Nach dem Nein zur Stadtrandentwicklung fürchtet das Gewerbe einen Verdrängungskampf

Nach dem doppelten Nein zu den Stadtrandentwicklungs-Projekten Ost und Süd muss die Suche nach alternativen Wohnbaugebieten intensiviert werden. Das Gewerbe und mit ihm der Gewerbeverband sind alarmiert und betonen: «Lautes Gewerbe braucht in Basel auch Platz.»

Wohngebiet Lysbüchel? (Bild: Peter Sennhauser)

Nach dem doppelten Nein zu den Stadtrandentwicklungs-Projekten Ost und Süd muss die Suche nach alternativen Wohnbaugebieten intensiviert werden. Das Gewerbe und mit ihm der Gewerbeverband befürchten, dass nun der Druck auf Gewerbe- und Industriegebiete zunehmen könnte, sagt Gewerbevertreter Patrick Erny.

Die Gegner der Stadtrandentwicklungs-Projekte Ost und Süd, die am vergangenen Abstimmungssonntag als Sieger hervorgegangen sind, haben immer wieder betont, dass sich neben der Verdichtung gewisser Wohnzonen in den Quartieren in Basel auch andere Areale für die Neuerschliessung als Wohngebiete eignen würden. Dieser Ansicht ist im Grundsatz auch der Gewerbeverband, der zu den Verlierern der Abstimmung gehört.

«Die innere Verdichtung ist ein möglicher Ansatz», sagt Patrick Erny, Projektleiter Politik beim Basler Gewerbeverband. Allerdings schätzt er hier das Potenzial als nicht allzu gross ein. Auch einer Umnutzung von Büroflächen steht er nicht ablehnend gegenüber. «Von einer Umnutzung der letzen Gewerbeflächen auf dem Stadtgebiet halten wir aber gar nichts», betont er.

Problematisches Entwicklungsgebiet Lysbüchel

Konkret spricht Erny neben dem Dreispitz das Lysbüchel-Areal an, das sich im St. Johann-Quartier vom Vogesenplatz entlang der Elsässerbahnstrecke bis hinauf zur Landesgrenze zieht. Der Grossverteiler Coop, der sich 2016 aus seinem dort angesiedelten Verteilzentrum zurückziehen möchte, hat sein rund 46’600 Quadratmeter grosses Areal der Stiftung Habitat und der Einwohnergemeinde Basel-Stadt verkauft. Der Rest des insgesamt gut 110’000 Quadratmeter grossen Gebiets gehört den SBB.

Die Landbesitzer haben das Lysbüchel-Areal zum Entwicklungsgebiet erklärt. Klar ist, was die Stiftung Habitat mit ihren rund 12’000 Quadratmetern am südlichen Rand vorhat: «Die Stiftung plant günstigen Wohnraum und eine lebenswerte Wohnumgebung zu schaffen», ist auf deren Website zu lesen. Das dürfte keine grossen Probleme bereiten, denn dieses Gebiet ist der Wohnzone 5a (Geschlossene Überbauung mit fünfgeschossigen Bauten) zugeordnet.

Was mit dem Rest geschieht, der als Gewerbe- und Industriezone 7 ausgewiesen ist, ist noch offen. Aber sowohl Basel-Stadt als auch die SBB haben bereits durchblicken lassen, dass sie vom reinen Gewerbegebiet absehen und auch Platz für Wohnungen und Dienstleistungsbetriebe schaffen möchten. Solche Aussagen haben dazu geführt, dass das Lysbüchel-Areal in städtebau-kritischen Kreisen als quantitativ vollwertiger Wohngebiet-Ersatz für die gebodigten Stadtrandentwicklungs-Gebiete Ost und Süd ins Feld geführt wird.

Das Gewerbe ist alarmiert



Das Lysbüchel-Areal von oben

Das Lysbüchel-Areal von oben (Bild: Google)

«Das Lysbüchel-Areal ist eines der letzten zusammenhängenden Gewerbegebiete, die in Basel-Stadt verblieben sind», sagt Gewerbevertreter Erny. Eine Umnutzung hätte nach Ernys Ansicht nicht nur für die heute dort ansässigen Betriebe tiefgreifende Folgen: «Die Gewerbetreibenden müssten wohl oder übel ins Umland ausweichen und von dort zu ihren Arbeitseinsätzen in die Stadt fahren, was wiederum zu mehr Verkehr führt und ökologisch höchst unvorteilhaft wäre.»

Das Gewerbe und ihre Vertreter blicken nicht erst seit dem Abstimmungswochenende mit Sorge auf die Arealentwicklung, die sich gegenwärtig in einer Testphase befindet. Im April 2013 hatte der damals noch als Grossrat amtierende neue CVP-Regierungsrat Lukas Engelberger in einem Vorstoss nachdrücklich für den Erhalt der Gewerbeflächen plädiert. «Das Lysbüchel-Areal eignet sich hervorragend für gewerbliche Nutzungen. Die Anzugsteller wollen das Areal deshalb weiterhin in dieser Nutzung erhalten und in der Industriezone belassen», heisst es im Vorstoss, der auch von Vertreterinnen und Vertretern des Grünen Bündnisses und der SP mitunterzeichnet wurde.

Platz für lautes Gewerbe

Das sind klare Worte, die auch nicht als Plädoyer für eine mögliche Mischnutzung zu verstehen sind. Auch Erny kann mit dem Zauberwort Mischnutzung zumindest in diesem konkreten Fall nicht viel anfangen: «Es gibt nicht nur lautloses Gewerbe, wir brauchen in Basel auch Platz für lautes Gewerbe.» Und solche Betriebe konnten auf dem Lysbüchel-Areal bislang ungestört arbeiten. «Ein konfliktfreies Nebeneinander von Recyclingfirmen mit Lastwagenverkehr und Familienwohnungen mit spielenden Kindern ist nicht vorstellbar.»

Erny befürchtet, dass sich der Druck auf solche Gewerbebetriebe mit dem Nein zu den Stadtrandentwicklungs-Projekten verstärken wird. Noch ist aber nichts konkret beschlossen. Bis Ende Jahr bereits soll ein städtebauliches Konzept vorliegen, das der Startschuss zu einer wohl wiederum angeregten Debatte über die Wohn- und Städtebaupolitik Basels sein wird.

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