Frauen wehren sich im Netz

Die Gleichheit der Geschlechter wird von den Rändern her erstritten und nicht in politischen Institutionen. Feministische Forderungen erhalten heute vor allem über Internetplattformen Aufmerksamkeit.

Kampf gegen Diskriminierung im Alltag: Online-Portale wie feministing.com, das täglich Artikel zu sexueller Gewalt und Rape-Culture veröffentlicht oder auch zu Feminismus und Popkultur, haben mittlerweile eine beträchtliche Leserschaft.

Die Gleichheit der Geschlechter wird von den Rändern her erstritten und nicht in politischen Institutionen. Feministische Forderungen erhalten heute vor allem über Internetplattformen Aufmerksamkeit.

Aus Anlass des #schweizeraufschrei schalten wir diesen Artikel vom Frühling 2015 noch einmal auf.



 

Als die ersten Frauenrechtlerinnen im 19. Jahrhundert das Stimm- und Wahlrecht einforderten, waren politisch emanzipierte Frauen noch Aussenseiterinnen. Sie wandten sich gegen gesellschaftliche Konventionen, Autoritäten und Regeln, blieben lange ausserhalb der mächtigen Institutionen und mussten viel Kritik einstecken.

Heute würde kaum jemand bestreiten, dass dieser Kampf der Feministinnen für das Stimm- und Wahlrecht, für den Schwangerschaftsabbruch, für ökonomische Unabhängigkeit oder das Recht auf Erwerbsarbeit der Frau absolut richtig und wichtig war. Selbstverständlich haben die feministischen Errungenschaften ebenso dazu geführt, dass vorherrschende Rollenbilder ins Wanken gekommen sind.

Feminismus ist kollektive Organisation, die meist ausserhalb von Institutionen beginnt oder stattfindet. Dies wird in der historischen Perspektive erkennbar, ist aber auch heute nicht viel anders. Es ist daher nicht verwunderlich, dass in den letzten Jahren vor allem das Internet zur Plattform des feministischen Aktivismus wurde. Die Vernetzung ist global und erlaubt vielen Menschen die Partizipation, die sonst keinen Zugang zum Austausch hätten.

Im Netz zeigen, was sonst nicht sichtbar ist

Vor allem aber spiegelt das Netz die Gesellschaft und macht Phänomene wie etwa Sexismus sichtbar, indem sie in einer neuen Form von Öffentlichkeit mit mehr Beteiligten diskutiert werden – im Einzelfall und im Alltag ist Sexismus nur schwer zu benennen und zu bekämpfen.

Ein Beispiel: Wer sexuelle Diskriminierung oder Belästigung durch Vorgesetzte am Arbeitsplatz erfährt und öffentlich macht, wird in den wenigsten Fällen als Antwort erhalten: «Vielen Dank für den Hinweis. Ja, meine Äusserung war sexistisch, ich werde das ändern. Tut mir leid.»

Deshalb können feministische Projekte wie der Blog everydaysexism.com oder der von der deutschen Feministin Anne Wizorek initiierte Twitter-Hashtag #aufschrei eine politische Kraft entwickeln, indem sie Tausende von alltagssexistischen Erfahrungen sichtbar machen und eine Diskussion darüber lancieren, was in welchem Kontext sexistisch ist und was nicht. Also neu diskutieren, was sagbar ist und was nicht.

Feministischer Aktivismus will diese Grenzen verschieben und neu aushandeln. Das ist anstrengend und stösst auf Widerstand. Der Satz «Ja, darf man das denn etwa nicht mehr sagen» ist nicht umsonst der wohl meistgehörte einer jeden Feministin.

Schwung aus dem angelsächsischen Raum

Neuen Schwung erhalten hat die feministische Debatte durch Aktivist_innen aus dem angelsächsischen Raum: Online-Portale wie feministing.com, das täglich Artikel zu sexueller Gewalt und Rape-Culture oder auch zu Feminismus und Popkultur veröffentlicht, haben mittlerweile eine beträchtliche Leserschaft. Und Netzaktivismus ist eine politische Protestform im klassischen Sinn: Aktionen wie das «Project Unbreakable» zeigen Opfer von sexueller Gewalt, die sich mit Plakaten ablichten lassen, auf die sie die Äusserungen ihrer Peiniger während des Übergriffs geschrieben haben. So werden sie durch das Internet als Menschen sichtbar, die sexuelle Gewalt erfahren haben und erscheinen nicht nur als Zahl in einer Statistik.

Dass Netzaktivismus durchaus Konsequenzen im «realen» Leben haben kann, zeigt das Beispiel der amerikanischen Medienkritikerin Anita Sarkeesian, die in ihren YouTube-Videos sexistische Stereotypen und Rollenklischees in Videogames analysiert und als Reaktion darauf massive Drohungen erhielt. Wird sie für ihre Arbeit angegriffen, so jagt sie die Beleidigungen und Drohungen mit dem Re-Tweet-Button zurück ins Netz, denn jede sexistische Replik bestätigt sie in ihrer Politik.

Die Arbeit dieser Feminist_innen, welche die Aufmerksamkeit täglich aufs Neue auf Diskriminierung und Sexismus lenken, schafft letztlich einen Diskurs und gibt den nötigen Rückhalt in der Gesellschaft. Im angelsächsischen Raum und zunehmend auch in Deutschland gibt es Feminist_innen, die mit ihren Stimmen den Sprung in die Mainstreammedien geschafft haben. «Online-Aktivismus», schrieb vor vier Jahren die deutsche Feministin Teresa Bücker, «ist mehr als Webseiten, Tweets und Klicks: Er verändert Bewusstsein, schafft Aufmerksamkeit und übt Druck auf Entscheidungsträger aus.»

Lohnkontrollen, subito

Und dann gibt es ja auch weiterhin die traditionellen Methoden und altbekannten Themen. Am 8. März ist Frauentag. Dieses Jahr mobilisiert eine Allianz von Frauenorganisationen für eine Grossdemonstration am 7. März in Bern. Die Initiant_innen verfolgen vor allem ein Ziel: Die Lohngleichheit zwischen Mann und Frau. Diese ist weiterhin nicht erreicht. Gemäss Erhebung des Bundesamts für Statistik beträgt der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau im Schnitt fast 24 Prozent. Die zentrale politische Forderung am diesjährigen Frauentag lautet deshalb: Wirksame Lohnkontrollen durch den Staat, und zwar subito! 

Wirtschaftsliberale Kreise zeigen sich angesichts der vehementen Forderungen beunruhigt bis empört. So publizierte etwa die NZZ in den vergangen zwei Monaten im Wochentakt Kommentare und Debattenbeiträge gegen Lohngleichheit, Quotenregelungen oder sogenannten «Staatsfeminismus». In der Redaktion an der Falkenstrasse wird befürchtet, dass «die Ideen für den Umbau der Gesellschaft im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit noch lange nicht ausgehen». Begründet wird diese Angst mit drohenden staatlichen Regulierungen: einer Lohnpolizei, einem Elternurlaub oder Quoten für den Teilzeit arbeitenden Mann.

Die Frage der Lohndiskriminierung von Frauen ist für die NZZ politisch nicht mehr relevant, weil dagegen bereits geklagt werden kann. Der bürgerlich-liberale Grundtenor lautet: Frauen, die weniger verdienen, sind selber schuld, und staatliche Eingriffe schaden der wirtschaftlichen und individuellen Freiheit. Zudem sei die Gleichheit der Geschlechter in der Verfassung festgeschrieben und damit ein «urliberales Anliegen» längst verwirklicht. Allein: Auch die Mutterschaftsversicherung war Jahrzehnte in der Verfassung verankert, ohne dass irgendeine Frau in der Schweiz davon einen müden Rappen gesehen hätte.

Wer vom Karrieremann verlangt, vermehrt unbezahlte Arbeit zu Hause zu leisten, macht sich nicht beliebt.

Die Argumentation der NZZ offenbart also ein grundsätzliches politisches Problem mit Geschlechterfragen. Die seit 33 Jahren in der Verfassung festgeschriebene, rechtliche Gleichstellung der Geschlechter ist eine juristische Norm, die zwar staatspolitisch wichtig ist, aber noch keine gesellschaftliche Realität schafft. Was gesetzlich festgelegt ist, muss gesellschaftlich normal werden. Und Gleichstellung ist so lange nicht erreicht, wie Frauen primär über ihr Äusseres bewertet werden und ihnen weniger zugetraut wird, während Männer sich über Inhalte und Können profilieren dürfen. 

Feministische Forderungen haben viel bewirkt, so unpopulär sie anfänglich auch waren. Wenn neue Lebensentwürfe in der Gesellschaft Schule machen, greift das immer in bestehende politische und wirtschaftliche Verhältnisse ein. Eine gerechte Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen den Geschlechtern, eine faire Aufteilung von Kinder- oder Betagtenbetreuung bedeutet zwangsweise eine Abkehr von der heutigen Norm des Vollzeit arbeitenden Mannes.

Natürlich hat dieser Wandel Machtverschiebungen zur Folge. Und wer vom Vollzeit arbeitenden Karrieremann verlangt, sein Privileg auf Karriere abzugeben und stattdessen vermehrt unbezahlte Arbeit zu Hause zu leisten, die weniger prestigeträchtig ist, macht sich nicht beliebt.

Engagement braucht Rückgrat – ob auf der Strasse oder im Netz. Deshalb: Heraus zur Demo am 7. März. Es darf dabei auch getwittert werden.


Die Autorin Natascha Wey ist Historikerin und Feministin.  

Feminismus im deutschen Sprachraum
Auch in deutscher Sprache gibt es zunehmend feministische Kanäle. Der Twitter-Account femInsist steht für einen Watchblog, der täglich auf den Sexismus in Werbung und Berichterstattung der Medien aufmerksam macht. Weiter publizieren der Weblog maedchenmannschaft.net, das Missy Magazine oder der Blog netuzfeminismus.org Beiträge zu feministischen Themen. Und der Lila Podcast der Feministinnen Katrin Rönicke und Susanne Klinger beleuchtet aktuelle Debatten aus feministischer Perspektive.

Konversation

  1. super, dieser feministische Schwerpunkt in der Printausgabe. Das lässt hoffen, dass zukünftig in diesem Blatt nicht nur Sondernummern mit Frauen erscheinen, sondern Frauen in Bild und Text gleich oft erscheinen wie die Männer. Das war in den vergangenen Monaten überhaupt nicht der Fall und für Feministinnen meist unerträglich. Falls Ihr mich als weibliche Leserin behalten möchtet, dann nur, wenn ihr da konkret umsetzt: Weibliche Journalistinnen sind gleichwertig vertreten, Frauen werden so häufig portraitiert wie Männer. Frauensichten sind als Mainstream und nicht nur als Sondernummer sichtbar (sonst erinnnert es sehr an die 70-er). Die Hoffnungen sind geschürt

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  2. Zitat: „…beträgt der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau im Schnitt fast 24 Prozent.“

    Betrachtet man dies aber im Detail, so gibt es für 60% dieser Unterschiede Gründe, die nicht in einer geschlechtsspezifischen Diskriminierung liegen. (1)

    Das bedeutet, dass man allenfalls einen Lohnunterschied von 10 % dem Verdacht der Diskriminierung zuordnen könnte. Und das bedeutet wiederum nur, dass für genau diese restlichen 10 % Lohnunterschied keine (oder noch keine) objektivierbaren Ursachen ausgemacht werden konnten, eine mögliche Diskriminierung also wiederum nur EIN TEIL aller unbekannten Gründe sein kann. Wie hoch dieser Teil sein könnte, ist aber unbekannt, weil eben alle diese möglichen Teile unbekannt sind.

    Objektivierbare Gründe (wie zum Beispiel unterschiedliche Ausbildungen) pauschal einer geschlechtsspezifischen Diskriminierung zuzuordnen, ist meines Erachtens ideologisch und unredlich.
    Alle unbekannten Variablen pauschal als geschlechtsspezifische Diskriminierung zusammenzufassen ist meines Erachtens ebenfalls unredlich und ideologisch.

    Solchen Unredlichkeiten bringen einen möglichen Dialog von vornherein zum Scheitern; solche Unredlichkeiten führen weiterhin auch dazu, dass insbesondere selbst ein grosser Teil der Frauen solche feministische Forderungen nicht mehr ernst nimmt.

    Quelle (1): Strub, Silvia & Stocker, Désirée (2010). Analyse der Löhne von Frauen und Männern anhand der Lohnstrukturerhebung 2008. Aktuelle Entwicklungen in der Privatwirtschaft und Situation im öffentlichen Sektor des Bundes. Bern: Büro BASS

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