«How does it feel?»

Mit «Like a Rolling Stone» werfen Tomas Schweigen und seine Basler Schauspieltruppe mit Hilfe von Bob Dylans gleichnamigen Jahrhundertsong einen ebenso lakonischen wie ironischen Blick zurück auf die vermeintlich folgenreiche Aufbruchtimmung in den 1960er-Jahren. Mit sehr viel Musik, etwas oberflächlich und harmlos vielleicht, aber ausgesprochen leichtfüssig und charmant.

Bob Dylan «Like a Rolling Stone»: Philippe Graff (Bild: Judith Schlosser)

«Like a Rolling Stone» nach und über den gleichnamigen Jahrhundertsong von Bob Dylan ist ein zauberhaft vergnüglicher Theaterabend – etwas zu zauberhaft und vergnüglich indes, dass er wirklich in tiefere Gefilde vorzudrungen vermag.

Der US-amerikanische Musikkritiker Greil Marcus hat – und das ist wohl einzigartig – ein ganzes Buch über diesen einen Song geschrieben. 300 Seiten über ein Lied, das rund sechs Minuten dauert. Aber ein Song, der einen, hört man sich ihn erneut an, wiederholt, immer und immer wieder, nicht mehr loslässt. «Like a Rolling Stone» von Bob Dylan aus dem Jahre 1965. Eine breit angelegte Spezialistenumfrage in der legendären Musikzeitschrift «Rolling Stone» kürte diesen Song 2004 zum «Greatest Songs of All Time». Das Theater Basel oder besser Tomas Schweigens eingebettete Truppe Far A Day Cage (FADC) widmet diesem Song (und seinem historischen Umfeld) nun im Basler Schauspielhaus einen gut anderthalbstündigen Theaterabend. Und eines muss man diesem Bühnenessay ganz sicher lassen: Wohl kaum jemand im Zuschauerraum, auch wenn man bis dahin nicht zu den grossen Dylan-Fans gehörte, zweifelt am Schluss daran, dass «Like a Rolling Stone» ein Meilenstein der Musikgeschichte ist.

Wie kommt nun eine Schauspieltruppe darauf, einen Theaterabend über oder rund um einen Song zu spielen, der zu einer Zeit entstanden ist (1965), als die meisten von ihnen noch gar nicht auf der Welt waren? Über einen Song von einem Singersongwriter, über den man, wie in einem eingestreuten Interview mit dem wie immer bei FADC auf der Bühne ebenfalls präsenten Regisseur Tomas Schweigen,  Bühnenbildner Stephan Weber und Lichtdesigner Demian Wohler zum Teil gar nicht wusste, dass der noch lebt? Interessiert die Geschichte, die in diesem Song erzählt wird (und über die es soviel zu rätseln gibt)? Sie handelt, knapp zusammengefasst, von einer Frau, die aus ihrem luxuriösen Partyleben herausgerissen wird und in der Gosse landet, in der Welt, über die sie sich zuvor stets herablassend geäussert hatte. Oder geht es um ein Panoptikum der Zeit des vermeintlich grossen Aufbruchs, für den dieser Song Sinnbild ist? Oder aber wird eine Art Biografie von Dylan erzählt?

Eine verrückte Geschichts-Charade

Nun: Aus dem Songtext irgend eine Geschichte zu basteln, das war den Theaterleuten zum Glück etwas zu banal (darüber zu diskutieren, was denn auch zwischendurch engagiert getan wird, ist um einiges ergiebiger). Beim Versuch, das Leben und Wesen von Bob Dylan nachzuzeichnen, hätte sich das Theater ganz gewiss übernommen. Zwar tritt der grosse Musiker durchaus in Erscheinung. Als blutjunger schlaksiger Newcomer in der schlecht sitzenden Lederjacke, vor allem aber im gewohnten Outfit mit einem schwarzen Anzug und Sonnenbrille (Kostüme: Anne Buffetrille), oftmals in doppelter Ausführung, einmal gar gleich versechsfacht. Aber stets bleibt es eine undurchsichtige Überfigur, die geheimnisvolle Symbolfigur für die grosse Befreiung, die diese Rolle nicht spielen will. Bleibt also ein Blick auf die US-amerikanische Geschichte der 1960er-Jahre, auf die vermeintliche Aufbruchszeit, die mit «Like a Rolling Stone» eine Art Inbegriff bekommen hat.

Diesen Strang lebt das Ensemble auf der Bühne mit wunderbarer Spiellust und natürlich mit viel live gesungener und gespielter Musik aus dieser Zeit (mit deutschen Übertiteln) aus. Behände springen die Schauspielerinnen und Schauspieler in der stimmungsvollen Wüsteszenerie mit Kakteen, verdorrten Büschen und einem Wohnwagen (Bühne: Stephan Weber) von Rolle zur Rolle, präsentieren sie ein prall gefülltes Geschichtspanoptikum. Zu erleben sind die grossen Ikonen der 1960er: Woody Guthrie (Silvester von Hösslin), John F. Kennedy (Philippe Graff) und seine Jaqueline (Vera von Gunten), Allen Ginsberg (Jesse Inman), Andy Warhol (Graff) und seine Muse Edie Sedgwick (Zoe Hutmacher), John Lennon (von Hösslin), Dylans Manager Albert Grossman (Martin Hug), Janis Joplin (Joanna Kapsch), der Vietnam-Soldat (von Hösslin) und der erste Mann auf dem Mond (Hutmacher). Diese Aufzählung ist unvollständig.

Ironisch-skeptische Distanz

Diese legendenumwobene Aufbruchzeit wird von den Theaterleuten, die alle der Post-Popgeneration angehören, aus einer skeptisch-ironischer Distanz heraus erzählt. «Wir können die Menschen nicht verändern», sagt einmal ein Dylan auf der Bühne zum andern. Ja, ihm gehe es in erster Linie darum herauszufinden, was mit ihm selber los sei, antwortet der andere. Den liebevoll gezeichneten Karikaturen der Polit- und Kulturikonen zu folgen, bereitet zwar einiges an Vergnügen – das Ensemble zeigt eine über ansteckende Freude am Verkleidungsspiel. Die ironische Distanz birgt aber auch die Gefahr, dass das Ganze etwas zu sehr an der Oberfläche haften bleibt und letztlich harmlos wirkt. Nur ab und zu finden die Theaterleute ein Bild, das auch in tiefere Gefilde zielt. Etwa wenn der Vietnam-Soldat zum Protestslogan «We Can Change the World» durch den Dreck kriecht, die Live-Kamera auf der Bühne aber stets auf dem Partygirl bleibt, das im Drogenrausch herumtorkelt und ständig zu Boden fällt. Die geldgeschwängerte Hochglanzwelt der Pop-Art macht die politische Aufbruchstimmung der Pop-Generation zunichte.

Überdauert aber hat, so könnte man die Quintessenz des Abends interpretieren, die musikalische Ikone dieser Zeit. Eben der Song «Like a Rolling Stone». Lange bleibt man im Ungewissen, ob es diesen Song überhaupt zu hören gibt. Ganz zu Beginn des Abends sind zwei junge Menschen zu sehen, die sich den Song über Ohrhörer, also für das Publikum nicht hörbar, reinziehen, ihn aber so innig nachvollziehen, dass er in der Erinnerung wachgerufen wird. In der Mitte des Abends taucht aus der Unterbühne das Studio auf, in dem der berühmte Song aufgenommen wurde. Doch der Klang der Instrumente bleibt hinter der Glaswand für das Publikum stumm. Erst ganz zum Schluss bekommt man ihn doch noch zu hören. Dunkel wird’s, einzig ein kleines Lagerfeuer sorgt noch für ein kleines bisschen Licht. Und es beginnt: «Once upon a time …» Erst leise, dann langsam stets etwas lauter. Man muss nicht Dylan-Fan gewesen sein, um in diesem Moment zu begreifen, nachzuvollziehen, dass es sich bei «Like a Rolling Stone» um ein Meisterwerk handelt – eines das in den Köpfen der Zuschauerinnen und Zuschauern noch lange nachklingen wird.

«Like a Rolling Stone»
Eine Produktion von und mit FADC (Theater Basel)
Regie: Tomas Schweigen, Bühne: Stephan Weber, Kostüme: Anne Buffetrille, Musikalische Leitung: Martin Gantenbein, Choreografie: Thomas Stache, Licht-Performance: Demian Wohler
Mit: Silvester von Hösslin, Zoe Hutmacher, Jesse Inman, Philippe Graff, Vera von Gunten, Martin Hug, Joanna Kapsch, Stephan Weber, Demian Wohler, Tomas Schweigen

Die nächsten Vorstellungen: 11., 12., 17., 26.02. (weitere Vorstellungen im März)
Theater Basel, Schauspielhaus

Konversation

  1. Vielen Dank für die Rezension. Das Stück war sehr unterhaltsam und doch noch nicht ein Musical. Die Schauspieler schälten gut diese Entwicklung heraus zwischen Beatnik mit Allen Ginsberg und den Hippies, die ja am Schluss mit Janis Joplin vertreten sind. Auch die Entwicklung von den Einflüssen auf Dylan (z.B. via Guthrie) bis zu Dylan als Einflussnehmer (z.B. auf Sam Cook) schien schlüssig. Die beste Szenen fand ich jene im Studio, der magic moment, und das Interview mit den sechs Dylans. Und ja, manchmal wirkte die Bühne etwas überladen, wie als zu Waterboy noch Kennedy herumgezehrt wurde. Zudem fand ich das Bühnenbild mit dieser amerikanischen Kulisse sehr passend.

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