Gryyslig-Gruusig – eine Nacht auf den Fersen der Gryysel

Sie sind wild, gryyslig und touren durch die Keller von Basel: die Schnitzelbangg-Gruppe d’Gryysel. Wie ergeht es einem Bangg während einer Nacht? Das wollte ich wissen und heftete mich an ihre Fersen. Eine Erfahrung der besonderen Art.

Pater Mandulino trägt den «Bischofsstab» – darin leuchtet der «goldene Gagg». (Bild: Alexander Preobrajenski)

Sie sind wild, gryyslig und touren durch die Keller von Basel: die Schnitzelbangg-Gruppe d’Gryysel. Wie ergeht es einem Bangg während einer Nacht? Das wollte ich wissen und heftete mich an ihre Fersen. Eine Erfahrung der besonderen Art.

Heute brauche ich ein dickes Fell. Das zumindest sagt mir Antonio eine Stunde vor unserem Treffen. Antonio ist Ministrant und verbringt die «drey scheenschte Dääg» mit Pater Pius Pat, Pater Mandulino und Pater Johan-Johannes. Zusammen sind sie die Schnitzelbangg-Gruppe d’Gryysel. 

Sie sind ein wilder Bangg und ein Chäller-Bangg. Das heisst, sie gehören keinem Fasnachtskomitee an und sind ausschliesslich in Kellern unterwegs. Denn d’Gryysel wollen sich nichts vorschreiben lassen, weder Zeit noch Formalitäten. Wie erlebt ein solcher Bangg die Fasnacht? Das wollte ich wissen und stieg hinab von einem Keller in den nächsten, um das Gefühl hinter der Larve zu ergründen.

Orgelklänge als Ankündigung

Die Gruppe erscheint um 20 Uhr und stellt sogleich klar: Von jetzt an sind wir nicht mehr die Normalen, von jetzt an sind wir d’Gryysel, die ganze Nacht lang. Die schwarzen Gewänder der drei Pfaffen hängen schwer herunter, darüber baumeln allerlei Kreuze, die Finger sind bestückt mit grossen, farbigen Klunkern. Von der Larve wächst ein goldenes Kreuz über ihre Nasen.

Antonio, der Ministrant, trägt als Untergewand einen roten Talar, darüber das weisse Hemd, das an ein Taufkleid erinnert. Goldene Locken verleihen ihm die gewollt kindliche Erscheinung. Er krächzt, wenn er spricht. Im Schlepptau: eine kleine Orgel, von Antonio selber gebaut, eine Helgensammlung, von Antonio gemalt, eine Gitarre und ein Bischofsstab. Seit fünf Jahren bereiten sich die Freunde jeweils ein halbes Jahr auf dieses Ereignis vor, das heute seinen Anfang nimmt.

Anarchie und ruppige Atmosphäre

Die Stimmung ist aufgeregt, schnell wird eine Flasche Weisswein geöffnet. Man will gleich los. «Habt ihr einen Plan?», fragt Pater Pat und fügt ohne Pause hinzu: «Weil, ich habe einen: Imber- und Pfäffergässlein!»

Es sind die zwei Lieblingsgassen der Gruppe. Während die schmalen Gänge in der Altstadt unter dem Jahr kaum auffallen, drängeln während der Fasnacht Hunderte Menschen an den zahlreichen Kellereingängen vorbei. Für d’Gryysel ist hier das Herz der Fasnacht. Ihnen gefällt die ruppige Atmosphäre und die herrschende Anarchie, wie sie es nennen.

In einer Ecke stellen sich die vier eng zusammen und üben noch kurz im Flüsterton. Dann gehts los, erste Station: Optimisten-Keller. Dort ist ein grosses Gedränge und die Kellnerin schnauzt jeden an, der ihr im Weg steht. Doch als von weither die Orgelklänge ertönen, wird alles still und konzentriert.

Die Leute «begryyseln»

Der Anfang wird dem Bangg nicht leicht gemacht. Zwar kommen die Verse gut an, es wird gelacht und geklatscht. Aber nicht wild, nicht ausgelassen. Vielleicht ist es auch noch zu früh. Eine Frau findet es gar offenkundig nicht lustig: «Geht nun bitte», sagt sie am Ende zu der Gruppe.

Vielleicht fühlte sie sich in ihrem Glauben verletzt. Denn dass d’Gryysel das Publikum spalten, ist klar: Mit dem Katholizismus als Sujet müssen sie damit rechnen. Aber es sei nicht nur das. «Wir verbinden Schnitzelbangg und Kabarett, dabei gibt es immer Leute, denen das zu ‹unfasnächtlich› ist», erklärt Antonio.

Doch bei einer Mehrheit kommt genau das an: Die Gruppe steht nicht steif und liest ihre Verse. Vielmehr spielen sie Theater, verstellen die Stimmen, singen und bringen das Publikum zum Singen. Auch kennen sie keine Berührungsängste: Sie lassen sich beim Eintreten die Hände küssen, streicheln den Zuhörerinnen übers Haar, nippen an ihrem Bier. Oder in ihren eigenen Worten: «Die Leute lassen sich von uns begryyseln.»

Genau deswegen funktioniere ihr Auftritt nur in den Kellern: Auf einer Bühne fällt die Interaktion mit dem Publikum komplett weg und somit auch das, was d’Gryysel ausmacht.

Ein Video vom längsten Vers: Denn Irren ist menschlich.

Gnadenloses Feedback

Beim nächsten Durchgang im Optimisten-Keller ist die Stimmung bereits etwas ausgelassener. «Gebt mir ein grosses Halleluja!», verkündet Pater Pat und die Menge schreit gehorsam zurück. Am Ende wird Absolution für alle erteilt und wieder Weisswein gekippt. Immerhin: Sogar die Kellnerin ist nun besänftigt.

Ganz zufrieden sind die vier aber noch nicht von dem ersten Kellererlebnis. Draussen wird Bilanz gezogen: «Der Vers mit Baschi Dürr kommt nicht an», sind sich alle einig, und die Gruppe beschliesst: Ist die Stimmung nicht auf Hochtouren, soll er gestrichen werden.

Das sei das Los von einem Chäller-Bangg, erklären sie mir: gnadenloses Feedback. Während in einer Beiz, egal was, brav geklatscht werde, bestrafe einen das Kellerpublikum mit Schweigen oder gar Buhen. Das sei zwar hart, aber so merke man gleich, was ankommt und was nicht – und kann notfalls darauf reagieren.

Gaggi, Bisi, Pfyffli

In dieser Montagnacht werden sich die vier jedoch nicht mehr damit auseinandersetzen müssen. Denn sie kommen an. Mancherorts werden sie mit Gejohle begrüsst: «D’Gryysel chömme», wird durch den Raum gerufen. Einmal steigt die Orgel aus – und niemand scheint es zu merken, da die Gruppe mit Witzen und Publikumsinteraktion die Panne gekonnt überspielt.

«Das isch genau das Niveau, woni guet find», lacht ein junger Zuhörer. Das «Niveau» ist ein weiteres Merkmal der Gryysel. Der Name ist Programm und die Pointen liegen öfters unterhalb der Gürtellinie. Auch darin brechen sie mit der Norm, wird von einem traditionellen Schnitzelbangg doch Provokation erwartet, die im Rahmen bleibt.

D’Gryysel pfeifen auf diesen Rahmen. Allein schon ihre Erscheinung spielt auf das heikle Thema der Pädophilie in der Kirche an, das auch in einigen ihrer Verse zu finden ist. Schliesslich wollen sie mit der Scham des Publikums spielen, wenn sie laut und deutlich artikuliert von «Gaggi», «Bisi» und «Pfyffli» singen.

Sie zelebrieren das Scheissen – und finden es lustig, wenn das Publikum peinlich berührt kichert oder gar lauthals nach dem «Gaggi» verlangt. So gibt es denn auch zwei Helgen, auf denen solche «Gaggis» gemalt sind: ein grosser brauner Haufen auf blauem Hintergrund. Das klingt dann so:

Gagge muess e jede, irgendwenn kasch’s nüm verheebe.
Denn raast är us dir uuse mit me Krache und me Beebe.
Bi mängem goht dr Gagg bi me ne künstlich Usgang duure.
Und bim Thiel und em Schawinski kunnt är vorne us dr Schnuure.

Abstieg in das Niederste

Stunden sind vergangen. «Der nächste Ort ist der urigste Keller», sagt Antonio sichtlich erfreut. Er sei der Niederste, das Herz aller Keller. Eine kaum begehbare, weil so steile Treppe führt in ein Loch. Daneben liegt ein Seil, an dem sich gerade eine Frau hinauf hangelt. Man nannte ihn den «Würmlispalter-Käller», inzwischen heisst «Spootzinder-Käller».

Drinnen ist es so eng, dass man sich kaum mehr drehen kann. Irgendwie schaffen es die vier doch noch hinein und sind dem Publikum näher denn je. Von ihren Larven tropft Schweiss. Die ganze Anstrengung der langen Vorbereitung bricht hier aus ihnen heraus.

«Somit wäri au die Predigt am Änd, doch wär no eine wot ha, dä häbt jetzt sini Händ», schliesst Pater Johannes und erntet ein Händemeer und lautes Gejohle. Dieser Keller erklatscht sich gar noch eine Extrazugabe.

Sechs Stunden, zehn Auftritte und viel Weisswein später fällt auf: Wir haben uns kaum vom Fleck bewegt und sind lediglich im Zickzack durch die zwei schmalen Gassen geirrt. Für d’Gryysel eine perfekte Nacht.

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Weitere Gryysel-Verse:

Bisch au du e klei Perversling, duesch uf Fuudibildli stoh,
muesch hüt nümme lang go sueche und uf Pornosite goh.
Facebook, Whatsapp, Instagram sin hüt bi allne sehr beliebt.
Und so het e jungi Dame Poscht vom Gryysel Gerri griegt.

Uf eme Bild zeigt är si Pfiffe und im Anhang no si Hoode.
Das het im letschte Johr dä BvBär scho duurezooge.
Es isch no nie so eifach gsyy an Pornobildli z’koo.
Und drum het jetzt jede Ministrant e iPhone yyberkoo.

Im Bundeshuus in dr Verwaltig, bi de siebe Zwärge.
D’Sekretärin macht e Selfie, vo ihrne schöne Bärge.
Au dr Bundesroot macht Selfies, zwar nit nackt, doch dasch nit schlimm,
well dört gseht me au trotz Kleider, dass es Pfiffe sin. 

Oder:

Nach zwei, drei, vier Bierli bi ne re Schifffahrt uf em See.
Dr Hürrlimaa het’s dr Jolanda Spiess so richtig gee.
I hoff die hän e Gummi bruucht, well keine vo uns wot
e grüen und bruuni Missgeburt, wie die Ecopop.

Artikelgeschichte

Ursprünglich stand im Artikel der Keller heisse «Würmli-Frässer-Käller», das war falsch. Der Name wurde korrigiert am 2.3., 9.57 Uhr (amc).

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