Im virtuellen Hotel Vue des Alpes ist Perfektion und Langeweile garantiert

Der Februar ist ein trister Monat voller Langeweile. Da bleiben wir doch am liebsten daheim und reisen bloss virtuell in eine menschenleere Berglandschaft.

Egal, wo man hinschaut: eine perfekte Bergidylle.

(Bild: Studer/van den Berg)

Der Februar ist ein trister Monat voller Langeweile. Da bleiben wir doch am liebsten daheim und reisen bloss virtuell in eine menschenleere Berglandschaft.

Es ist wieder Februar – der «Weder-noch-Monat». Dieser Abschnitt des Jahres bietet weder flauschigen Schnee noch herrlichen Sonnenschein – einfach nur langweilig. Wo kann man sich in solch tristen Tagen ein schönes Wochenende machen? Am besten an einem Ort, wo die Durchschnittstemperatur konstant bei 24° liegt, die Sonne immer scheint und wo man ausserdem kostenlos übernachten kann. Im Hotel Vue des Alpes ist das möglich. Und das Beste daran: Man muss dafür die eigene Wohnung, nicht einmal das Bett verlassen. 

Die Reise in dieses Berghotel geschieht nämlich online. Es handelt sich um ein Projekt der Künstler Monica Studer und Christoph van den Berg. Das virtuelle Hotel gibt es seit 17 Jahren. Seither scheint die Zeit im Haus und der umliegenden Landschaft stehengeblieben zu sein. Der Hotel-Stil entstammt den Siebzigerjahren, die Berglandschaft ist von Bebauungen verschont geblieben.

Für das Kunstprojekt wurde kein fotografisches Material verwendet, stattdessen haben die Künstler die pittoreske Landschaft mit einer 3D-Software zusammengestellt. In unterschiedlichen Ausstellungskontexten wurde das Hotel Vue des Alpes auch auf räumlichen und bildlichen Ebenen gezeigt

Immer schön den Pfeilen folgen

An einem Sonntagnachmittag mache ich es mir mit einem Kaffee unter der Bettdecke gemütlich, um mich in der virtuellen Welt des Hotels umzusehen.

Das Einchecken geschieht ohne menschlichen Kontakt, die Rezeption auf dem Bildschirm ist gespenstisch leer – nur ein Tresen und ein Gästebuch sind sichtbar. Ich fühle mich wie ein Kind, das sich in die vermeintlich endlose Welt einer Computerrealität stürzt. Kaum habe ich den Zimmerschlüssel erhalten, erscheint dieser in der unteren Ecke des Bildschirms. Praktisch, man kann ihn weder verlieren noch verlegen.



Der Besuch im Vue des Alpes ist auch eine Zeitreise in die 70er-Jahre.

Der Besuch im Vue des Alpes ist auch eine Zeitreise in die 1970er-Jahre. (Bild: Studer/van den Berg)

Instinktiv begebe ich mich als Erstes in mein Zimmer – als würde ich dort mein nicht vorhandenes Gepäck abstellen wollen. Ich öffne die Tür und befinde mich vor einem klassischen Hotelzimmer mit Doppelbett, Schreibtisch, Fernseher und Teppichboden. Durch ein riesiges Fenster blicke ich auf ein Bergpanorama.

Und nun? Ich klicke mich von meinem Zimmer zum Ausgang. Immer schön den schwarzen Punkten und Pfeilen folgen, dann kann nichts schiefgehen. Die Landschaft ausserhalb des Hotels strahlt in virtueller Vollkommenheit. Zwar führt der Weg zur Gondelbahn über eine Baustelle, doch selbst die ist sauber und gepflegt.

Komplette Einsamkeit

Der Wiedererkennungswert ist gross: Die schmalen Bergpfade, das umliegende Grün, die endlosen Bergketten – all das hat der Durchschnittsschweizer schon gesehen. Der Unterschied zur Realität ist jedoch frappant: Es gibt hier nämlich viel Platz. Mir kommen keine Wanderer entgegen und in der Gondelbahn muss ich nicht mühsam um den besten Platz kämpfen. Mit dem Check-in habe ich mir nicht nur mein eigenes Zimmer, sondern auch komplette Einsamkeit ergattert.

Mit der Gondelbahn fahre ich zum Gleissenhorn. Dort oben stehe ich dann eine Weile. Schaue auf den einen schneebedeckten Berg und den anderen schneebedeckten Berg. Ich drehe mich einmal im Kreis, um dort wieder einen schneebedeckten Berg anzuschauen. Bei jedem Klick dreht sich die kleine Sanduhr in der linken Ecke – die Zeit vergeht in der virtuellen Bergwelt langsamer.

Wieder unten angekommen, klicke ich mich zum nahe gelegenen See. Auf minimalistischer Basis entsteht dort etwas Aufregung. Denn um den See zu überqueren, steht ein Tretboot zur Verfügung. Anstatt zu klicken, muss ich nun die Maustaste gedrückt halten und den Pfeil im Kreis drehen. Ziemlich flott paddle ich von Ufer zu Ufer.

Noch langweiliger als die Realität

Wer nun glaubt, die Virtualität vereinfacht dem Besucher den Rückweg ins Hotel, liegt falsch. Es gibt keinen magischen Retour-Knopf, der einen ins Zimmer beamt. Der Besucher muss sich Schritt für Schritt zurückklicken – weniger eine gute Kondition, sondern viel Geduld ist hier gefragt.

40 Minuten sind vergangen. Es ist Zeit, meine realen Beine im realen Leben ausschütteln. Zudem ist mir ein bisschen langweilig geworden vom ganzen Rumstehen und Anschauen. Das Hotel Vue des Alpes ist noch langweiliger als die Realität: keine Menschen, keine Tiere, keine Düfte, keine Geräusche.

Ich öffne mein Küchenfenster und betrachte den Busverkehr unter dem grauen Himmel. Wirklich spannend ist das auch nicht. Ich nehme meinen Kaffee, krieche wieder unter die Bettdecke und begebe mich zurück in die virtuelle Bergwelt. Hier wird die Eintönigkeit nicht bekämpft, sondern ermöglicht. Einen wirklichen Ausflug in die Berge kann das Hotel Vue des Alpes nicht ersetzen – aber charmanter als das Februar-Wetter ist es allemal.

  • Stehen, schauen: Am Besten auf dem Gleissenhorn.
  • Essen: Essen? Wir befinden uns hier ausserhalb von Raum und Zeit. Hier gibt es kein Essen.
  • Schlafen: Dito.
  • Nicht vergessen: Die Mangobar im Keller – mit Dancefloor und Discokugel!

Konversation

  1. Das ist ja das Problem, Hans. Die Autorin hat die Nichtigkeit dieses jahrhundertealten „Kunstprojekts“ erkannt und dennoch einen Text dazu veröffentlicht.

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  2. Als Leser fühle ich mich hier verschaukelt, und das als recht, nachdem ich diesen Quatsch ausprobiert habe. Eine Grafik wie in den 90ern, null Spielspass, völliger Blödsinn. Ein Artikel und ein Thema ohne den Hauch von Relevanz oder Unterhaltung. Wie kann sowas auch noch als Aufmacher auf der Home landen?

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