«Ich denke nicht an Anfang und Ende»

Als Hebamme ist Ulrike Rau oft dabei, wenn menschliches Leben auf unserer Welt beginnt. Stellt sich ihr deshalb die Frage nach dem Sinn dieses Daseins mehr als anderen?

(Bild: Patric Sandri)

Als Hebamme ist Ulrike Rau oft dabei, wenn menschliches Leben auf unserer Welt beginnt. Stellt sich ihr deshalb die Frage nach dem Sinn dieses Daseins mehr als anderen?

Ulrike Rau

Bei meiner Arbeit stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht. Jedenfalls nicht mehr und nicht weniger als bei anderen Menschen, die über den Sinn des Lebens nachdenken. Meine Arbeit ist für jeden sinnvoll, da ein jeder geboren wird. Es ist das zweitälteste Gewerbe der Menschheit – nach der Hure kommt gleich die Hebamme. Und für mich ist Hebamme eher Berufung denn Beruf. Immer schon wollte ich Hebamme werden, schon als Kind. Nicht in erster Linie wegen des Helfens oder wegen der vollkommenen kleinen Menschen, die zur Welt kommen, sondern eher weil die Entwicklung eines Menschen mich fasziniert. Weil die gesamte Schöpfung mich immer wieder staunend macht.

Das Unbeschwerte geht verloren

Vor 22 Jahren habe ich in Dresden die Ausbildung gemacht, seither wurden etwa 1500 Kinder in meine Hände ­geboren. Ich bin immer ein bisschen mit schwanger, ich begleite die Frauen ab der 20. Schwangerschaftswoche im Wechsel mit der Ärztin und über die Geburt hinaus im Wochenbett. Ein ganz wichtiger Teil meiner Arbeit besteht darin, den Frauen Vertrauen zu schenken, ihnen Mut zuzusprechen, sie selbst zu sein. Leider haben Frauen immer weniger Vertrauen in sich und ihren Körper. Unbeschwert schwanger sein ist schwieriger geworden.

Wie Kinder empfangen werden, zeigt immer ein Stück weit auch die Kraft einer Kultur. Heute hören die Menschen weniger auf ihr Inneres, ­geben umso mehr äusseren Dingen gros­ses Gewicht. Überhören sich selbst. Da ist so vieles in den Köpfen, was die eigene Wahrnehmung verdrängt. Dabei ist das Gefühlte authentischer, individueller als vieles Gedachte. Letzteres zerfällt oft in tausend Teile, wie Quecksilber. Jedenfalls bei solch wahren, kräftigen Momenten wie einer Geburt.

Wünsche sind für eine Geburt wichtig. Innere Vorbereitung. Mit Ängsten umgehen lernen. Sich ernst nehmen. Und doch zeigt sich im Laufe der neun Monate, was das Leben von einem will. Es ist vielleicht das Einzige auf der Welt, was nicht planbar ist – wenn wir es lassen, was und wie es will. Wir können lernen, mit der Unberechenbarkeit des Lebens umzugehen, Dinge auch einfach mal stehen zu lassen, nicht alles immer zu analysieren, sondern zu vertrauen. Heute veranstalten wir um eine Geburt einen Riesenaufwand. Leider oft auch viel Verunsicherung.

Ich wünschte mir, dass die Frauen mehr Selbstvertrauen haben. Dass sie die Geburt ihrer Kinder natürlich und gesund betrachten können. Dass sie wissen, welche Chance eine Geburt für sie selbst ist. Dass sie daran reifen, wenn sie sie durchleben können. Ja, auch die Schmerzen. Schmerzen sind wichtig, auch um sich zu fühlen und zu sich zu kommen.

Im schönsten Fall wie eine Liebesnacht

So versuche ich als Hebamme die Tradition des Handwerks zu bewahren – ohne zu moralisieren. Früher wollte ich mehr missionieren, heute weiss ich, jeder hat seine eigene Geschichte. Ich kenne das Schicksal des anderen nicht. Ich habe gelernt, Dinge zu respektieren, auch wenn sie nicht mein Weg sind.

Das Erlebnis der Geburt wird sehr unterschiedlich beschrieben. Im schönsten Fall vergleiche ich es mit einer Liebesnacht. Weich, verletzlich, nah und mit einem unglaublichen Zauber in der Luft. Ein Aufgebrochensein, um dieses Wunder überhaupt möglich werden zu lassen. Ich bin immer wieder dankbar, welch intime Momente ich erleben darf.

Wenn das Kind da ist, überlege ich mir nicht, was wohl aus ihm wird. Ich bin immer wieder berührt, freue mich mit den Eltern, dass es da ist und alles gut gegangen ist. Aber ich denke nicht an Anfang und Ende. Ich glaube nicht, dass es das gibt. Ebenso wie es nicht das Ende ist, wenn ein Mensch stirbt. Es gibt noch so vieles mehr, das zwischen Himmel und Erde geschieht. Ich hab mal einen Satz gehört und dem schliesse ich mich an: «Wir sind geistige Wesen, die menschliche Erfahrungen machen – nicht umgekehrt.»

Die Antwort ändert sich

Als Kind habe ich mich oft gefragt, was wohl hinter dem Himmel ist. So fing vielleicht meine Suche an. Und meine Antwort auf die Frage nach dem Sinn meines Lebens ändert sich immer wieder. Vielleicht besteht der Sinn des Lebens einfach darin, wie ich Dinge tue, mit welcher Aufmerksamkeit und Liebe.

Letztendlich ist es ein gefühltes, inneres Erleben, an dem ich den Sinn meines Daseins erlebe. Und es gibt keine Worte, die es ausdrücken könnten … Sinn und Sinnlichkeit, finde ich, sind untrennbar miteinander verbunden. Vielleicht ist es auch die eigene Sehnsucht, die einen ein Leben lang den Sinn erahnen lässt am Horizont – vielleicht, vielleicht, vielleicht ist morgen schon alles anders … »

Ulrike Rau, Mutter einer 11-jährigen Tochter, Hebamme. Sie führt zusammen mit einer Kollegin das Ita Wegman Geburtshaus in Arlesheim und begleitet Hausgeburten.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 28.12.12

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