und das geschriebene Wort ersetzen kann. Was bedeuten würde, dass kulturenübergreifende Kommunikation bisher antiquierte Geschlechterbilder transportiert hat.

Neutral gelb oder rassistisch divers?

Das ist eine ziemlich beunruhigende Überlegung, die von den Unicode-Verantwortlichen selbstverständlich vehement dementiert wurde. Doch der Blick auf die Displays log nicht: Das Thema Gleichberechtigung steckte beim Unicode-Konsortium, der gemeinnützigen Organisation, die den Zeichensysteme-Standard herausgibt und weiterentwickelt, offensichtlich noch in den Prinzessinnenschlärpli. 

Das änderte sich vor ein paar Monaten, als man einen ersten Schritt Richtung Realität wagte. Nicht in Geschlechterfragen, dafür in Sachen Hautfarbe: Emojis gibt es mittlerweile in fünf verschiedenen Hautfarben. Die sollen den Usern mehr Möglichkeiten geben. Aber auch da regt sich Unmut: Diese «rassifizierten» Emojis würden das Rassismus-Problem nur noch verstärken, meinte eine Journalistin der «Washington Post». Denn nicht nur können jetzt Menschen verschiedener Hautfarben entsprechende Emojis wählen – es ermöglicht ihnen auch, sich gezielt rassistisch zu äussern:

 
Anders als bei den «neutralen gelben» Emojis, so die Kritik, gebe es nun eine problematische Diversifikation, die das Rassismusproblem nur noch verstärken würde. Auch bei den geschlechterspezifischen Emojis ist nicht sicher, ob sich das Sexismusproblem mit mehr Auswahl aus der Emoji-Welt schaffen lässt. 

Reagieren kann man aber immer, und deshalb kündigten Apple und Google unlängst neue Emojis an, die Frauen in richtigen Berufen (sorry Kate) zeigen:

Ab diesem Herbst dürfen die Bewohnerinnen von Emoji-Land also auch alleinerziehend sein und richtige Berufe ausüben. Schön. Aber hätte es nicht von Anfang an so sein sollen? Klar muss sich eine Sprache immer erst entwickeln, sie hinkt der Kultur, die sie beschreiben muss, immer ein bisschen hinterher. Aber basieren Emojis nicht schon auf einem Sprachsystem? Sind sie nicht die Bildversion unserer bereits existierenden Sprache? Und sollten sich die Entwickler folglich nicht der Implikationen bewusst sein, die sie hervorrufen?

Emojis wurden nicht mit dem Ziel entwickelt, eine universelle Bildsprache zu schaffen. Als der japanische Designer Shigetaka Kurita Ende der Neunzigerjahre vereinfachende Symbole für die japanische Mobiltelefon-Industrie kreierte, hatte er keine Ahnung, dass diese Art von Kommunikation über Japan hinaus an Beliebtheit gewinnen würde. Also kreierte er – ob bewusst oder unbewusst – eine «japanische», ethnozentrische Bildsprache, die auf japanischer Kultur basierte. 

Grund? Weisse, männliche Amerikaner

Nach Kuritas ersten Entwürfen entwickelten sich die Emojis in verschiedenen Varianten weiter, bis sie 2010 in Unicode aufgenommen und für eine weltweit einheitliche Kodierung freigegeben wurden. Ab da hatten die Amerikaner das Sagen – im Unicode Konsortium sitzen vorwiegend amerikanische Firmen wie Google, Apple, Adobe oder IBM. Vorsitzender des Konsortiums ist der amerikanische Software-Spezialist Mark Davis von Google.

Und hier ist vielleicht die Erklärung für Emojis einseitiges Weltbild zu finden: Davis und die Mehrzahl der Unicode-Mitglieder sind männlich und weiss. Man erschafft sich sein Weltbild nach dem, was man kennt, Vorbild ist das Umfeld, in dem man sich bewegt. Obwohl es schwer nachzuvollziehen ist (echt jetzt Männer: Bräute und Prinzessinnen?), ist also die vorwiegend männlich weisse Besetzung der Emoji-Fabrik wohl die Erklärung für ihr Sexismusproblem.

Gebt Emojis eine Chance

Sprache entwickelt sich immer weiter. Wörter tauchen auf und verschwinden, Zeichensysteme ebenso. Im digitalen Zeitalter können diese Prozesse irrsinnig schnell über die Bühne gehen – Hieroglyphen beispielsweise hatten Jahrhunderte um sich zu entwickeln. Emoji existieren seit gerade mal einer knappen Dekade. Entsprechend nachsichtig sollte mit ihrer Biografie umgegangen werden – und ihr Fortschritt als Zeichen gedeutet werden, dass man eben doch aus Fehlern lernt.

Klar ist es nicht in Ordnung, wenn eine Sprache eine Welt suggeriert, in der kleine weisse Männer selig lächelnd ihre wichtigen Beiträge an die Gesellschaft leisten, während die Frauen daneben stehen und ein bisschen Bein zeigen. Aber es ist erfreulich, wenn dieses Weltbild zur Diskussion anregt, Kritik provoziert und letztlich angepasst wird. Und ich endlich zu meinem Nanowissenschaftlerin-Emoji komme.

 

TL;DR:

? ? ? ?  ➡ ? ? ?  ?  ❌  ?  ?  ?  

Konversation

  1. Wie soll ich das verstehen, dass Emojis ein Sexismusproblem haben? Wissen Emojis überhaupt, was Sexismus ist? Haben Emojis überhaupt Probleme?

    Was mich viel mehr interessiert, Frau Gregoris, ist eine Referenz zur eingangs erwähnten Promotionsarbeit in Nanowissenschaften, Schwerpunkt Makromolekulare Kristallographie (alte Schreibweise bevorzugt…). Schicken Sie mir eine Quellenangabe zur Dissertation Ihrer Freundin?

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  2. Typisch weibliche Art und Weise vermeintliche ‚Benachteiligung‘ zu bemängeln. Dabei macht sie das Gleiche, was sie kritisiert. Kommen etwa männliche Emojis als Pfleger, fürsorgliche Väter, Model oder ähnlichen Rollen vor? Nein, selbstverständlich nicht. Der werten Dame kommt es aber natürlich nicht in den Sinn diesen Aspekt als mögliche emojitechnische Benachteiligung oder gendertypische Benachteiligung zu betrachtens. Benachteiligt und limitiert sind schliesslich nur Frauen in unserer Gesellschaft. Etwas anderes kommt doch gar nicht in Frage. Glaubwürdig sind die gebetsmühlehaft wiedergekaute Benachteilungsklagen für mich erst, wenn sie sich eben um eine 360 Grad Sicht bemühen und nicht ausschliesslich nur um die des eigenen Genders. Mit anderen Worten: hört doch endlich auf mit dieser einseitigen Sicht und bemüht euch um wirkliche Beseitigung von Stereotypen und Benachteiligungen – und zwar für BEIDE, Männer und Frauen. Erst dann ist es glaubwürdig, da hilft auch der aufgesetzte Versuch es in betont locker-luftigem Stil zu schreiben.

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  3. Selten so einen hervorragenden Artikel gelesen! Zugleich witzig, intelligent und wichtig! Es ist immer wieder spannend zu sehen, wo sich überall überholte Geschlechterklischees verbergen.

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  4. Da Gott ein geistiges Wesen ist, hat er auch keinen Körper und ist somit geschlechtsneutral.

    Er wird Ihnen darauf keine Antwort geben (können).

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  5. Wie kann man den Geschlechterunterschied politisch korrekt geschlechtsneutral abbilden?

    Eine interessante Frage: Wir sollten sie Gott stellen.

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