«Ich liebe meine Pflegetochter wie meine eigenen Kinder»

Seit sechs Jahren hat Sandra Aeby eine Pflegetochter. Ein Leben ohne Barbara kann sie sich gar nicht mehr vorstellen und sie appelliert an die Menschen in der Region: «Gibt einem Kind ein Nestli.» 

Für Sandra Aeby ist Familie keine Frage des Blutes. Sandra, blondes Haar, pinkes Shirt, offenherziges Lachen, hat Freundinnen, die ihr so nahe stehen, dass der Begriff «Freundschaft» nicht ausreicht. «Sie sind meine Schwestern.» Familie ist eine Frage des Gernhabens.

Um die Jahrhundertwende herum arbeitet sie als Hebamme in der Uniklinik. Immer wieder muss sie ein Kind gleich nach der Geburt aus dem Gebärzimmer tragen, weg von der Mutter. «Das waren unsere Schätzelis, wir Hebammen trugen sie manchmal tagelang herum.» Bis die Behörden jemand finden, der auf das Kind schaut. Eine Pflegefamilie, ein Heim. Weil die Mutter krank ist, es keinen Vater gibt, der das Kind aufziehen kann.

Sandra Aeby fragt sich dann: «Wo kommen diese Kinder hin? Gibt es niemand, der ihnen ein Nestli gibt?» Sie beschliesst, später, wenn sie selber Familie hat, ein Pflegekind aufzunehmen.

«Ob zwei oder drei Kinder kommt nicht drauf an»

Im Jahr 2000 ist Sandra schwanger. Sie und ihr Mann Claude bekommen ihr erstes Kind, Nils. 2005 kommt Basil auf die Welt. Sandra und Claude arbeiten freiberuflich, Sandra als Hebamme, Claude als Masseur zu Hause. Sie können ihre Arbeitszeiten so organisieren, dass immer einer von beiden daheim bei den Knaben ist. Oft ist es Claude.

Das läuft gut. Sie denken: «Ob zwei oder drei Kinder kommt nicht darauf an.» Sandra wird wieder schwanger, das Kind stirbt im Bauch.

Sandra und Claude denken über ein Pflegekind nach. Aber sie warten. Sie wollen sich zuerst sicher sein, dass sie den Tod ihres Ungeborenen überwunden haben. Dass das Pflegekind keine Notlösung ist.

Ein gebrochenes Herz

Als sie sich sicher sind, bewerben sie sich bei Familea. Der Verein betreut und vermittelt im Auftrag von Basel-Stadt und Baselland Pflegefamilien, klärt ab, ob Familien geeignet sind. Geeignet ist, wer eine stabile Situation hat. Das müssen keine Paare sein, auch Einzelpersonen kommen infrage.

Anfang 2012 zieht das erste Pflegekind bei der Familie Aeby ein. Aber es funktioniert nicht – wie und warum, das bleibt in der Familie, eine Frage des Kindesschutzes. Das Kind zieht wieder aus. Das Herz von Sandras Mann ist gebrochen. «Er war richtig verliebt», sagt sie.

Nach einer Weile überlegt das Paar, es nochmals zu versuchen. Sie haben Angst: Was, wenn es wieder schiefgeht? Doch dann denkt sich Sandra: «Gopf, bislang habe ich auch alles gestemmt, da kann ich mich auch noch auf ein weiteres Kind einlassen.»

«Es kommt nie, wie ich denke, aber es kommt so, wie es muss»

Sandra schöpft Mut aus der Ungewissheit. Vor der Geburt ihrer Kinder hatte Sandra genaue Vorstellungen vom Leben als Familie. Und dann kam Nils und alles war anders. Und bei Basil war es wieder anders. «So ist mein Leben. Es kommt nie, wie ich denke, aber es kommt so, wie es muss.»

Sandra und Claude geben Familea noch im selben Jahr Bescheid: Sie haben den innigen Wunsch, ein zweites Pflegekind aufzunehmen. Sandra denkt: «Ich werde das Pflegekind gern haben. Aber niemals so gern wie meine eigenen Kinder. So ohne Schwangerschaft, ohne Gebären und Stillen, ohne die Kleinkindjahre.» Sie irrt sich.

Barbara kommt zunächst nur zu Besuch bei den Aebys in der Breite, im Reihenhaus mit der blauen Esszimmerwand und dem kleinen Garten. Sie kommt mit ihrem Mami, um zu sehen, ob es ihr gefällt. Damals ist sie vier Jahre alt und erinnert sich: «Ich fand es toll, aber ich habe mir wehgemacht.» Ein typischer Kinderunfall. Mami und Sandra verarzten sie gemeinsam.

Manchmal gibt es Eifersucht, dann fallen Worte wie: «Mami, warum hast du die ins Haus geholt?»

Sandra und Claude halten eine Familiensitzung mit Nils und Basil ab. Es gibt eine Abstimmung: «Wer ist dafür, dass Barbara bei uns einzieht?» Alle sind dafür. Auch Barbara und ihr Mami.

Barbaras Mutter ist es wichtig, dass ihre Tochter in Basel wohnt, in ihrer Nähe. Das ergibt Sinn: Nicht nur, weil es für das Kind einfacher ist, wenn es weiter im ihm bekannten Ort wohnen kann. Auch weil Pflegefamilien nicht wie Adoptivfamilien sind. Denn wenn möglich, streben die Behörden eine sogenannte Rückführung an. Das heisst, sie überprüfen regelmässig, ob die Situation der leiblichen Familie sich stabilisiert hat und das Kind zurückziehen kann.

Barbara zieht bei der Familie Aeby ein. Sandra denkt: «Kann ich das, Mutter einer Tochter sein?» Bislang ist sie eine Bubenmama. Sie kann es, Sandra ist euphorisch. Nils und Basil nennen Barbara ihre Schwester. Sie spielen und streiten. Manchmal gibt es Eifersucht, dann fallen Worte wie: «Mami, warum hast du die ins Haus geholt?» Dann sagt Sandra: «Ihr habt Ja dazu gesagt, sie gehört zu uns, darüber gibt es keine Diskussion.»

Gefordert, aber nie überfordert

Nach einer Weile ist Sandra erschöpft. Es braucht seine Zeit, bis aus einem fremden Kind ein Familienmitglied wird, alle müssen sich anpassen, das braucht Kraft. «Ich war gefordert, aber nie überfordert.»

Regelmässig kommt eine Sozialarbeiterin von Familea bei den Aebys vorbei. Einmal im Monat findet ein Treffen von Pflegeeltern statt, begleitet von einer Fachperson. Dort können Pflegeeltern Fragen stellen, Sorgen besprechen, Lösungen suchen. Sandra bespricht «jeden Hafenkäse». Das gibt ihr Halt.

Barbara geht regelmässig über das Wochenende zu ihrem Mami. Auch Sandra und Claude stehen in Kontakt mit ihr. Die Beziehung ist gut, sie fassen gegenseitig Vertrauen. Barbaras Mami sagt einmal zu Sandra: «Wir haben zusammen eine Tochter.»

Barbara nennt Sandra «Sandra», Claude «Papa», einen leiblichen Vater gibt es nicht, ein Mami schon.

Kein Scheidungsverbot für Pflegeeltern

Manchmal möchte Barbara am Sonntag nicht zurück in die Pflegefamilie. Sie weint: «Ich will zum Mami.» Dann tröstet Sandra sie, obwohl sie innerlich verletzt ist. «Ich muss die Grosse sein, meinen Schmerz zurückstecken.»

Es ist der Schmerz einer Mutter, Ausdruck einer Liebe, die stärker ist, als Sandra Aeby es erwartet hat. «Ich liebe Barbara wie meine eigenen Kinder. Sie ist meine Tochter. Sie gehört dazu.» So ist das Leben: Es ist anders, als man denkt. Und das ist gut so.

2016 trennen sich Claude und Sandra. Claude zieht aus, die Buben und auch Barbara gehen ihn regelmässig besuchen. Sandra hat Angst: «Was, wenn sie uns deswegen Barbara wegnehmen?» Barbara bleibt. Es gibt kein Scheidungsverbot für Pflegeeltern.

Im Sommer 2018 geht Barbara in ein Klassenlager. Sie warnt ihre Pflegemutter: «Wehe, wenn du weinst beim Abholen.» Sandra Aeby vermisst ihre Tochter wahnsinnig. Und weint beim Abholen vor Freude. Doch Barbara, die jahrelang kein einziges Mal geweint hat, weint nun auch. «Unsere Liebe hat eine neue Dimension erreicht», sagt Sandra.

Ein Wettrennnen gegen die Pubertät

Manchmal denkt sie: «Es läuft so gut, wann fangen die Probleme an?» Vielleicht, wenn Barbara in die Pubertät kommt. Sandra führt einen Wettlauf gegen die Zeit. «Bis zur Pubertät muss die Bindung zwischen Barbara und mir so stark sein, dass sie ‹verhebt›. Damit sie hält, bis Barbara erwachsen ist.»

Eine andere Zukunft kann sich Sandra Aeby nicht vorstellen, eine ohne Barbara. Deshalb verdrängt sie Gedanken an eine Rückführung. An die Möglichkeit, dass Barbara irgendwann ausziehen könnte, Vollzeit zu ihrem Mami. «Wenn ich daran denke, bekomme ich Bauchweh», sagt Sandra.

Sandra wünscht sich, dass mehr Leute in der Region Pflegekinder aufnehmen. Es herrscht Mangel. Es gibt zu viele Kinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können, und zu wenige Eltern, die sie aufnehmen. Sandra, Claude, Nils, Basil, Barbara und Barbaras Mami haben Wurzeln geschlagen und sie miteinander verknotet. Damit sie zusammenhalten, wenn ein Sturm kommt.

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