Leipzig: Besser als Berlin

Wer bei Leipzig an Faust und Braunkohle denkt, kommt Jahrzehnte zu spät. Die grösste Stadt im Freistaat Sachsen ist dank grosser Industriebrachen ein Eldorado für Künstler und mausert sich zu einem Zentrum des Wassers fernab vom Meer.

Ein Oltimermuseum mit einer alten russischen Maschine auf dem Dach beim Plagwitzer Bahnhof.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Wer bei Leipzig an Faust und Braunkohle denkt, kommt Jahrzehnte zu spät. Die grösste Stadt im Freistaat Sachsen ist dank grosser Industriebrachen ein Eldorado für Künstler und mausert sich zu einem Zentrum des Wassers fernab vom Meer.

Eine äusserst sympathische Stadt unweit der deutschen Kapitale, aber ganz anders. Die grossstadtmüden Berliner zieht es in die frisch gentrifizierte Wasserstadt. Sie sind allerdings nicht nur willkommen; das Wort Hypezig sollte man nicht mehr aussprechen.

Brachen. Die hat es hier zur Genüge, hier kann sich die Stadt noch lange weiterentwickeln. Spaziert man durch die Quartiere, so entdeckt man immer wieder grosse unbebaute, wild bewachsene Flächen. Hin und wieder stösst man auf leer stehende Fabriken, die Mieter oder Käufer suchen. Auch die teils herausgeputzten, teils aber noch nicht renovierten grosszügigen Stadthäuser aus der Gründerzeit fallen ins Auge.

Wir kehren ein in mannigfaltigen Cafés, Kneipen und Bars, in manchen darf sogar geraucht werden. Lokales Bier ist die Hauptwährung, wir geben uns aber mit Drinks die Kante: Einen Moscow Mule gibts für drei Euro. Nach drei Gläsern will man nicht mehr nach Hause und versteht plötzlich den hiesigen Dialekt

Der Geruch frischer Ölfarbe

Kunst ist hier allgegenwärtig, guckt man von der Strasse durch die Fenster, entdeckt man in fast jeder Wohnung Bilder an der Wand. In den unzähligen Atelierhäusern pinseln ganze Heerscharen von Malern ihre Werke. Und ein Name ist allgegenwärtig. Er wird voller Ehrerbietung ausgesprochen: Neo Rauch. Manche haben den Künstler erst grade beim Chinesen gesehen, andere waren schon vor seinem Atelier in der Alten Baumwollspinnerei – einem riesigen Fabrikareal aus dem 19. Jahrhundert, das vor lauter Ateliers, Galerien und Ausstellungsräumen fast zu bersten droht.

Hier hatten in den Neunzigerjahren dieser Neo Rauch und seine Gefährten die ersten Ateliers eingerichtet, mittlerweile ist es eine Kunstfabrik. Es gibt alles, was ein Künstler braucht: grosse Räume für wenig Geld, ein Pinsel- und Farbenladen auf 1000 Quadratmetern, zahlreiche Galerien und Kunstinstitutionen – zum Beispiel die «Halle 14», Zentrum für zeitgenössische Kunst mit einer riesigen Künstlerkatalog-Bibliothek, die dem Ausstellungsraum von der Art Basel zur «Entsorgung» zur Verfügung gestellt wurde.

Der Vater der Schrebergärten

In Basel reagieren die Familiengärtner allergisch, wenn man von Schrebergärten spricht. Doch in Leipzig ist das erlaubt, denn der Leipziger Arzt Moritz Schreber (1808–1861) diente nach seinem Ableben als Namensgeber. Schreber beschäftigte sich zeitlebens mit dem Kindeswohl und erfand einige Methoden, die heute auf dem Index stehen: zum Beispiel einen Geradehalter, der Kinder mittels Fesseln und Gurten zum Schreiben in richtiger Haltung zwang.

Schreber beschäftigte sich auch mit der «gesunden Triebabfuhr» und konstruierte mechanische Geräte zur Verhinderung der Masturbation. Das alles ist Geschichte, die Gärten aber trifft man hier noch vielerorts an und sie sind weitaus verspielter als in unseren Gefilden. Es gibt sogar ein Museum dafür: das deutsche Kleingärtnermuseum. Hier gibt es alles zu sehen, was den Hobbygärtner interessiert.

Die Wasserstadt Leipzig ist eine brücken- und wasserreiche Stadt, hier fliessen die Flüsse Weisse Elster, Pleisse und Parthe zusammen. Insgesamt durchfliessen das Stadtgebiet Flüsse, Bäche und Gräben mit einer Gesamtlänge von 176,4 km. Es gibt Touren und Stadtführungen mit dem Elektroboot oder einer venezianischen Gondel.

Neue Seen

Vor der Wiedervereinigung wurde in Sachsen Braunkohle in grossem Stil abgebaut. Im Zuge der sich verändernden Energiepolitik kam es zu einem abrupten Ende dieser Ära. Die Infrastruktur des Industriezweiges verschwand und die vielen Löcher in der Landschaft füllten sich mit Wasser. Innert kürzester Zeit entstand eine Seenlandschaft, die ihresgleichen sucht. Es gibt zahlreiche Wassersportangebote. Die Seen werden gegenwärtig mit Kanälen verbunden. 

  • Ankommen: Mit der Bahn. In Leipzig fahren Trams, mit dem (gemieteten) Velo kommt man aber auch überall hin. Für ein Wochenende kann man sich mit dem Taxi fortbewegen. Freundlich und günstig.
  • Surfen: Im ganzen Stadtgebiet gibt es Free Wifi! Zwar nicht das schnellste, aber immerhin.
  • Anschauen: Die Alte Baumwollspinnerei als Industriedenkmal und Kunstfabrik. Unbedingt die «Halle 14» besuchen, das Kleingärtnermuseum und den Bergbau-Technik-Park, wo gezeigt wird, wie hier früher Kohle abgebaut wurde. 
  • Trinken: Das lokale Bier schmeckt, Brauereien gibt es haufenweise.
  • Essen: Die DDR hat viele Vietnamesen als Gastarbeiter aufgenommen, dementsprechend gibt es heute an fast jeder Ecke ein vietnamesisches Restaurant. Immer gut!
    Wer es geschmackvoll mag: «Die Drogerie», ein feines Restaurant.
    Traditionell: Jeder Touristenführer empfiehlt den «Auerbachs Keller». Sächsische Küche in prunkvollem Keller. Unser Menü überzeugte aber nicht, und ganz so wild wie zu Fausts Zeiten geht es auch nicht mehr zu und her.
  • Übernachten: Das «Eden» ist ein alternatives Hostel. Sehr sympathisch. Jedes Zimmer ein eigenes Kunstwerk.
    Das «Meisterzimmer» sind vier spezielle Ferienwohnungen inmitten der Alten Baumwollspinnerei.

Konversation

  1. Merci, aber der Text ist viel zu kurz, vor allem fehlt komplett etwas zur Musik in Leipzig in Gegenwart und Vergangenheit. Als Leipziger frage ich mich, was ich umgekehrt über Basel schreiben würden, wo ich sehr oft bin. Übers Rheinschwimmen, die irrsinnigen Hochhausvisionen, die Wagenplätze, das Bruderholz, Kleinhüningen, den Rostigen Anker, über die Greifengasse (wo zwischen „Christ“ und „Kind“ ausgerechnet „Vögele“ logiert), die Kuppel, das Rialto, den Zolli, die Langen Erlen, die Wiese und das Hafenbecken Zwo, die Kunschti Eglisee, und so weiter und so fort. Jedenfalls kommt man vom Badischen Bahnof bis zum Leipziger Hauptbahnhof schnellstens in sechs Stunden, was für die mehr als 700km Entfernung (550km Luftlinie) ganz ordentlich ist.

    Danke Empfehlen (0 )

Nächster Artikel