Fondue aus einer anderen Welt

Zum Frühlingsbeginn haben auch wir es noch geschafft: ein Abend im magischsten Fondueschuppen Basels.

Where the Magic happens: Hinter dieser blauen Tür versteckt sich Basels schönster Fondueschuppen.

Zum Frühlingsbeginn haben auch wir es noch geschafft: ein Abend im magischsten Fondueschuppen Basels.

«Wie, du warst noch nie bei den Vagabunden?» Gefühlte fünfzigmal hörte man diesen Satz im soeben verflogenen Winter. Egal, ob an frischen Samstagsbrunchs im «Matthäus» oder trunken verschleppten Nächten im «Renée» – ganz Basel redete über diesen zauberhaften Ort im Hafen. Dort, so hiess es, hätten sich ein paar Romands niedergelassen, um in einer Miyazaki-esken Holzkonstruktion Basels Gaumenschwelger zu betören. Bis Ende April seien sie noch da, wird gemunkelt – wer noch einen Blick in diese andere Welt werfen will, muss sich also bald schon sputen.

Ein Vergleich mit dem japanischen Animé-Meister Miyazaki kommt nicht von ungefähr: Der Gauklerturm erinnert an «das wandelnde Schloss» im gleichnamigen Film – ein magisches Gebäude, mehr gebastelt als entworfen, das ächzend durch weite Felder wandert und von Zeit zu Zeit halt macht und den Glücklichen, die es finden, Einlass gewährt:

Im wandelnden Schloss gibt es einen kleinen Schalter, der bei Betätigung die Welt draussen verändert, und genau so, hoffen wir im Vorfeld, würde es sich auch mit dem Turm am Hafen verhalten. Ein Besuch – und die Welt verändert sich für immer.

Zu finden ist das Konstrukt, schlicht «Tour Vagabonde» genannt, schon mal um einiges einfacher als Miyazakis Schloss: Richtung Wagenplatz, am Patschifig vorbei, schräg hinter den Pavillon, man kann es kaum verpassen. Eine kornblaue Tür leuchtet verheissungsvoll auf den Kiesplatz hinaus. Anklopfen nicht nötig, hopp und rein.

Was einen hinter der Tür erwartet, ist schwer in Worte zu fassen. Stellt euch Miyazakis Schloss meets Globe Theatre London meets Sherlock Holmes‘ geschätzteste Opiumhöhle vor. Oder Amélie Poulains liebsten Hangout, wenn sie einen hätte und in Basel wohnen und Fondue mögen und real existieren würde.



Sagten wir schönster Fondueschuppen? Schönster Schuppen überhaupt!

Sagten wir schönster Fondueschuppen? Schönster Schuppen überhaupt!

Der Turm hat drei Stockwerke, die um einen kleinen Patio in der Mitte angelegt sind. Von der Decke hängen etliche Glühbirnen, in den Bögen blaue Engel, hinter der Bar ein Zebrafell. Klingt einzeln alles etwas absonderlich, funktioniert zusammen aber so bizarr-zauberhaft, wie die Fondue-Amélie zum Opium-Sherlock passt.

Wir setzen uns ins oberste Geschoss, wo vor, nach und während des Essens geraucht werden darf – für manche eine längst vergessene Freude, die es auszukosten gilt. So sitzen wir also am kleinen Tischchen mit türkisfarbenem Plastiktischtuch, auf dem jeder Teller Foodpornisten einen kleinen Instagram-Höhepunkt bescheren würde. Lasterhaft gediegen verleiben wir uns abwechselnd Vorspeise-Häppchen (die Vagabunden servieren angenehm unambitionierte Mostbröckli und Essiggurken) und Nikotin ein, während um uns herum Pärchen schmachten, alte Männer Weisswein kippen und eine Basler Museumsleiterin einen Stock tiefer kichernd im Käsetopf rührt. 



Fondue und Zigaretten am selben Tisch. Win win.

Fondue und Zigaretten am selben Tisch.

Das Ganze fühlt sich an wie in einem Südstaaten-Variété oder einem edel-verruchten Etablissement im Paris der 1920er-Jahre. Auf jeden Fall ganz bestimmt nicht wie eine Beiz in Basel. 

Das Fondue köchelt, der Cidre fliesst

Ganz unbaslerisch sind auch die Preise, besonders für Getränke: 3,50 Franken kostet ein Glas Weisswein, vier Franken der Cidre. Dieser ist richtig gut, herb und ausgewogen, und auch der Weisswein im Brockiglas schmeckt ausgezeichnet. 



Keine Angst, es ist besser als es aussieht.

Keine Angst, es schmeckt besser als es aussieht – und man darf es erst noch selber anrühren.

Das Fondue kommt sofort nach den Häppchen fixfertig in der Plastikverpackung an den Tisch, was die lasterhafte Gediegenheit etwas schmälert. Aber was solls, nach dem dritten Cidre ist sie eh hin. Zufrieden rühren wir das Fondue an, Zigarette im Mundwinkel und Johnny-Cash-Klänge von der Zwei-Kopf-Band auf der Bühne im Erdgeschoss im Ohr. Die Museumsleiterin lacht noch einmal laut auf, wir lachen heimlich mit, das Leben ist schön und gäbe es mehr solche Orte in Basel, wir wären bessere Menschen, keine Frage. 

Nach drei Stunden Schmaus und Braus dürfen wir uns eingestehen: Er hat gewirkt, der Miyazaki-Zauber. Die Welt hat sich verändert. Man schwebt aus der kornblauen Tür – verliebt in den Ort, die Begleitung, die schmalzigen Musiker, das Fertigfondue, die herzige Bedienung und überhaupt das ganze Leben. Und klänge das nicht so grausam pathetisch, man würde auch jetzt knapp eine Woche nach dem Besuch noch hinter diesen Worten stehen. Höchste Zeit für eine Rückkehr.

Im Video-Porträt: Chef-Vagabund Jean-Luc Giller erklärt das Konzept von Kunst und Fondue.

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«Tour Vagabonde», Klybeck, Uferstrasse 40, Basel. Noch bis Ende April 2016. Wechselnde Veranstaltungen, zum Kalender gehts hier lang.


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