Jana Keller rettet Räupli und kleidet Businessfrauen chic ein – in ihrem Laden ist das kein Gegensatz

Jana Keller bemüht sich um fairere und umweltfreundlichere Produktionsbedingungen in der Modebranche. Doch viele Händler und Produzenten lassen sich nicht mitreissen. Jetzt hat die Birsfelderin ihren eigenen Concept Store an der Gerbergasse aufgemacht.

Jana Kellers grösste Inspirationsquelle ist die Natur.

(Bild: Nils Fisch)

Wenn man Ökomode hört, denkt man schnell mal an flatternde Pumphosen in Okkerfarben und riesige Amulette, so im Stil von Althippie Frankie aus der amerikanischen Netflixserie «Grace and Frankie». Ihre modebewusste Mitbewohnerin – gestandene Geschäftsführerin eines Kosmetikunternehmens – schämt sich immer wieder für Frankies Outfits: 




Finde den Öko-Hippie. (Bild: ©Netflix)

Nein, mit so Ökofummeln muss sich Frau in der Geschäftswelt jetzt echt nicht sehen lassen.

Natürlich kann man über Sinn und Unsinn von Kleidernormen in der Geschäftswelt debattieren. Soll doch flattern, wer flattern will. Nur: Was, wenn Frau Mode mag und trotzdem Rücksicht auf die Näherinnen und die Umwelt nehmen will? 

Diese «metropolitanen» Frauen hat Jana Keller im Hinterkopf, wenn sie Kleider und Schmuck entwirft. «Es gibt kaum chice Mode für Businessfrauen, die nachhaltig ist», sagt sie. Zwar gibt es je länger je mehr Labels, die umweltfreundliche Kleider anbieten. «Doch oft fehlt das gewisse Etwas.» Man finde simple Bekleidung, aber nicht viel mehr.

Ohne Kinderarbeit und ohne Gifte

Jana Keller will mehr. Seit elf Jahren entwirft sie für ihr Label «Royal Blush» Accessoires und Mode. Nun hat sie am 1. März einen Laden an bester Lage in der Gerbergasse eröffnet. Das Konzept: Im «Royal Blush & Friends» ist jedes Teil nachhaltig, egal, ob es aus Kellers eigener Kollektion stammt oder ob es sich um eine eingekaufte Marke handelt.

Es ist ein Bijou von einem Laden. Nicht so clean und cool, wie es viele Hipster mögen, sondern warm und einladend. An der schwarz gestrichenen Wand hängen Lederanhänger in Blätterform an feinen goldenen Messingketten, die mit pinkem Tape an der Wand befestigt sind. An schlichten hölzernen Kleiderständern hängen Blusen und Cardigans.

Jana Keller zupft eine beige Bluse hervor. Der Stoff erinnert an Leine – ein beliebter Stoff bei klassischen Ökofreaks – doch wenn man ihn anfasst, fühlt er sich feiner an, und der Schnitt ist schmal und gerade wie bei einer Business-Bluse. «Ich mag diesen Bruch zwischen Naturmaterial und supermodern», sagt Keller. Die Bluse besteht aus einem Gemisch aus Bio-Baumwolle und Peace-Silk, zu Deutsch: «Friedens-Seide». Friedlich deshalb, weil die Cocons erst gekocht und zu Seide verarbeitet werden, wenn die «Räupli» geschlüpft sind. 

Die Produzenten brauchen Nerven

Die Seidenraupen bedeuten Jana Keller viel, ebenso wie die Rinder. Das Leder ihrer Gürtel und Armbänder stammt von Tieren aus Europa. Ausserdem ist es pflanzengegerbt, also ohne giftige Chemikalien. Jana Keller kontrolliert das selber – und das ist oft ein riesen Chrampf. «Was ich eins in der Welt herumtelefoniere und nachfrage, um sicherzustellen, dass alle Materialien fair produziert worden sind», sagt sie. «Meine Produzenten finden mich sicher nervig.»




Die Knotengürtel gehören zu Jana Kellers Lieblingsteilen. Und zu ihrem Markenzeichen: Mit ihren Accessoires aus Leder und Seilen hat sie sich weltweit einen Namen gemacht. (Bild: Nils Fisch)

Beispielsweise bei den Espadrilles. Diese werden in Spanien handgenäht und -geflochten. Als Keller die geeignete Firma dafür suchte, landete sie bei einem Unternehmen, das solche Sommerschühchen für eine der bekanntesten Luxusmarken der Welt herstellt. Die Firma versprach: «Klar, bei uns ist alles umweltfreundlich, auch das Leder.»

Keller gleiste alles auf, doch bevor sie unterschrieb, fragte sie noch einmal nach: «Ist das Leder wirklich pflanzengegerbt?» Die Firma konnte ihr keine genaue Auskunft geben, Keller bohrte nach, bis sie herausfand: «Das Leder ist chemisch gegerbt und stammt von chinesischen Schweinen. Die Gefahr, dass diese nicht tiergerecht gehalten werden, ist gross.» Also suchte Keller einen anderen Zulieferer. Keller sagt: «Prestigeträchtige Marken verkaufen ihre Espadrilles für ein Vielfaches von dem, was ich verlange, aber sie scheinen kaum auf die Umwelt zu schauen.»

Dieses Beispiel zeigt: Zwar redet momentan alle Welt von nachhaltiger Mode, doch sie ist alles andere als etabliert. Deshalb bedeutet es für diejenigen, die wirklich faire Produkte anbieten wollen, einen grossen Aufwand. Keller arbeitet schon lange an einer Lösung für dieses Problem: Im Jahr 2009 gründete sie in Deutschland «Greenshowroom», eine Messe für Mode, die fair und nachhaltig produziert wurde. Einkäufer von Modeläden können dort die Ware bestellen, die sie dann in den Shops verkaufen.



Haben wir schon erwähnt, dass Schauspielerin Jessica Alba ein gelbes Lederarmband von Royal Blush besitzt?
Haben wir schon erwähnt, dass Schauspielerin Jessica Alba ein gelbes Lederarmband von Royal Blush besitzt? (Bild: Nils Fisch)

Das Konzept hat Erfolg, aber nicht genug. Zwar stösst die Messe bis heute auf Interesse und wird gut besucht, doch die Händler sind inkonsequent. «Sie kaufen zwar nachhaltige Labels ein, aber eben nicht nur. Die umweltfreundliche Bluse hängt dann im Laden neben einem Gürtel mit Leder aus China.» Das frustriert Keller, denn ihre Vision ist eine grössere: «Ich wünsche mir, dass Läden nur noch umweltfreundliche Mode anbieten.»

Revolution im Kleinen

Das gibt es kaum, also eröffnete Keller nun selber einen solchen Concept Store, in dem jedes Teil nachweislich aus fairer Produktion stammt. Keller garantiert das so: Bei den Stücken ihres eigenen Labels «Royal Blush» überprüft sie jeden einzelnen Produktionsschritt selber. Von «Fremdmarken» verkauft sie nur Teile, die entweder GOTS– zertifiziert sind oder von Produzenten stammen, die sich selber organisieren und faire Löhne erhalten. Das ist zum Beispiel beim Kaschmirschal aus Indien der Fall, der im Schaufenster hängt. Die Wolle stammt von einem Kollektiv von 150 Frauen, die mit ihrem Einkommen das Schulgeld ihrer Kinder zahlen können. 

Klingt nach einer grossen Sache, doch für Keller ist sie noch nicht gross genug: Sie träumt davon, mehrere Läden in verschiedenen Städten der Welt zu haben. Alle von A bis Z umweltfreundlich und fair, natürlich. So will sie ihren kleinen Beitrag an eine bessere Welt leisten. «Wir Menschen realisieren nicht, wie viel Macht wir haben – als Geschäftsfrauen oder als Kundinnen. Wenn wir das einmal realisiert haben, können wir sehr viel erreichen.» 

_
Donnerstag, 23. März, ab 17 Uhr: Eröffnungsfeier mit Bio-Apéro im Royal Blush & FriendsGerbergasse 70, Basel

Konversation

  1. Frau Keller und ihre Ideen in Ehren, aber richtig „nachhaltig“ wäre es doch auf den Kauf von neuen Kleidern einfach zu verzichten…

    Danke Empfehlen (0 )
  2. Vielen Dank Frau Keller! Ich bin quasi ihre Zielgruppe. Ich freue mich jetzt schon auf meinen ersten Besuch im Laden. Vielleicht gibt es sogar vegane Produkte?

    Danke Empfehlen (0 )
  3. Ihr Enthusiasmus, Frau Keller, keine Schwärmerei. DIE ZUKUNFT, wie sie auch in Afrika mehr und mehr sichtbar wird: Abschied von eingrenzenden Dogmas!

    Danke Empfehlen (0 )
Alle Kommentare anzeigen (4)

Nächster Artikel