Nach dem Tod eines Fans: Spanien sagt den Ultras den Kampf an

Die Ultrakultur ist in Spanien ein Randphänomen, und Gewalt gibt es rund um den Fussball weniger als anderswo. Deshalb ist der Aufschrei gross, nachdem am Sonntag vor dem Spiel Atletico Madrid gegen La Coruña ein Fan gestorben ist nach einem brutalen Aufeinandertreffen rivalisierender Gruppen.

Spanish police escort Deportivo Coruna fans upon leaving Vicente Calderon stadium after their Spanish first division soccer match against Atletico Madrid in Madrid, November 30, 2014. A Deportivo La Coruna supporter was critically injured when dozens of rival fans clashed near the stadium before the club's La Liga match at Atletico Madrid on Sunday. REUTERS/Susana Vera (SPAIN - Tags: SPORT SOCCER) (Bild: Reuters/SUSANA VERA)

Die Ultrakultur ist in Spanien ein Randphänomen, und Gewalt gibt es rund um den Fussball weniger als anderswo. Deshalb ist der Aufschrei gross, nachdem am Sonntag vor dem Spiel Atletico Madrid gegen La Coruña ein Fan gestorben ist nach einem brutalen Aufeinandertreffen rivalisierender Gruppen.

In der Ära der Smartphones gehören zur Fussball-Keilerei nicht zuletzt die Videos. Am Sonntag waren die Bilder der Barbarei schon nach wenigen Stunden in zahlreichen Internet-Filmen zu sehen: wie gut hundert Schläger des «Frente Atlético» und knapp hundert der «Riazor Blues» auf dem schmalen Parkstreifen am Fluss Manzanares mit Latten und Baseballschlägern losziehen; wie sie mit Stühlen aufeinander schmeissen; wie Bengalos hin und herfliegen; wie mehrere Personen in den Fluss stürzen oder gestürzt werden; wie einer minutenlang ruft: «socorro» – «Hilfe».

Wenn nur einer tatsächlich geholfen statt gefilmt hätte, wenn einer der auf den Videos zu sehenden Polizisten einen Bergungsversuch unternommen hätte, wenn es nicht ein halbe Stunde gedauert hätte, bis ihn die Feuerwehr schliesslich aus dem novemberkalten Fluss zog – dann würde Francisco Javier Romero Taboada wohl noch leben, dann hätten seine beiden Kinder, 19 und vier Jahre alt, wohl noch einen Vater.



Helfer retten einen unbekannten Mann aus dem Fluss Manzanares in Madrid, wo in der Nähe des Stadions von Atletico gewalttätige Fangruppen sich eine Schlacht lieferten.

Helfer retten einen unbekannten Mann aus dem Fluss Manzanares in Madrid, wo in der Nähe des Stadions von Atletico gewalttätige Fangruppen sich eine Schlacht lieferten. (Bild: REUTERS TV)

Dann wäre die brutale Schlacht zwischen Anhängern von Atlético Madrid und Deportivo de La Coruña wohl schnell in Vergessenheit geraten, und «Jimmi», wie der Tote in der Szene genannt wurde, würde nächste Woche wieder mit den anderen Ultras im Estadio Riazor des galizischen Erstligisten stehen. Doch ein Todesfall ändert manches, vielleicht sogar: alles.

Ein Spiel mit eigentlich geringem Risiko

Was ist da los in unserem Land? Diese Frage stellen sich die Spanier jetzt quer durch die Thekengespräche und Radiotalkshows. Nicht zuletzt die Uhrzeit macht die Berserkerei ja so erschreckend: ein Sonntagmorgen, wenn das Land der langen Nächte gerade erst erwacht; vor dem Mittagskick, der wegen der Vermarktungschancen in Asien eingeführt wurde, aber auch ein bisschen, um der ganzen Familie mal einen Stadionbesuch zu ermöglichen – bei einem Spiel mit geringem Sicherheitsrisiko.

So die Einstufung der Behörden für die Partie am Sonntag: weshalb nur rund 200 Beamte eingeteilt wurden, die erst zwei Stunden vor Anpfiff ihren Dienst begannen.

Tatsächlich gehören der rechtsextreme «Frente Atlético» und die linksradikalen «Riazor Blues» zu den (wenigen) grossen und gewalttätigen Ultra-Gruppierungen des Landes. In Wirklichkeit hatte es schon vorigen Sommer bei der Meisterfeier von in La Coruña lebenden Atlético-Fans einen Zusammenstoss und über die sozialen Netwerke fortan die Verabredung zur Revanche bei nächster Gelegenheit gegeben.

Das Aufeinandertreffen der Fangruppen von Atletico und Deportivo La Coruna in der Nähe des Stadions Vicente Calderon:

Und so setzte sich aus Galizien ein Bus mit einschlägigen Hooligans in Bewegung zum fest verabredeten Treffpunkt für eine fest verabredete Prügelei. Eine Blamage für die Politik, für die der für Sport zuständige Bildungsminister José Ignacio Wert einräumte: «Wenn wir ehrlich sind, waren wir nicht entschlossen genug gegen die Ultras.»

Spanien kennt Gewalt unter Fans kaum

Es gibt da aber auch so etwas wie ein Paradox. In kaum einem europäischen Land wirkt der Fussball an sich so gewaltfrei. Schon weil die Fans kaum zu Auswärtsspielen reisen, wird der Besucher in vielen Stadien der ersten Liga nicht mal Polizisten begegnen. Mit Ausnahmen weniger Clubs ist die Ultrakultur ein Randphänomen, man geht lieber alleine, mit wenigen Freunden oder der Familie zum Spiel.

Dennoch ist der 43-jährige Romero Tabaoda bereits der elfte Todesfall im spanischen Fussball seit 1982. Die Riazor Blues töteten 2003 einen Fan ihres Clubs bei einer Streiterei, weil der einen Jungen verteidigte, der einen Schal des Gegners Compostela trug. Ein Atlético-Neonazi erstach 1998 vor einem Europacupspiel gegen San Sebastián den Basken Aitor Zabaleta.

Die Politik will die Ultras aus den Stadien verbannen

«Die Ultras müssen verschwinden, ein für alle Mal und aus allen Stadien», forderte nun stellvertretend die Madrider Sportzeitung «As», und die Politik legte schon am Montagnachmittag nach: «Wir verpflichten uns, die Ultras aus dem Fussball zu verbannen», erklärte Sportsstaatssekretär Miguel Cardenal nach einem Treffen der zuständigen Behörden. «Wir werden dafür eine Liste erarbeiten und uns eine Frist setzen. Wer mit den Radikalen kollaboriert, wird mit extremer Härte bestraft.» Fürs erste sei mit der Schliessung von Tribünen zu rechnen.

Klingt nach harten Zeiten für Beschwichtigungsrhetoriker wie Miguel Ángel Gil Marín. Der Geschäftsführer von Atlético bemühte am Sonntag die Einzeltäterthese: «Unter 4000 (Ultras, d. Red.) gibt es immer einen Hurensohn.» Er masse sich nicht an, den «Frente» aufzulösen, so der Sohn von Ex-Clubpatriarch Jesús Gil: «Ich habe Freunde, die mit ihren Kindern dahin gehen und das sind vollkommen ordentliche Leute.»

Eine Geste der Versöhnung beim Spiel

Vielleicht ein gutes Zeichen, dass viele andere der ordentlichen Leute schon ein Stück weiter sind und dem nicht abgesagten Spiel bei allem Grusel noch zu einer gewissen Würde verhalfen. Wann immer der «Frente» von der Südtribüne aus seine Fangesänge anstimmte, wurde im übrigen Stadion gepfiffen.

Applaus gab es nur für eine Aktion auf anderen Seite der Arena: Als sich ein Fan von Atlético und einer von Deportivo zur symbolischen Versöhnung ihre Schals zuwarfen.



An Atletico Madrid fan (R) throws his team's scarf to Deportivo Coruna supporters during their Spanish first division soccer match at Vicente Calderon stadium in Madrid, November 30, 2014. A Deportivo La Coruna supporter was critically injured when dozens of rival fans clashed near the stadium before the club's La Liga match at Atletico Madrid on Sunday. REUTERS/Susana Vera (SPAIN - Tags: SPORT SOCCER)

Ein Fan von Atletico Madrid wirft seinen Clubschal Fans von Deportivo La Coruna zu – als Zeichen der Versöhnung. (Bild: Reuters/SUSANA VERA)

Konversation

  1. Gut, man könnte jetzt behaupten: Spanien ist Spanien, und es ist ein wenig verwunderlich, dass bei dieser Jugendarbeitslosigkeit nicht längst mehr in diese Richtung geht.

    Aber wie ich dieses Land kenne, wird es jetzt entschlossen gegen dieses «Phänomen» vorgehen. Ohne Rücksicht auf Verluste bei den mittelstandsverwahrlosten, jugendlichen Mitbürgern.

    Im Gegensatz dazu haben wir wieder mal ein letztes Wochende mit seinen Pyro-Gewalt-Orgien überstanden, ohne dass jemand starb. Reines Glück.

    Ich hören sie schon: Die Schönredner, die Zauderer und Bedenkenträger, die ihre Zivilcourage auf ihren Stimmzettel beschränken und sonst ihre Söhne in Schutz nehmen.

    Es ist Zeit, dass wir die Rigidität, mit der wir unseren Anlageberater anweisen auch auf unser eigenes Pack anwenden.

    «Cojones». Aber das ist Spanisch. Wer bei uns spricht schon spanisch?

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    1. Na dann hoffe ich sie gehen mit denselben Cojones gegen „Freiraumchaoten“ vor, werfen dort auch alle in denselben Topf und fordern ein Stadtverbot für Sprayer? Ansonsten fehlen Ihnen eben auch die Cojones und mir fallen dann ein paar andere Worte in Spanisch für sie ein… ¿comprendes? 😉

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