Kinder, ab ins Bewegungszimmer!

Draussen spielen war gestern. Heute sollen Kinder in speziellen Zimmern in Bewegung gebracht werden. Das Modell – eine Koproduktion von Basler Behörden, Forschern und Ikea – ist innovativ. Und fragwürdig.

Das ideale Bewegungszimmer (nach Vorstellung unserer Bildredaktion). Doch Vorsicht beim Nachbauen: Je nach Grösse des Kinderzimmers lassen sich Probleme nicht ganz ausschliessen. (Bild: Nils Fisch)

Draussen spielen war gestern. Heute sollen Kinder in speziellen Zimmern in Bewegung gebracht werden. Das Modell – eine Koproduktion von Basler Behörden, Forschern und Ikea – ist innovativ. Und fragwürdig.

Dumm, dick und aggressiv: So beschreibt Manfred Spitzer, der bekannte deutsche Hirnforscher und Buchautor unsere Jugend. Schuld daran seien, na klar, Computer, Playstation, TV und so weiter.

Und Spitzer ist längst nicht der einzige, der so redet.

Nun gut, könnte man als Erwachsener sagen. In dem Fall müssen die Kinder ihre «Grätli» eben mal abschalten und rausgehen. An die frische Luft, spielen.

Das Problem ist, dass die Strassen in der realen Welt aber oft noch gefärlicher sind als jene in der virtuellen Spielwelt mit all ihren Bösewichten und sonstigen Bedrohungen.

Also bleiben die Kinder daheim. An ihren Geräten.

Dagegen will das Basler Erziehungsdepartement (ED) nun mit dem Institut für Sport und Sportwissenschaften der Universität Basel und Ikea etwas unternehmen. Gemeinsam präsentieren sie ein so genanntes Bewegungszimmer.

Das ist ein Kinderzimmer, in dem die Möbel und Utensilien so angeordnet sind, dass sich die Kinder zum Schaukeln, Balancieren und Klettern animiert fühlen, wie einer Pressemitteilung zu entnehmen ist.

Eine Weltneuheit

An diesem Sonntag kann das – Irrtum vorbehalten – weltweit erste Bewegungszimmer dieser Art begutachtet werden – in der Ikea in Pratteln, versteht sich.

Es ist ein unbestritten innovatives Projekt. Eines aber auch, das Fragen aufdrängt.

Erstens: Ist es eine Staatsaufgabe, einem bestimmten Möbelhaus mithilfe einer solchen Aktion zusätzliche Kunden zuzuführen?

Antwort aus dem Erziehungsdepartement: «Wir machen keine Werbung. Das hätte Ikea auch gar nicht nötig. Die Leute gehen am Sonntag sowieso dorthin», sagt Oliver Schwarz, Leiter Sportförderung im ED. Umso wichtiger sei die Aktion für das Sportamt: «Auf diese Weise bekommen viele Familien unsere Botschaft mit: wie wichtig Bewegung ist und wie einfach sie auch daheim garantiert werden kann.»

Zweite Frage: Wäre es nicht besser, dafür zu sorgen, dass die Kinder draussen wieder besser spielen könnten als die Kinderzimmer aufzurüsten?

Eine naive Frage offenbar, wie Schwarz zu verstehen gibt: «Die Realität ist nun mal, dass viele Kinder gerade in einer Stadt wie Basel immer mehr Zeit daheim verbringen.» Und am «Grätli» sitzen. «Es sei denn, sie können ihren natürlichen Bewegungsdrang ausleben», wie er sagt. Dafür brauche es nicht einmal viel: «Wichtig ist vor allem der Platz, der möglichst unverstellt bleiben sollte.»

Will heissen: In einem oder anderen Haus gibt es wohl jetzt schon eher zu viele als zu wenige Spielsachen. Wahrscheinlich wird man sich bei der Ikea aber trotzdem freuen, wenn am Sonntag die eine oder andere Zimmer-Schaukel, der eine oder andere Krabbelwurm zusätzlich verkauft wird.

Konversation

  1. Was da vorgestellt wird, kann meiner Ansicht nach – pardon – höchstens als sehr beschränkt anhaltende Lachnummer durchgehen. Nachdem alles, was mit Bewegung oder Nichtbewegung von Kindern zu tun hat, gerade auch von Leuten wie Spitzer, der Internationale der Pharmaindustrie und, jaja, Sportfunktionären in die Kategorie von behavoristischer Weltbeglückungsideologiebeschwörung versenkt worden ist (Spitzers angeblich 200 berücksichtige Studien sprechen da eine ganz eigene Sprache!), kommen nun die amtlichen Kindheitsbeglücker vom Basler Sportamt mit IKEA zusammen und produzieren ein Bewegungszimmer.
    Es wundert mich eigentlich nur, dass Nestlé und die „Kinderüberraschungsei“ -Zuckerindustrie sowie die Schockoriegel-Ritter noch nicht auf der Sponsorenliste des Basler Erziehungsdepartements auftauchen. Die bräuchten ja, wie IKEA, auch keine staatliche Hilfe bei der Zuführung von Kunden, denn dank ihrer PR-Maschinen sind sie bereits allgegenwärtig, also als „Koproduzenten“ der „gesunden“ Kinderbeeinflussung geeignet.
    Aber das ist wohl bloss eine Frage der Zeit.

    Während ich hier schreibe, tollen auf der anderen Strassenseite in meinem Berliner Kitz Alt Tempelhof Dutzende Kinder einer grossen staatlichen KITA im Schnee, bewegen sich, und zwar miteinander, erfinden Spiele, klettern auf die im grossen Garten stehenden Geräte, angeregt durch Erzieherinnen und Erzieher – wie jeden Werktag. In Berlin stehen den Kindern und ihren Eltern jeglicher Couleur mehrere Tausend KITAS mit angepassten Kostenfaktoren für ALLE zur Verfügung
    (hier als Beispiel der Link zu den Einrichtungen allein in Tempelhof-Schöneberg, der etwa 280’000 Einwohner zählt: http://www.berlin.de/sen/familie/kindertagesbetreuung/kita_verzeichnis/anwendung/listekitas.aspx?BezNR=07),
    und sie werden von der überwiegenden Mehrheit der Familien mit Kindern genutzt. Kinder bewegen sich in diesen Einrichtungen tagsüber in einem sozialen Milieu. Bewegung im Kindheitsalter ist nicht blosses Zappelheinitum, welchem man allenfalls mit Hilfe von Ritalin oder ähnlichen Substanzen sowie mit einem asozialen , allein auf eine individuelle „Bewegungsentlastung“ eingerichteten Kinderzimmer mit IKEA-Plastik einen angeblich „vernünftigen Rahmen“ geben „muss“, sondern vor allem Ausdruck körperlicher und mentaler Lernschritte, die überwiegend im sozialen Rahmen stattfinden. Wie lernt ein Kleinkind beispielsweise das Gehen ? Wie lernt es das Sprechen ? Wie lernt es, zu kommunizieren?
    Eben!

    Nebst dem von mir bloss angetönten soziokulturellen und lernkulturellen Unsinn, den dieses Projekt ohne Zweifel darstellt, ergeben sich allerhand praktische Fragen:
    Etwa:
    Wo stellt man denn diese Bewegungsplastiken auf ? In Basel – wie auch in allen vergleichbaren und grösseren Städten – leben weit über Dreiviertel der Familien oder der Patchworkgebilde mit Kindern in Mietwohnungen, deren Quadratmeterzahl Plastikgebilde von der im Artikel abgebildeten Größe schlicht nicht zulassen.

    Oder:
    Was macht man mit all dem Plastikzeug, wenn die Kinder dem Krabbel- und Kletteralter entwachsen sind ? Da winkt dem Staat dann eine neue Entsorgungsaufgabe, um Littering – in den Langen Erlen oder meinetwegen im Schwarzwald und so weiter – vorzubeugen.

    Und so weiter.
    Lachnummer ?
    Ja. Aber mit Folgen.

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  2. Ob Fasnachtssujet oder nicht: Egal! Unwichtig!

    Wichtig ist nur, dass, wie Sie schreiben, „bloss das Hamsterrad fehlt.“ Da haben Sie meine volle Zustimmung.
    MfG

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  3. Ein tolles Fasnachtssujet: Sportbeamte, assistiert von Sportwissenschaftern und Möbelhausvertreterinnen geben im Show-Bewegungs-Kinderzimmer amtliche Fachberatung.

    Die Adoption der krankhaften US-Haftungsausschlussmentalität treibt uns stetig näher der Verblödung zu. Spielgeräte-Einheitsramsch macht kein Kind glücklich. Soll es auch nicht: Es soll trainieren. Das EU-genormte und SUVA-konforme Spielgerät, ob aus Plastik oder aus umwelt- und sozialverträglich angebautem Holz, ist eine Beleidigung des kreativen Eifers der Kinder. Zuerst sah man die farbigen Ein-Meter-fünfzig-Rutschbahnen und Plastichüsli in Schuhgeschäften, Arztpraxen und Restaurants, dann wurden sie ins Freie gestellt und verunstalten mittlerweile jedes noch so mickrige Privatgärtlein. Und nun mutieren sie zu Liliput-Fitnessparcours. Es fehlt bloss das Hamsterrad. Kinder brauchen Platz, die kleinen Wasser, Dreck und der gleichen, die Älteren etwas Rundes zum Nachrennen. Und eine uneinsehbare Stelle, – da ertönt bereits der Aufschrei besorgter Obhutspersonen – wie man sie beispielsweise Schildkröten selbstverständlich zur Verfügung stellt. In jeder Schweizer Stadt ist ein Wald oder Park von überall her in einer Viertelstunde per ÖV erreichbar. Glücklich die Kinder, die einen Waldkindergarten besuchen dürfen. Leider liefert die amtlich geschürte Zeckenhysterie Betreuungspersonen einen guten Grund, sich nicht bewegen zu müssen. Sollte dann tatsächlich mal eine Zecke anbeissen, ist sie erstens ohne weiteres zu entdecken und zweitens mit einer flachen Pinzette leicht herauszudrehen – und schon ist das Nahtoderlebnis erfolgreich bestanden.
    Vielleicht sollten aber erst einige Sportwissenschafter und Sportbürokraten freigestellt und in den Wald geschickt werden.

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  4. Ich frage mich, ob man nicht irgendwie in Erfahrung hätte bringen können, wie viel IKEA-Aktien „MS“ besitzt.

    Kommt hinzu, in welchem Zimmer in einer z.B exakt von den Behörden zugeteilte sogenannte Notwohnung das abgebildete „Monstrum“ Platz haben könnte? Wo doch teilweise schon eine „Platzbeschränkung“, etwa 2 noch Schulpflichtige Kinder in einem Zimmer, durchgesetzt wird. Möglicherweise mit den Schlafplätzen auf dem Boden unter dem Gestell und für die Schulaufgaben klettern sie dann halt auf das „Gerüst“, sozusagen als frühzeitige „Berufsvorbereitung“?

    Doch es gibt ja nicht nur die körperliche Unbeweglichkeit. So etwa wenn sich jemand dahingehend äussert, dass das Erziehungsdepartement „keine Werbung mache, da das Ikea auch gar nicht nötig habe“,

    Und wieso pflastert dann IKEA trotzdem fast die ganze Welt mit absatzfördernder Reklame zu? Wie wär’s mit etwas „Gehirn-Jogging“? Es gibt da ganz passable Computerprogramme.

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  5. Ich fragr mich aber auch: immer ist von der Jugend die Rede, die zu fett, zu träge und zu aggressiv sei. Um dem abzuhelfen wird nun einen solchen Spielplatz ins Zimmer gestellt (wer auch immer Platz dafür hat). Ich sehe aber keine 11 bis 16 jährigen, auf diesem Ding da zu Hause rumklettern und genau diese Altersgruppe sitzt vor den „Grätli“. es sollte nich nur über sie Jugend gemotzt werden und dann etwas fùr Kinder gemacht werden. Bin dann mal gespannt, wenn es eine Skateanlage und eine paintballanlage fürs Kinderzimmer gibt…

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  6. Jede Generation hatte in der Kindheit irgend etwas neumodisches, das von verknöcherten Greisen als Schuldiger an der angeblichen Verblödung der Jugend hingestellt wurde. Schundromane, Rock’n’Roll, Comics, Fernsehen, Walkman, Gameboy und heute eben das Smartphone. Fällt euch noch mehr ein? Was war zu eurer Zeit in den Schullagern verboten?

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  7. wieder einmal inkonsequent –
    dieses hochkreative intelligenz fördernde spiel gehört in den zolli wie alle kinder – in der dritten welt in die fabrik – bei uns in den zolli.
    da kann mann sie auch kontrolliert für die chemischen abrichten, sei es als arbeitssklaven oder experimentierchen hauptsache man sieht sie nicht.
    ich bergreife sowieso nicht warum nicht alle kinder von geburt an ritalin verabreicht bekommen, da wäre endlich ruhe im karton auch wie die reichen amis es machen einen vieh chip implantieren mit gps da weiss helikoptermamapapa wo der saugoof ist ,furchtbar sind sie (die kinder) mit ihrem blöden eigenen willen und auch so mühsam ehrlich ! mindestens bis zum kindergarten da wird es ihnen schon ausgetrieben – wer will schon einen ehrlichen bankangestellten…..
    aber und hier kommt die kardinals frage:
    was machen wir mit den eltern ? sollen wir ihnen übelnehmen das ihre kinder mit dem kinski nicht in den wald (gefährlich) dürfen ? sollen wir uns aufregen das die kinder praktisch keinen kontakt mehr mit der dritten dimension haben ?
    sollen wir es ihnen verdenken das ihre goofen alle hochbegabt sind ? ist es fasch das sie ab 4 jährig neben dem ballet, kustturnen ,karate kurs und dem spanisch chinesisch unterricht sich die tennis schule nicht leisten können da sonst die ferien in den seychellen nicht mehr zu bezahlen sind – ist es gemein das eine 6 jährige nur ein mäc book air hat ? ich verstehe jeden vater der seinen jungen verachtet weil er es nicht in die fcb binggis elite geschafft hat fleblfleblflebl-

    langes blahblah kurzer sinn: wie duure sind mer eigentlig?????
    gruss und kuss hüronimuss

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  8. Ich sehe hier frappante Parallelen zur modernen Käfigtierhaltung.
    Praktisch, sicher, sauber, effizient, rentabel …und wenn die Kinder dadurch krank werden, haben wir ja immer noch unsere bewährte Pharmazeutik.

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