Hört bloss auf mit eurem Kulturpessimismus

Jetzt fangen schon die Hip-Hopper damit an, dass früher alles besser gewesen sei. Aber wer die Jugend von heute blöd findet, ist vielleicht einfach zu blöd, um sie zu verstehen.

Klar, Alter, früher waren die Beats halt schon geiler. (Bild: iStock/Montage: Nils Fisch)

Neulich war ich wieder mal an einer Retro-Party. Es lief Rap aus der Schweiz und Deutschland von der Sorte, die kurz nach der Jahrtausendwende Studenten zum Kopfnicken brachte.

An diesem Anlass hat sich ein Weltbild offenbart, das mich befremdete. Dieses «Heute ist alles alles scheisse – früher war alles besser», das man sonst von Stammtischen kennt, hält Einzug in die von mir so geliebte Kultur.

Während moderner Rap und innovative Künstler längst weitergezogen sind, bestätigte sich an diesem Abend eine Horde Ü30er in breiten Hosen und Graffiti-Tattoos in der Ansicht, dass diese neuen Mumble-Rapper mit ihrem metrosexuellen Look eine Metapher seien für die allgemeine Degenerierung der Gesellschaft.

Kulturpessimismus. Ich verabscheue ihn. Er vereint Künstler und Polterer, Linke und Rechte, Christen und Moslems in ihrem Irrglauben, alles würde immer schlechter werden. Ich möchte hier fünf Behauptungen widersprechen, die mir an besagtem Hip-Hop-Abend und auch bei anderen Gelegenheiten immer wieder vor die Füsse gekotzt wurden.

Die Mode heutzutage ist lächerlich.

Erinnern wir uns bitte ganz kurz an Baggy-Pants, an Tribal-Tattoos, Goa-Freaks in Trompeten-Hosen und weisse Wohlstandskids mit Dreadlocks. Ja, die kollektiv individualistischen Hipsters von heute können nerven mit ihren Skinnyjeans und Outdoor-Jacken, aber bevor ich mir noch einmal von einem 40-Jährigen im 90er-Jahre-Hip-Hop-Look sagen lasse, meine Hose sei zu eng, flüchte ich lieber in die Warteschlange des Supreme-Shops.

Die Musik ist scheisse! In den letzten Jahren sind alle grossen Musiker gestorben.

Fuck that! Legenden wie Jacko, Bowie, Prince und andere stammen nun mal aus einer Zeit, die noch nicht so vernetzt und digital informiert war wie die heutige. Damals stachen einzelne Sterne am Musik- und Showbiz-Himmel hervor. Ihr überragendes Talent wurde durch Print, Radio und Fernsehen beleuchtet und dokumentiert. Heute sind die «Teleskope» dank Youtube und sozialen Medien viel potenter. Statt einzelner Sonnen präsentieren sich unzählige Sterne am Musik-Firmament.

Die Pop-Scheisse, die uns heute von verzweifelten Mainstream-Plattformen präsentiert wird, nervt zwar, aber im Grossen und Ganzen gibt es in der Gegenwart mehr interessante Künstler zu entdecken als im Analogzeitalter. Man muss es nur den heutigen Musikern gleichtun und die Möglichkeiten des Netzes nutzen.

Alle starren nur noch wie Zombies auf ihre Smartphones.

Sagen die, die ihre Jugend vor dem Fernseher verbracht haben. Schon in der Hochzeit des Buches sorgten sich die Alten, weil manche Kids die Nase kaum mehr aus diesen gottlosen Machwerken herausbekamen. Später befahlen Eltern ihren Kindern, den Flimmerkasten auszuschalten und raus in die Natur zu gehen. Und heute wird über den «Handy-Konsum» gemotzt.

Ich bin selbst so ein Junkie und ich schäme mich manchmal dafür. Aber die Hälfte der Zeit, die ich auf den Screen starre, lese ich informative Artikel von Online-Medien, schaue Tutorials oder Doks auf Youtube oder tausche mich mit anderen Musikern, Journalisten und Künstlern aus.

Die Zeit, die ich mit blöden Videos und Memes verplämperle, entspricht in etwa der, die ich als Teenie mit blöden TV-Shows verbracht habe. Ich sehe in Online-Medien in erster Linie eine Quelle des Wissens und der Inspiration. Der Abgrund des Masslosen schlummert im Menschen, nicht im Internet.

Die Sprache verroht. Die ganzen Anglizismen und Slang-Ausdrücke zerstören unsere schöne Mundart.

Falsch. Neukreationen, Vermischungen und Codes bereichern unseren Wortschatz. Eine Sprache, die sich nicht entwickelt, widerspricht ihrem Zweck. Die Sprache der neuen Generation ist dank Musik und Memes schon jetzt auf einer völlig anderen Stufe der Kommunikation als früher. Sie ist vielschichtiger und gleichzeitig flexibler und universeller. Die Weiterentwicklung sichert das Überleben einer Sprache, nicht die Konservierung. Wenn du den Jugendslang blöd findest, bist du vielleicht einfach zu blöd, um ihn zu verstehen.

Die Leute sind heute selbstbezogener als früher.

Wenn man in einem Tram sitzt und fast alle auf ihr Handy starren, statt sich zu unterhalten, kann dieser Eindruck entstehen, ja. Einer dieser Starrer bin ich. Ich lese einen Artikel über Verdingkinder in der Schweiz. Bis in 1980er-Jahre wurden in der Schweiz Kinder wie Sklaven gehandelt. Kinder aus armen Familien schufteten sich auf Bauernhöfen ab und bekamen dafür oftmals wenig Essen und Schläge.

Die Schweizer Bevölkerung ist in dieser und anderer Hinsicht in den letzten Jahren sozialer geworden. Vielleicht hilft diese neue Haltung auch dabei globaler zu denken, weltoffener und weniger selbstbezogen im nationalen Sinne zu agieren.

Jede Generation wähnt sich als letzte, bevor die Welt untergeht.

Im Allgemeinen erlebe ich die neue Generation nämlich als hilfsbereit. Wann hast du das letzte Mal einen alten Menschen ins Tram steigen sehen, ohne, dass ihm sofort ein Platz angeboten wurde?

Der Mensch scheint eine Sehnsucht nach dem Untergang zu haben. «Nach uns die Sintflut!», das tönt oft eher sehnsüchtig als schuldbewusst. Das Gallier-Syndrom: Permanent leben wir mit der Angst, dass uns jederzeit der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Jede Generation wähnt sich als letzte vor dem Weltuntergang.

Die grösste Untergangsgefahr geht von der Vorstellung aus, dass der Untergang kurz bevorstehe. Denn Menschen, für die die Welt dem baldigen Untergang geweiht ist, treffen schlechte Entscheidungen. Zum Beispiel jene, auch 2017 noch Baggy-Pants zu tragen.

Konversation

  1. Ich würde den Diskussionskern gerne weiter differenzieren: Früher war alles besser – insbesondere MEINE EIGENE Generation.
    Mir als End-30er fällt vor allem die Verödung meiner eigenen Generation der ca. 30- bis 40jährigen auf, gemessen nicht nur an den anderen, sondern auch an mir selbst. „Früher“ hatten wir Ideen, Ideale, Enthusiamus, heute haben wir Nettoeinkommen, Quadratmeterpreise und Netflix-Serien.
    Ich bin noch ohne Internet und Handy aufgewachsen, und mir fällt vor allem das veränderte Verhalten meiner Altersgenoss/innen auf. Kann sein, dass wir von der neuen Technik viel zu hart erwischt wurden, grade noch aufnahmefähig genug, um deren Benutzung lernen zu können, aber schon zu abgestumpft, um einen sinnvollen Umgang damit zu verinnerlichen.
    Ich schaue Menschen in der Tram gerne über die Schulter, um zu sehen, was es da Interessantes auf dem Smartphone zu wischen gibt, und ich muss leider sagen: In meiner (nicht repräsentativen) Stichprobe waren intellektuell bedeutsame Inhalte eher selten, oder eher überhaupt nicht vertreten (das allerdings generationsübergreifend).
    Ich habe selber als Jugendlicher auch das etwas zweischneidige „Glück“ gehabt, zunächst ohne Fernseher aufzuwachsen (später mit immerhin 3 Programmen), musste mir also den Umgang mit Massenmedien nach Verlassen des Elternhauses selbst beibringen. Ich kann bislang nicht sagen, ob es mir insgesamt besser getan hätte, auf dem Schulhof über die letzten Folgen von A-Team und Knightrider Bescheid zu wissen, als stattdessen Was-ist-Was-Bücher über Astrophysik, Geschichte und Biologie auswendig zu lernen.
    Eventuell gibt es mir nun aber heute doch zu denken, dass meine Kindheit von tieferen Inhalten und Entdeckungen geprägt war als mein jetziges Erwachsenenleben. Jedenfalls steigt mein Selbsthass proportional zu meinem Netflixkonsum. Momentan lese ich endlich mal wieder ein Geschichtsbuch.
    Abschließend möchte ich außerdem hinzufügen, dass ich die sog. Junge Generation sehr interessant finde, und ich mir zumindest darüber im Klaren bin, dass ich deren Lebenswandel und -Inhalte weder kenne noch verstehe, noch im entferntesten dazu in der Position bin, eine Beurteilung darüber abgeben zu können. Das ist eher deren Problem, aber ich hoffe tatsächlich, dass auch dort die Fähigkeit zur Selbstkritik gepflegt wird, zum Wohle der gesamten Gesellschaft.

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  2. hmm.. süss.. ooch..
    ja, leider war es mal besser.. nicht in den 90ern, doch in den 80er.. und den typen über 40ig welcher im 90ties baggy style rumrennt kenn ich gar nicht.. schau dir mal n paar mathematik youtube filmchen an.. anstatt dir hip hop / rap infos aus dem netz zu holen.. hättest die 80er erlebt, würdest wohl auch eher denken; früher war alles besser.. nicht nur die beats 😉
    so long.. as the beat goes on ! peace

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  3. „n diesem Anlass hat sich ein Weltbild offenbart, das mich befremdete. Dieses «Heute ist alles alles scheisse – früher war alles besser», das man sonst von Stammtischen kennt, hält Einzug in die von mir so geliebte Kultur.“
    Blödsinn lieber Knackeboul – du und deine Freunde – ihr werdet einfach alt!

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  4. „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ — (470 – 399 v. Chr.), Sokrates

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