Mit Kunst gegen den Klimawandel

Seit dem 12. Dezember hat die Welt einen Klimavertrag. Dass uns dieser alleine vor einer Klimakatastrophe bewahren kann, ist unwahrscheinlich. Neue Geschichten sind gefragt – und der Kunst kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.

Langsam schmilzt die Skulptur «Ice Watch» von Olafur Eliasson vor dem Panthéon in Paris.

(Bild: AP Photo/Jacques Brinon)

Die Klimakonferenz ging am 12. Dezember zu Ende; seither hat die Welt einen Klimavertrag. Dass uns dieser alleine vor einer Klimakatastrophe bewahren kann, ist unwahrscheinlich. Neue Geschichten sind gefragt – und der Kunst kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.

Ich sitze auf dem Teppich eines dunklen Raums, im Mittelpunkt eine riesige Panorama-Leinwand vor mir. Aus den Lautsprechern wabbert und dröhnt es bedrohlich, dann wieder ein Zischen und plötzlich Sprachfetzen und Tierlaute aus dem indonesischen Regenwald. Auf einer virtuellen Weltkarte brennen Waldflächen.

Zahlen und Grafiken werden eingeblendet: Die Abholzung erzeugt einen Fünftel der globalen Treibhausgase. Kohlendioxid-Senken, Lebensräume, traditionelles Wissen und Sprachen gehen verloren; die Hälfte der aktuell 6700 Sprachen könnten bis Ende Jahrhundert verschwunden sein. Auf der Leinwand erscheinen weitere Landkarten, animierte Visualisierungen und Zahlen: 9000 Städte sind vom steigenden Meeresspiegel bedroht; 26 Millionen Menschen werden jährlich durch Naturkatastrophen vertrieben.

Es fühlt sich ein wenig an, als würde man auf Armageddon blicken.

Dieses Armageddon heisst «EXIT». Im Palais de Tokyo, einen Steinwurf vom Eiffelturm entfernt, wird uns der Ausnahmezustand vor Augen geführt – nicht derjenige, den die französische Regierung nach den Terrorattacken über Paris verhängt hat, sondern derjenige, in der sich unsere Welt im Jahr 2015 befindet.

Weg vom Abstrakten

Während Regierungsvertreter Anfang Dezember am Rande von Paris über einem globalen Klimaabkommen brüteten, konnte man sich in der multimedialen Installation nochmals vergewissern, was bei den Verhandlungen auf dem Spiel stand. Für uns Westeuropäer ist der Klimawandel ja oft etwas Abstraktes. Er findet vor allem in wissenschaftlichen Texten, unübersichtlichen Tabellen und statischen Grafiken statt. Damit können die meisten nichts anfangen.

EXIT erweckte diese Daten zu einem bedrohlichen Leben. Auf eine Idee des Philosophen Paul Virilio hin hat das New Yorker Designstudio Diller Scofido & Renfro zusammen mit Geografen und Statistikern aus den besten verfügbaren Daten zu Klimawandel und Migration eine Daten-getriebene Projektion erarbeitet. Das Resultat lässt keinen kalt; nie wurden die sozialen und ökonomischen Konsequenzen des Klimawandels plastischer dargestellt.

Eisberge vor dem Panthéon

EXIT steht nicht nur für eine neue Form der Emotionalisierung von Daten, sondern auch für eine neue Generation von Künstlern. Eine, die sich für ihre Werke von den ökologischen und sozioökonomischen Folgen des Klimawandels inspirieren lässt. Die Klimakonferenz in Paris bot eine einmalige Gelegenheit, die Bandbreite dieses Schaffens zu entdecken: Zum Beispiel das 80 Tonnen schwere Werk «Icewatch» vom dänisch-isländischen Künstler Olafur Eliasson.

Auf dem Vorplatz des Panthéons liess er zwölf Eisblöcke in einem Kreis anordnen, die vom Grönland-Schild abgebrochen waren. Man konnte nicht anders, als sie zu berühren und dabei mitzuerleben, wie sie langsam dahinschmolzen. Eliasson führte damit plastisch vor Augen, wie das Eisschild am Nordpol in Stücke zerfällt und sich verflüssigt. Und wie die Uhr tickte, während in den Konferenzhallen in Le Bourget über CO2-Obergrenzen verhandelt wurde.



A seagull flies past the art-work

Die Arbeit «Where the Tides ebb and flow» von Pedro Marzorati in einem Teich des Montsouris Parc. (Bild: Reuters / Christian Hartmann)

Der englische Künstler Michael Pinsky wiederum liess aus einem Kanal in La Villette Objekte fischen, welche die Anwohner im Wasser entsorgt hatten: Fahrräder, Einkaufswagen, Kochherde und Eisschränke. Auf der Wasseroberfläche installiert, blau ausgeleuchtet und mit gespenstischen Sounds unterlegt, herrschte am Kanalufer jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit Endzeitstimmung. Ein Quartierbewohner mit ostafrikanischen Wurzeln bleibt stehen und sagt: «In Afrika würden die Menschen dieses Wasser trinken – und wir nutzen es als Abfalleimer.» 

Klimakunst überall: 551 Events in 52 Ländern

Installationen, Theaterstücke, Fotoausstellungen, Podiumsdiskussionen und nächtliche Filmprojektionen auf Kathedralen – es war, als gäbe es in der Kunstmetropole während den beiden Wochen der Klimakonferenz COP21 kein anderes Thema als den Klimawandel. Den Überbau für die vielen Klima-Kulturevents bot die vom englischen Kunstprogramm «Cape Farewell» und COAL aus Paris initiierte Plattform ArtCOP21.

«Die Idee entstand während des grossen Klimamarschs diesen Sommer in New York», erzählt David Buckland, Künstler und Gründer von Cape Farewell. «Es fanden Dutzende Kunstevents statt, aber niemand wusste davon. Das sollte sich in Paris nicht wiederholen.»

Ursprünglich war das Ganze als einfaches, Internet-basiertes Kartierungsprojekt angedacht. Künstler, Galerien und Museen sollten ihre Werke und Veranstaltungen darauf registrieren und anzeigen können. «Wir rechneten mit höchstens 60 Events», sagt Buckland. «Doch dann explodierte es.» Mittlerweile sind auf der Website von ArtCOP21 551 kulturelle Events in 52 Ländern aufgelistet – 130 davon in Paris. Alle drehen sich um ein Thema: den Klimawandel.

Seit 15 Jahren Kunst fürs Klima

Ich treffe David Buckland im Café de l’Industrie unweit von der Bastille. Dort hat er sich während der COP21 über Airbnb für zwei Wochen in eine Privatwohnung eingemietet; gemeinsam mit einem befreundeten Radioreporter aus Hawaii und weiteren Bekannten. Buckland ist sportlich, hat wache, graublaue Augen und trägt trotz seines Pensionsalters das Lachen eines Jugendlichen. Er begrüsst mich, als wären wir alte Freunde und lädt zum Gespräch in seine temporäre Wohnung.

Seit 15 Jahren macht er Kunst mit Bezug zum Klimawandel und gehört damit zu den Ersten, die sich komplett auf das Thema fokussierten. Damals hatten Wissenschaftler die ersten leistungsfähigen Klimamodelle entwickelt, mit welchen sich das künftige Klima mit hoher Wahrscheinlichkeit berechnen liess. Das fand Buckland interessant. Der passionierte Segler lud Klimatologen, Glaziologen, Meeresforscher, Schriftsteller, Filmemacher und bildende Künstler auf seinen Scooner ein, ein 100 Jahre altes, hölzernes Zwei-Mast-Segelschiff. Die Gruppe begab sich auf eine Expedition und segelte bis 1000 Kilometer an den Nordpol.

«Verträge und Gesetzgebungen vermögen Menschen nicht für einen neuen Lebensstil zu begeistern», sagt David Buckland. «Kunst jedoch schon.»

Die Wissenschaftler nutzten die Zeit, um zu forschen; massen die Entwicklung des Golfstroms, die Versauerung des Wassers und die Gletscherschmelze. «Sie erwarteten, dass die Künstler einfach ihre Arbeit illustrieren würden», erzählt Buckland. «Doch ein Künstler illustriert überhaupt nichts. Er saugt erstmal alles in sich auf und findet dann einen Weg, seine eigene Geschichte zu erzählen.»

Wie die Wissenschaftler bald merkten, liess sich durch dieses neue Klimanarrativ auch das Interesse einer grösseren Öffentlichkeit an ihrer Arbeit gewinnen. Während der Expedition entstanden Filme für die britische BBC und für das Sundance-Festival. Und die involvierten Künstler konzipierten Ausstellungen, welche um die Welt tourten. Seit 2001 hat Buckland zwölf Expeditionen durchgeführt mit Künstlern wie dem Schriftsteller Ian McEwan, der Sängerin Feist und dem bildenden Künstler Antony Gormley.

Geschichten für eine nachhaltige Gesellschaft

Buckland reiht seine Projekte mit Cape Farewell gerne in einen grösseren gesellschaftlichen Kontext ein: «Das Klima ist zur Kultur geworden», sagt er. «Unsere unglaublich faszinierende und komplexe Gesellschaft hängt heute komplett von fossilen Energieträgern ab. Es ist offensichtlich, dass wir das ändern müssen. Entsprechend stehen wir vor einem riesigen Kulturwandel.» Die Rolle der Kunst sieht Buckland jedoch nicht nur darin, uns Daten emotional zu erschliessen, wie in EXIT, oder die unmittelbaren Konsequenzen unseres Handelns vor Augen zu führen, wie bei Eliasson und Pinsky.

Genauso wichtig ist für Buckland die Suche nach neuen Narrativen; also von Geschichten einer nachhaltigeren Gesellschaft, die sich ihrer Abhängigkeit von einer intakten Umwelt bewusst ist. «Verträge und Gesetzgebungen vermögen Menschen nicht für einen neuen Lebensstil zu begeistern», ist er überzeugt. «Kunst jedoch schon.» Dass wir die technischen Mittel und nötigen Fähigkeiten für einen solchen Wandel haben, steht für Buckland ausser Frage. Vorbehalte, ob wir das schaffen, sind für ihn überholt. «Wir haben keine Alternative. Die Alptraum-Szenarien der Wissenschaftler im Falle unserer Untätigkeit sind gewaltig. Das will niemand!»

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Die Installation «EXIT» ist noch bis am 10. Januar 2016 im Palais de Tokyo in Paris zu sehen.
Bei Thames & Hudson ist 2014 das Buch «Art & Ecology Now» erschienen, das auch eine Reihe von Kunstwerken mit Bezug zum Klimawandel thematisiert.

Kunst gegen Kunst
Nachdem in den vergangenen Jahren vermehrt Stiftungen und Fonds für ihre Investments in Kohle- und Erdölunternehmen in Kritik gerieten, erfasst die «Divestment»-Welle nun auch den Kunstbetrieb. In den USA, in Grossbritannien, Norwegen und Frankreich entstehen Künstlerkollektive, die sich gegen das Kunstsponsoring der Erdölindustrie wehren.
Während der Klimakonferenz in Paris protestierten am 9. Dezember vor der Glaspyramide des Louvre Künstler und Aktivisten gegen das Sponsoring der beiden Erdölgiganten Total und Eni. Sie forderten vom Louvre, ihre Verträge mit den beiden Unternehmen zu kündigen. Es sei der Kunst unwürdig, dass diese ihr Image über die renommierte Kunstinstitution «artwashen», so die Initiatoren.
Bereits im Juni hatten Klimaaktivisten in der Tate Modern in London mit einer Performance gegen das Sponsoring von BP protestiert. Vertreiben konnte das Tate-Personal die Aktivisten nicht. Schliesslich handelte es sich ja um eine Kunstperformance.

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