Hand drauf? Namaste!

Das Händeschütteln sei Teil unserer Kultur, sagt Bundesrätin Sommaruga. Warum eigentlich? Und warum anderswo nicht? Ein Überblick.

Die Hand reichen – das ist nicht in allen religiösen Kreisen Usus.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Das Händeschütteln sei Teil unserer Kultur, sagt Bundesrätin Sommaruga. Warum eigentlich? Und warum anderswo nicht? Ein Überblick.

Von Therwil hinaus in die grosse Welt: Mittlerweile berichten nicht nur nationale, sondern auch internationale Medien wie die BBC darüber, was in diesem kleinen Dorf im Baselbiet vorgefallen ist. Zwei muslimische Schüler verweigern der Lehrerin die Hand. Seither wird getobt, gerungen, gemahnt. «Der Händedruck gehört zu unserer Kultur», betonte Justizministerin Simonetta Sommaruga, so als würde in Therwil die Zukunft der Schweizer Identität entschieden.

Das Problem an der Dorfgeschichte ist der Islam, der in diesen Tagen sofort jedes Thema zur Schicksalsfrage werden lässt, mit dem er in Berührung kommt. Dass das Thema selbst gemässigte, in der Schweizer Öffentlichkeit agierende Muslime in Verlegenheit bringt – wie etwa Montassar BenMrad, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen der Schweiz (Fids) – konnte vor einer Woche in der Sendung «Arena» im Schweizer Fernsehen beobachtet werden: Auf die Frage des Moderators, ob man akzeptieren solle, wenn ein muslimischer Schüler einer Lehrerin nicht die Hand geben wolle, antwortete er: «Ja und Nein.»

Verbote beim zwischengeschlechtlichen Körperkontakt

Tatsächlich ist im Islam die Frage des Handschlags mit einer Frau, die nicht eine Mahram (Verwandte) ist und zu der folglich ein Heiratsverhältnis nicht von vornherein als rechtswidrig ausgeschlossen werden kann, nicht eindeutig geklärt. Populär ist eine konservative Rechtsauslegung, die den Handschlag aufgrund der möglichen sexuellen Verführung verbietet, die vom zwischengeschlechtlichen Körperkontakt ausgeht.

Sie geht zurück auf einen Hadith, eine Überlieferung der Taten und Aussagen Mohammeds, die neben dem Koran die zweite Quelle islamischer Rechtslehre sind. Laut dem betreffenden Hadith soll der Prophet gesagt haben: «Es ist besser, dass einer von euch mit einem Eisenstachel in den Kopf gestochen wird, als dass er eine Frau berührt, die er nicht berühren darf.»

Die Überlieferung wird Aisha, der Ehefrau des Propheten, zugeschrieben. Allerdings ist dies umstritten: Der einflussreiche ägyptische Rechtsgelehrte Yusuf Al-Qaradawi, langjähriger Vorsitzender des Europäischen Fatwa-Rates und in der muslimischen Welt berühmt durch seine religiöse Beratungssendung auf dem Satellitensender «Al Jazeera», hat 2008 in einem ausführlichen Kommentar den normativen Gehalt der Überlieferung zerlegt: Zum einen ist, da die Kette der Überlieferer nicht bis zu den Tagen des Propheten reicht, die Authentizität des Ausspruchs nicht gegeben, zum anderen stellt Al-Qaradawi der Aussage Aishas andere Quellen gegenüber, die vom Handschlag Mohammeds mit Frauen als Versicherung eines politischen Treuebündnisses künden.

Bedeutender ist seine Ansicht zur potenziellen Verführungskraft des Handschlags: Laut Al-Qaradawi meine das im Hadith verwendete Wort für «berühren» in der figurativen Sprache des Koran ganz konkret entweder den sexuellen Akt oder dessen Vorstufen. Dazu gehören Umarmungen, Küsse, Zärtlichkeiten, jedoch nicht der blosse Handschlag zur Begrüssung.

Parallelen zum jüdischen Religionsgesetz 

Durchgesetzt, zumindest im Volksislam, hat sich jedoch die rigidere Lesart, die jede Berührung als ersten Schritt ins Bett verurteilt. Auffallend ist die Ähnlichkeit zum jüdischen Religionsgesetz: Auch dort wird, mit Rückgriff auf das im Alten Testament verankerte Berührungsverbot jeder Körperkontakt zwischen nicht verheirateten Männern und Frauen untersagt. Hinzu kommt, dass für religiöse Juden eine Frau, die sich in den Tagen der Menstruation befindet, als «unrein» gilt. Deshalb vollziehen zumindest ultraorthodoxe Jüdinnen jeweils am Ende ihres Monatszyklus‘ das rituelle Reinigungsbad in der Mikwe.

Weil kaum ein Mann die Menstruationstage einer nicht mit ihm verheirateten Frau kennt, verzichten strenggläubige Juden komplett auf Berührungen. Furcht vor dem Untergang des Abendlandes verursacht diese Praxis eher selten, Verstimmungen auf dem politischen Parkett können jedoch vorkommen: So verweigerte 2012 Yaakov Litzman, strenggläubiger Jude und damals stellvertretender israelischer Gesundheitsminister, seiner belgischen Amtskollegin Laurette Onkelinx aus religiösen Gründen den Handschlag. Das kam nicht gut an: «Meine Hände sind sauber!», empörte sich die Ministerin danach auf ihrem Facebook-Profil.

Respekt vor dem ehelichen Bund

Ausserhalb der Ultraorthodoxie wird der Handschlag als Begrüssungsritual hingegen gestattet. Auslegungen des Jerusalemer Talmuds erlauben ihn, sofern er kurz und förmlich erfolgt, um peinliche Situationen zu vermeiden, die man als Mangel an Respekt auslegen könnte – gerade in den Jahrhunderten der Diaspora mit fatalen Folgen. In der modernen Orthodoxie, und im vor allem in den USA praktizierten Reformjudentum, ist die Scham gegenüber dem Handschlag aufgrund dies tief sitzenden Egalitarismus verschwunden.

Oder die Keuschheit erhält eine neue Legitimation, um den Vorwurf des alttestamentarischen Sexismus abzuwehren: Die Zurückhaltung gegenüber der körperlichen Berührung gehe von Mann wie Frau aus und zeuge vom gegenseitigen Respekt vor dem ehelichen Bund.

Schon unter den griechischen Göttern war die Geste alltäglich

Gehört der Handschlag also integral zu unserer Kultur? Unbestreitbar, wenn bereits in der Spätantike die Kommentatoren heiliger Texte sich darüber den Kopf zerbrachen. Man findet den Handschlag im Galaterbrief des Neuen Testaments, wo die Jünger Jesu in Jerusalem Paulus zum Abschied «die rechte Hand der Gemeinschaft» reichen, und selbst unter Göttern war die Geste alltäglich: Im Akropolis-Museum in Athen steht eine Stele aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert, auf der sich Hera und Athene die Hand geben.




(Bild: Wikipedia)

Alles zweifellos freundschaftliche Gesten des Respekts. Offen ist hingegen, ob geschüttelte Hände zwischen Mann und Frau eine Frucht unseres kulturellen Erbes sind oder doch eher eine Folge der entkrampften Beziehung zwischen den Geschlechtern infolge der Gleichstellung und der sexuellen Revolution. Darüber sagt die Kulturgeschichte nichts aus.

Denn die monotheistischen Religionen sind mit dem Problem, wie religiöse Sittlichkeitsregeln mit dem Höflichkeitsgebot der Begrüssung in Einklang zu bringen sind, nicht alleine. Auf dem indischen Subkontinent und in anderen Teilen Südostasiens, wo traditionell patriarchale Strukturen vorherrschen, hat man die Gefahr der Verführung durch Berührung mit einem Ritual umgangen, das man heute in jedem Yogakurs beobachten kann: Hände vor der Brust flach aneinander gedrückt, dazu eine leichte Verbeugung. Namaste. Ist zwar auch nicht Teil unserer Kultur, könnte man in Therwil jedoch versuchen. Denn darüber würde die BBC wahrscheinlich nicht berichten.

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