Katrin Leumann: Entweder jetzt oder nie mehr

Herausgefordert im 2013: Katrin Leumann hängt mit 30 Jahren ihren bürgerlichen Beruf vorübergehend an Nagel und setzt voll auf die Karte Sport und Mountainbike. Mit einem klaren Ziel: eine olympische Medaille in dreieinhalb Jahren.

(Bild: zvg)

Herausgefordert im 2013: Katrin Leumann hängt mit 30 Jahren ihren bürgerlichen Beruf vorübergehend an Nagel und setzt voll auf die Karte Sport und Mountainbike. Mit einem klaren Ziel: eine olympische Medaille in dreieinhalb Jahren.

Andere Leistungssportler beginnen mit 30 darüber nachzudenken, was aus ihnen nach der aktiven Zeit werden soll. Katrin Leumann hat sich mit 30 dafür entschieden, Profi zu werden. Schon heute ist die Riehenerin eine der erfolgreichsten Montainbike-Fahrerinnen der Schweiz. Jetzt macht sie aus ihrem Halb-Amateur- oder, wenn man will: Semi-Profi-Dasein einen Full-Time-Job.

Am 14. Januar beendet sie ihren 50-Prozent-Job als Kindergärtnerin in Riehen, und noch am Abend des selben Tages bricht sie mit einer Nationalmannschaftskollegin auf zu einem dreiwöchigen Trainingslager in Südafrika. Aus einer halben Sache wird Ernst. Oder, wie Katrin Leumann, es ausdrückt: «Entweder jetzt, oder nie mehr.»

Seit zwei Jahren fährt Katrin Leumann im «Ghost Factory Racing Team», dem Werksteam eines Rahmenbauers aus dem bayrischen Waldsassen. Voll auf den Mountainbikesport zu setzen macht sie keineswegs zu einer wohlhabenden Frau. Das Salär vom Sponsor, die Unterstützung, die sie als Swiss Olympic Top Athlet geniesst sowie der Zustupf vom Kanton Basel Stadt versetzt sie in die Lage, ihre Lebenshaltungkosten bestreiten zu können. Das Einkommen ist, sagt sie, immer noch weniger als ein 100-Prozent-Job als Kindergärtnerin.

Der neue Trainer ist ein Medaillenschmied

Aber das spielt bei jemandem, der eine Leidenschaft zum Lebensinhalt macht, auch nur eine nachgeordnete Rolle. Katrin Leumann will es wissen, und dafür verzichtet sie auf eine gewisse finanzielle Sicherheit. Rio de Janeiro und die Olympischen Spiele sind das grosse Fernziel, auf das sie zusteuert. Ausdauersportler erreichen zwischen 30 und 35 Jahren, manchmal sogar noch später ihr bestes Alter, und so sagte sie sich: «Das ist ein guter Zeitpunkt.»

Im vergangenen Sommer, bei einem Camp für Nachwuchstalente in Davos, hat sie sich mit Andi Seeli, ihrem Entdecker und langjährigen Trainer, ausgetauscht, wie es weiter gehen soll. «Er wusste auch nicht, ob er mich weiterbringen kann», erzählt Leumann.

Der Mann, der sie nun schneller machen soll, geniesst einen exzellenten Ruf in der Schweiz: Nicolas Siegenthaler, Trainer von Aushängeschild Nino Schurter, dem Silbermedaillengewinner von London. Der Bieler Siegenthaler, gerade von Swiss Olympic zum «Elite-Trainer des Jahres» gekürt, soll jene Komponente stärken, die Katrin Leumann bislang vernachlässigt hat: die Kraft.

Mit Krafttraining noch mehr herauskitzeln

Im Mountainbike sind die Strecken kürzen geworden, die Rennen ebenfalls. Wurden früher Runden à zehn Kilometer gefahren und dauerten Rennen zwei Stunden, sind die Runden heute auf vier bis fünf Kilometer und die Rennen auf eineinhalb Stunden begrenzt. Telegener eben, seit der omnipräsente Sponsor Red Bull mit seinem TV-Sender in die Verbreitung von Mountainbike-Bildern eingestiegen ist.

Kurze Anstiege, auf denen man spritzig sein muss – das ist eine der Anforderungen an die Mountainbikerin der Moderne. Bei der Leistungsdiagnostik in Magglingen wird Katrin Leumann vermittelt, dass sie in der richtigen Sportart zuhause ist, nun will sie ihren 1,75 Meter grossen Körper dahin bringen, die physischen Voraussetzungen auch effizient zu nutzen und das Stehvermögen zu erhöhen. Das bedeutet Krafttraining, ohne wie eine Bodybuilderin auszusehen und unnötige Muskelmasse den Hügel hinauf zu wuchten.

Anfang Dezember hat sie die Zusammenarbeit mit ihrem neuen Trainingsexperten aufgenommen, sie verspricht sich viel von den neuen Reizen, die gesetzt werden, und auch wenn sie Auswirkungen nicht von heute auf morgen erwartet, ist sie gespannt und sagt: «Ich bin guten Mutes.»

Der EM-Titel 2010 als Signal

Und das in einer Sportart, die zwar nicht den ruinierten Leumund wie der Strassenradsport hat, aber beileibe nicht frei von Dopingskandalen ist. Für die Baslerin gab es einen einschneidenden Moment nach Jahren des Zweifels: der Europameisterschaftstitel 2010. «Das war eine Erlösung für mich, der Titel hat mir gezeigt, dass es ohne Doping geht. Und das gibt mir Kraft.»

Auf Platz 10 in der Weltrangliste der Frauen steigt sie in ihre erste Vollprofisaison. Die Eltern, ihr Freund in Rapperswil-Jona, ihre Teamkollegen bei Ghost – alle begrüssen ihren Schritt, «dass ich es wage, dass ich mich getraue», sagt Leumann. Sie verspricht sich weniger Stress, den es bisher mit sich gebracht hat, wenn Berufsleben und Leistungssport unter einen Hut zu bringen waren: «Das war manchmal fast zu viel.» Nach dem ersten Weltcuprennen im Mai wird eine erste wichtige Wegmarke die Heim-EM im Juni in Bern sein.

Abschied im Glögglihof und die Fasnacht

Am 12. Januar wird der Fussballfan Katrin Leumann auf Einladung des Kantons im Joggeli sitzen, wenn der FCB gegen Bayern München spielt. Am 13. Januar startet sie in Steinmaur bei den Schweizer Meisterschaften im Querfeldeinfahren, und tags darauf, am 14. Januar, sagt Katrin Leumann «Adie» im Kindergarten Glögglihof, Es wird ein wehmütiger Moment für die Primarlehrerin, auch wenn Abschied nehmen von Kindern nach einer gewissen Zeit zum Beruf gehört.

Nach dem Trainingsaufenthalt zurück In Basel wird sie ihren 31. Geburtstag feiern und eine Woche später mit ihrem Piccolo am Morgestraich marschieren. Die Klarinettistin, die im Ensemble Beaufort spielt, hat in den letzten Jahren oft auf die Basler Fasnacht verzichtet, weil sie die Ferientage zum Training nutzen musste. Umso mehr freut sie sich nun auf diese Ausnahme von der Regel. Und anschliessend auf einen neuen Lebensabschnitt, der ein klares Ziel hat: eine Medaille in Rio de Janeiro.

 

GHOST Factory Racing Team – Katrin Leumann im Video-Portrait from GHOST-Bikes GmbH on Vimeo.

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