Integration von Muslimen macht Fortschritte

Muslime sind gemäss einer Studie in Westeuropa immer besser integriert. Trotz meist kurzer Schulbildung haben sie Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Fast alle Muslime fühlen sich mit der Schweiz verbunden, müssen aber nach wie vor mit Vorbehalten kämpfen.

83 Prozent der Muslime in der Schweiz sind erwerbstätig. Unter Nicht-Muslimen sind es nur 82 Prozent. (Bild: SDA)

Zu diesen Schlüssen kommt eine am Donnerstag publizierte Studie der deutschen Bertelsmann-Stiftung. Verglichen wurde die Situation von Muslimen, die vor 2010 in die Schweiz, nach Deutschland, Österreich, Frankreich oder Grossbritannien kamen. Die Studie bewertete dabei Sprachkompetenz, Bildung, Arbeit und soziale Kontakte.

Im Vergleich schneidet die Schweiz bei der Integration von Muslimen auf dem Arbeitsmarkt gut ab. Bei deren Beteiligung gibt es laut der Studie keine wesentlichen Unterschiede mehr zur übrigen Bevölkerung. Der Anteil erwerbstätiger Muslime ist mit 83 Prozent sogar etwas höher als unter Nichtmuslimen (82 Prozent); Muslime arbeiten zudem häufiger Vollzeit (55 Prozent) als Nichtmuslime (48 Prozent).

Die Integration in den Arbeitsmarkt schlug sich aber noch nicht auf die Löhne nieder: Nach wie vor sind in allen untersuchten Ländern relativ grosse Einkommensunterschiede zwischen Muslimen und Nichtmuslimen festzustellen.

Besonders fromme Muslime werden demnach auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt: Bei gleichen Bildungsvoraussetzungen verdienen praktizierende Muslime im Vergleich weniger und üben auch seltener einen Beruf aus. Die Studie sieht hier einen Indikator für Diskriminierung, zudem könne eine strikte Befolgung religiöser Pflichten eine Erwerbsbeteiligung erschweren.

Nachteile des Schweizer Bildungssystems 

Schlechte Noten erhält die Schweiz bei den Schulabschlüssen: Knapp drei Viertel der im Land geborenen Muslime (74 Prozent) verlassen bereits vor dem 17. Geburtstag die Schule, gefolgt mit einigem Abstand von Österreich (39 Prozent). Beim Spitzenreiter Frankreich beträgt der Anteil gerade einmal 11 Prozent.

Die Studie kommt zum Schluss, dass auch im Schulbereich die muslimischen Folgegenerationen den Bildungsrückstand ihrer Eltern und Grosseltern aufholen. Dies brauche jedoch Zeit – insbesondere in Ländern wie der Schweiz, in denen das früh sortierende Bildungssystem tendenziell dazu führe, dass Nachteile fortbestehen.

«Der internationale Vergleich zeigt, dass nicht Religionszugehörigkeit über die Erfolgschancen von Integration entscheidet, sondern staatliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen», sagt Stephan Vopel, Experte für gesellschaftlichen Zusammenhalt der Bertelsmann Stiftung.
Die Befragung ergab weiter, dass 57 Prozent der in der Schweiz geborenen Kinder muslimischer Einwanderer mit einer Landessprache als erster Sprache aufwachsen. Dies ist der tiefste Wert unter den untersuchten Ländern.

Spitzenwerte weisen Frankreich (93 Prozent) und Grossbritannien (80 Prozent) auf, weil die Migranten Französisch respektive Englisch bereits vor der Auswanderung oder Flucht aus den ehemaligen Kolonien erlernt hatten. Die Studie beschreibt einen Trend in allen Ländern, wonach sich die Sprachkompetenzen mit jeder Generation verbessern.

Dies drückt sich auch darin aus, dass in der Freizeit viele interreligiöse Kontakte bestehen. In der Schweiz ist der Anteil der Muslime, die oft Freizeitbeziehungen zu Nichtmuslimen haben, sogar am grössten (87 Prozent).

Vorbehalte

Die Identifikation mit dem Aufnahmeland ist denn auch stark ausgeprägt: So fühlen sich fast alle Muslime mit der Schweiz verbunden (98 Prozent) – Platz eins unter den fünf Ländern.

Dennoch haben Muslime nach wie vor mit Vorbehalten zu kämpfen. Knapp jeder sechste nichtmuslimische Bewohner in der Schweiz (17 Prozent) gibt an, keine Muslime als Nachbarn haben zu wollen. In Österreich ist die Ablehnungsrate mit 28 Prozent mit Abstand am grössten.

«Wenn sich Gesellschaften verändern, wird das immer auch als spannungsreich empfunden», erklärt Vopel. Die Studie kommt zum Schluss: Obwohl sich Sprachkompetenz, Bildungsniveau und Erwerbsbeteiligung zwischen Muslimen aus Einwandererfamilien und Einheimischen angleichen, gehe dies nicht automatisch mit gesellschaftlicher Akzeptanz einher.

Konversation

  1. Die Schweiz hat lange Zeit auch eine gezielte Unterschicht-Migration gefördert, weil Hilfskräfte für Baustellen, Landwirtschaft, Küche und Reinigung gesucht wurden. Auch das früher noch geltende Saisonnierstatut verfolgte diese Ziele, liessen sich auf dem einheimischen Arbeitsmarkt doch keine ArbeiterInnen für diese schweren und teilweise auch belastenden Arbeiten finden.
    Als primärer Aufenthaltzszweck galt dann auch „Arbeit“, eine Sprachförderung gab es nur arbeitsplatzspezifisch (manchmal eben auch in Form der berühmten Dreiwort-Sätze), nicht jedoch allgemein. Auch heute leben so viele Mitbürger mit entsprechend fremdklingenden Namen, deren deutsche Sprachkompetenz auch nach vielen jahren noch ziemlich eingeschränkt ist, was sicher auch mit den eingeschränkten Sozialkontakten zu Einheimischen zu tun hat.
    Wenn man mit Deutschland vergleicht, wo damals entsprechende Arbeiter für den Bergbau und die Autoindustrie gesucht wurden, hat man doch den Eindruck, dass die Migranten selber, als auch ihre Kinder besser etablieren konnten. Grössere Geschäfte, Egenheime, ja sogar Politiker zeugen davon, dass man dort als Migrant eventuell „besser angekommen“ ist. Ein entsprechendes Restaurant wirkt dort weniger exotisch als hier.
    Hier in der Gegend Basel trifft man vor allem Aleviten, die in ihren religiösen Gebräuchen deutlich freier sind als zum Beispiel Sunniten, die in ihrr Religionsausübung deutlich mehr reglementitiert sind.

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