Kinderbuch: Wenn die Mama zur Ziege wird

Wie gehen Kinder mit der psychischen Erkrankung ihrer Eltern um? Der Basler Autorin Katharina Tanner gelingt mit «ZiegenHundeKrähenMama» ein einfühlsames Kinderbuch zu einem heiklen Thema.

Depression in der Familie hat viele Gesichter: Lotte, Paul, Papa und Ziegen-Mama in Action.

(Bild: © Atlantis Verlag 2016)

Wie gehen Kinder mit der psychischen Erkrankung ihrer Eltern um? Die Basler Autorin Katharina Tanner erzählt in «ZiegenHundeKrähenMama» eine einfühlsame Kindergeschichte zu einem heiklen Thema.

Laute Lotte und Kleiner Paul sind verwirrt. Gerade noch war Mama quietschfidel, und jetzt liegt sie nur noch auf dem Sofa, starrt Löcher in die Luft und meckert herum. «Wie eine Ziege!», beschliessen die beiden und versuchen, die lethargische Mutter von ihrem Ziegen-Status zu befreien. Doch Mama mag nicht. Mehr noch: Sie verwandelt sich weiter, von der meckernden Ziege in einen bellenden Hund und später in eine krächzende Krähe.

Lotte und Paul turnen derweil herum, reissen sich an den Haaren, spielen und schreien. Bis Mamas Krankheit auch an ihnen zu nagen beginnt: Sie werden traurig, plötzlich fängt es im Haus an zu schneien, und die beiden Geschwister verirren sich in den Schneemassen. Papa kommt nach Hause, aber sie hören ihn nicht mehr, immer weiter wandern sie in den Schnee hinein, ohne Durst und Hunger.



Kleiner Paul und Laute Lotte mit lümmelnder Mama, bevor die Ziege sich bemerkbar macht.

Kleiner Paul und Laute Lotte mit lümmelnder Mama, bevor die Ziege sich bemerkbar macht. (Bild: © Atlantis Verlag 2016)

Infos zum Buch

Katharina Tanner:
«ZiegenHundeKrähenMama», Atlantis Verlag, 2016. 32 Seiten.

Es wird Tag und Nacht und dann wieder Tag, Lotte und Paul finden ihre Ziegenmama wieder, kämpfen mit vereisten Stöcken gegen das Getier und schlafen schliesslich bei ihr ein. Am Ende der Geschichte steht die Mama dann doch wieder auf, nicht mehr als Tier, sondern ganz als Mama-Mensch, und musiziert mit den beiden Kindern. Das glückliche Ende ist nur vorübergehend, im letzten Satz schwingt bereits die Gewissheit mit, dass der Schnee wiederkehren wird: «… und so begannen sie das Lied einfach noch einmal von vorne.»

Der richtige Ton im richtigen Moment

Die Basler Autorin Katharina Tanner hat mit «ZiegenHundeKrähenMama» eine Kindergeschichte geschrieben, die ganz anders funktioniert als das, was man gemeinhin unter einem Buch über Depressionen verstehen würde. Würde, denn: Wie viele Kinderbücher setzen sich schon spielerisch mit dem Thema auseinander, ohne gleich in pädagogischen Schwermut zu verfallen? Psychische Erkrankungen sind keine einfache Angelegenheit, und für diese heikle Lebenswelt Worte und Bilder zu finden (das ganze Buch übrigens ist fantastisch illustriert von der israelischen Illustratorin Lihie Jacob), gleicht einer Herkules-Aufgabe.

Eine Aufgabe, der Katharina Tanner eindeutig gewachsen ist: Die Autorin begibt sich ganz in die Kinderwelt, in den unschuldigen Irrsinn von Klein Paul und Laute Lotte, die ihre eigenen Methoden entwickeln, mit der psychischen Erkrankung ihrer Mutter umzugehen. Vergeblich sucht man nach moralischen Zeigefingern und Lösungsansätzen und kriegt dafür ein Kinderbuch, das in den richtigen Momenten den richtigen Ton trifft. Wenn Kleiner Paul der Zimmerlinde droht, ihr alle Blätter abzubeissen, Laute Lotte nachdoppelt: «Und die Haut abziehen?», während die Mama im Hintergrund als grosse Krähe auf dem Sofa dahinseucht, dann ist das ein Kinderuniversum in nuce – tragisch und schön, berührend und unzimperlich zugleich.

«In all die kleinen Dinge vermag die Autorin etwas Grösseres, Existenzielles hineinzulegen, sodass in den leicht klingenden Sätzen immer auch das Gewicht eines ganzen Lebens mitklingt», schrieb einst die FAZ über Katharina Tanner. Ihr neuster Streich bildet da keine Ausnahme: «ZiegenHundeKrähenMama» trägt das Gewicht einer psychischen Krankheit, federleicht erzählt, tonnenschwer nachhallend.

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Was meint ein Kinderpsychiater zum Thema Kinder mit psychisch erkrankten Eltern? Hier gehts zum Interview mit Alain Di Gallo, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik Basel.

Konversation

  1. Ein äussert wichtiges Thema, dem sich Frau Tanner auf eine unbeschwerte Weise annähert. Gerne mache ich interessierte Personen auf die Verleihung des Prix Social 2016 aufmerksam, welcher am 15. März 2016 in Basel an das Patenschaftsprojekt von HELP! For Families verliehen wird. Ein Projekt, dass sich ebenfalls mit der im vorliegenden Artikel beschriebenen Zielgruppe beschäftigt. Nähere Informationen finden Sie unter: http://www.avenirsocial.ch/de/p42010556.html

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