Mit Stift und Stollen: Fussballgeschichten von Kindern

Kinder als Autoren – das Literaturprojekt «kick&write» liess Schulklassen Geschichten rund ums Thema Fussball schreiben. Nun wurde daraus ein Buch, das im Literaturhaus präsentiert wurde.

Stimmengewirr und Gewusel: Im Literaturhaus wird die beste Geschichte des Projekts kick&write gekürt.

Ein so junges Publikum erlebt das Literaturhaus selten: Vier Schulklassen präsentierten ihre Geschichten, die sie im Rahmen des Projekts «kick&write» verfasst hatten.

Magische Ausrüstungen um Fussballspiele zu gewinnen. Ein Trainer der ausgerechnet zum wichtigsten Spiel der Saison nicht erscheint. Und peinliche Mütter am Spielfeldrand, die entweder vor Stolz platzen oder allen ihre selbstgemachten Sandwiches aufzwingen. Es war einiges an Fantasie zusammengekommen an diesem Mittwochnachmittag im Literaturhaus Basel.

Die Anekdoten finden sich im Endprodukt des Projekts «kick&write», das vier Schulklassen aus den Kantonen Aargau, Basel Stadt, Baselland und Solothurn zum Fussball spielen und über Fussball schreiben animierte. Dabei wurden die Fünftklässler während fünf Monaten einmal pro Woche von externen Fussball- und Schreibcoaches besucht, die ihnen die Tipps und Tricks ihres Fachs vermittelten. Zum Abschluss des Projekts wurden die vier Geschichten der Schulklassen von Jürg Obrist illustriert und in Buchform publiziert.

Witz und Drama

«Ich glaube nicht, dass wir je so junge Autorinnen und Autoren zu Gast hatten», sagte die Leiterin des Literaturhauses Katrin Eckert zur Begrüssung an der Abschlussvorlesung. Vor der Bühne herrschte reger Tumult und aufgeregtes Gewusel. Die Schülerinnen und Schüler hatten auch allen Grund aufgeregt zu sein, schliesslich gab es hier etwas zu gewinnen.

Bevor es allerdings so weit war, wurden Ausschnitte aus den vier Texten vorgelesen. Die Schauspielerin Ute Sengebusch erweckte die Figuren der Texte geschickt zum Leben, und brachte selbst die Autorinnen und Autoren immer wieder zum lachen. Andere Stellen waren weniger lustig. Im Text «Die magische Ausrüstung» überfallen drei maskierte Typen ein Mädchen im Park und in «Drama vor dem Anpfiff» wird gar ein Flugzeug entführt. An Spannung mangelte es wahrlich nicht – war denn das Genre Krimi vorgegeben?

«Nein, die Kinder waren völlig frei», sagt Katja Alves, Autorin und Schreibcoach der Klasse 5f des Schulhaus Seefeld in Spreitenbach AG. «Wir haben am Anfang einige Szenen geschauspielert, um herauszufinden, wo es hingehen soll.» Über den Handlungsverlauf der Geschichte wurde dann «demokratisch abgestimmt», gibt ein Schüler zu Protokoll. Zwischen den Mädchen und Jungs war dabei kein Ungleichgewicht auszumachen, für mehr Diskussionsstoff sorgten stilistische Differenzen. In der Klasse 5a (Schulhaus Erlimatt) aus Pratteln stritt man sich beispielsweise über den Fantasiegehalt der Story, «es gab deutliche Forderungen nach mehr Realität», sagt Schreibcoach Sandra Hughes. 

Etwas weniger Fantasie, bitte

Ein Junge aus eben dieser 5a verrät, warum zu viel Fantasie in der Geschichte ein Problem ist: «Wenn man wie ich manchmal ein paar Seiten überspringt, kommt man nicht mehr draus», sagt er. Das ist natürlich unpraktisch. Denn gegen Schluss des Projekts musste noch einmal tüchtig gelesen werden, jede Klasse durfte dann die Geschichten der drei anderen Klassen gegenlesen und bewerten.

Für den zwölfjährigen Celestin waren die Trainings «schon gut, aber immer das Selbe. Beim Schreiben wusste man nie, was als nächstes passiert.»

Das Ergebnis dieser Bewertung wurde im Anschluss an die Lesungen im Literaturhaus enthüllt: Es gewann die Geschichte «Spiel um Leben und Tod» der Klasse 5a aus Solothurn (Schulhaus Brühl). «Ich war mir ganz sicher, dass wir gewinnen würden», sagt der zwölfjährige Celestin Stampfli. Ihm hat das Schreiben mehr Spass gemacht als Fussball zu spielen. «Die Trainings waren schon gut, aber es war immer das Selbe. Beim Schreiben wusste man nie, was als nächstes passiert», sagt er.

Moritz Gadient aus der 5b des Schulhaus Thierstein in Basel sieht das anders: «Ich spiele viel lieber Fussball, schreiben und lesen mag ich nicht so. Trotzdem hatte ich Spass beim Schreiben, weil alle mitgemacht haben.» Wird Moritz denn ab jetzt mehr Bücher lesen als bisher? «Ich glaub schon, mal sehen», sagt er schmunzelnd.

Fussball als gesellschaftlicher Anknüpfungspunkt

«Kick&write» ist ein Projekt der Pädagogischen Hochschule FHNW und richtet sich bewusst an Klassen mit einem erhöhten Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund. Der Fussball bot sich als Arbeitsthema besonders gut an. «Die meisten interessieren sich für diesen Sport und konnten damit zum mitmachen animiert werden», sagt Elke Gramespacher, Leiterin der Professur für Bewegungsförderung und Sportdidaktik im Kindesalter an der Pädagogischen Hochschule FHNW.

Der Sport biete den Kindern ausserdem eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten an die Gesellschaft, sei es beim «tschutten» draussen auf der Strasse oder beim Gespräch über das Match des Lieblingsvereins am Wochenende. «Der Schreibprozess fördert das Sprachverständnis der Schülerinnen und Schüler stärker, als das beim Lesen der Fall ist», sagt Gramespacher, «hier ist aktives Mitdenken gefragt». Man könne sich gut vorstellen das Projekt mit anderen Klassen zu wiederholen. Und das zu recht: die Veranstaltung im Literaturhaus zeugte von der Begeisterung, die «kick&write» bei den Kindern hervorgerufen hat.

Folgt also bald der zweite Band gesammelter Fussballgeschichten aus der Feder ambitionierter Jungautoren? «Ich würde sofort nochmal mitmachen», sagt Celestin, «aber das nächste mal könnte es von mir aus auch ‹swim&write› heissen».

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